Das BIS stellt zwei Engpässe nebeneinander: Chinas Dominanz bei Seltenen Erden und die Thailand-Flut von 2011, nach der die Festplattenproduktion binnen Wochen wieder anlief. Es ordnet beide nach ihrer Dauer – dauerhaft hier, vorübergehend dort. Die aufschlussreichere Unterscheidung liegt woanders: Bei der Flut wollte der Eigentümer der Kapazität sie so schnell wie möglich wiederherstellen. Bei den Seltenen Erden ist der Eigentümer der Kapazität derjenige, der die Lieferung einschränkt. Daraus folgt, welche Gegenmaßnahmen überhaupt greifen können.


Was das Bulletin zeigt

Am 26. Oktober 2026 hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) das Bulletin Nr. 139 veröffentlicht. Die Autoren Ryan Banerjee, Michael Chui und Leonardo Gambacorta untersuchen darin, wie sich Engpässe in globalen Lieferketten unterscheiden und welche Antwort zu welchem Engpass passt. Vier Fragen strukturieren die Analyse: Lässt sich der Lieferant oder der Input ersetzen? Ist die Störung vorübergehend oder dauerhaft? Gibt es Lagerbestände oder andere Puffer? Können Unternehmen die Produktion verlagern, Produkte umkonstruieren oder neue Lieferanten aufbauen?

Zwei Fälle dienen als Anschauung. Der erste sind die Seltenen Erden, eine Gruppe von 17 chemischen Elementen, die für Permanentmagnete in Elektroautos und Windturbinen gebraucht werden, ebenso wie verwandte Minerale – Antimon, Gallium, Germanium – für Halbleiter. Der zweite ist die Überschwemmung in Thailand im zweiten Halbjahr 2011, als das Land rund 40 Prozent der weltweiten Festplattenproduktion stellte. Die Produktion fiel dort im vierten Quartal 2011 um 55 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Western Digital, dessen thailändische Werke etwa ein Viertel der weltweiten Festplatten lieferten, sah die Auslieferungen von 52,2 Millionen Stück im vierten Quartal 2010 auf 28,5 Millionen ein Jahr später sinken – und hatte die Produktion nach 46 Tagen wieder aufgenommen.

Die Schlussfolgerung des Bulletins: Resilienz sei nicht mit Rückverlagerung oder dem Abbau jeder Konzentration gleichzusetzen. Für dauerhafte strukturelle Abhängigkeiten könnten alternative Kapazitäten und Technologien gerechtfertigt sein, für vorübergehende Störungen seien Lagerhaltung, Redundanz und Krisenvorsorge effizienter.

Das ist plausibel und vorsichtig formuliert. Es lohnt sich dennoch, an den beiden Fällen genauer hinzusehen, denn die Einteilung nach Dauer erklärt weniger, als sie verspricht.

Wo der Vergleich hinkt: Absicht statt Dauer

Beim Thailand-Hochwasser funktionierte die Krisenbewältigung, weil Wiederherstellung möglich war. Die Fabriken standen noch, die Beschäftigten waren da, und der Eigentümer hatte jedes Interesse, wieder zu produzieren. Western Digital verlagerte Teile der Kapazität nach Malaysia, griff auf Lagerbestände zurück, die vor der Flut an sichere Orte gebracht worden waren, und hielt alle 38.000 Beschäftigten mit 75 Prozent ihres Gehalts. Resilienz bedeutete hier: dieselbe Konzentration, nur schneller wieder aufgebaut. Das Bulletin zeigt selbst, dass Thailand seine Rolle in der Festplattenproduktion anschließend ausbaute und heute ein wachsender Lieferant für die USA ist. Der Engpass wurde nicht aufgelöst, er wurde repariert.

Bei den Seltenen Erden ist diese Strategie versperrt, weil die Kapazität, die man „wiederherstellen“ müsste, dem gehört, der sie zurückhält. Eine Flut hat keine Absicht, eine Exportlizenz schon. Ein Engpass, der politisch einsetzbar ist, verhält sich anders als ein Engpass, der nur physisch unterbrochen wird – selbst wenn beide gleich lange dauern würden.

Das Bulletin deutet diesen Unterschied an, ohne ihn zum Ordnungsprinzip zu machen. Die Ankündigung Chinas vom Oktober 2025, bestimmte Seltene Erden und synthetische Diamanten für die Mikroelektronik lizenzpflichtig zu machen, zeigt es: Die Diamant-Ausfuhren stiegen auf fast das Vierfache des normalen Monatsniveaus, weil Käufer Einkäufe vorzogen, und sanken wieder, als die Umsetzung verschoben wurde. Die Wirkung entstand also aus der Ankündigung. Die Macht liegt weniger im tatsächlichen Gebrauch als in der glaubhaften Möglichkeit.

Ob Dauer oder Absicht das bessere Unterscheidungsmerkmal ist, ließe sich nur an Fällen prüfen, in denen beide auseinanderfallen: kurze politische Störungen und lange natürliche. Das Bulletin liefert dafür nur einen Hinweis, den Fall Japan 2010. Dort verhängte China nach einem Zwischenfall zwischen einem Fischtrawler und der japanischen Küstenwache faktisch eine Exportbeschränkung. Japan reagierte nicht mit Wiederherstellung, sondern mit Diversifizierung, Recycling und Technologien zur Reduzierung des Seltenen-Erden-Einsatzes. Das spricht für die Absicht als Unterscheidungsmerkmal. Es bleibt ein einzelner Fall.

Der Engpass sitzt hinter der Grube

Die Seltenen Erden sind, anders als der Name nahelegt, nicht selten. Chinas Anteil an den Reserven lag 2025 bei rund 60 Prozent, der Bergbau-Anteil bei der Produktion von NdFeB-Magneten (Neodym-Eisen-Bor) bei etwa 58 Prozent. Dagegen kommt das Land bei Trennung, Metallraffination und Magnetfertigung auf rund 90 Prozent der weltweiten Kapazität. Die Abhängigkeit liegt also nicht dort, wo die Rohstoffe liegen, sondern dort, wo sie verarbeitet werden. China ist zudem Nettoimporteur von Seltenen Erden: Viele Länder schicken ihre Erze zur Weiterverarbeitung dorthin.

Das Bulletin führt diese Stellung auf vier Faktoren zurück. Steuerrückerstattungen ab 1985 (13 Prozent für Erze, 17 Prozent für Metalle) lockten viele kleine Produzenten an, die Produktion stieg bis 1998 auf mehr als das Siebenfache und der Weltmarktanteil auf 85 Prozent. Schwache Umweltauflagen senkten die Kosten und zogen ausländische Firmen samt Technologie ins Land – das Bulletin nennt die Verlagerung der Verarbeitung von Rhône-Poulenc in Frankreich, wo Auflagen zur Entsorgung radioaktiver Abfälle galten. Konsolidierung und Forschung stärkten die Position: Chinesische Akteure stellten zwischen 2014 und 2018 77 Prozent der weltweiten Patentanmeldungen, zwischen 2019 und 2022 84 Prozent. Und Größenvorteile sowie Nebenproduktgewinnung verstärken den Vorsprung – Gallium fällt vor allem als Nebenprodukt der Aluminiumverarbeitung an, und China stellte 2025 99 Prozent der weltweiten Primärproduktion von Gallium geringer Reinheit.

Die Reihenfolge ist der eigentliche Befund: erst Industriepolitik, dann der Zuzug fremden Wissens, dann die eigene Forschung. Eine Mine lässt sich anderswo eröffnen. Eine über Jahrzehnte gewachsene Verarbeitungskompetenz nicht.

Diversifizierung funktioniert, aber nur teilweise

Japan ist der am besten dokumentierte Versuch. Die Abhängigkeit von chinesischen Importen sank von etwa 80 Prozent auf zeitweise 40 Prozent Mitte der 2010er Jahre. Das Bulletin nennt drei Grenzen. Erstens sind Lieferungen aus anderen Quellen meist teurer: Die Importpreise Japans, der USA und der EU für nicht-chinesische Seltene Erden lagen im Allgemeinen deutlich über denen für chinesische Ware. Zweitens unterscheidet sich die Ersetzbarkeit nach Produkt – Japan bezieht sein gesamtes Lanthanoxid, das in hochwertigem optischem Glas steckt, nach wie vor aus China. Drittens kann Diversifizierung selbst von gemeinsamen Schocks getroffen werden: Während der Covid-19-Pandemie stieg Japans Abhängigkeit wieder, weil die Produktion außerhalb Chinas gestört war.

Hinzu kommt die rechtliche Seite. Die EU, Japan und die USA reichten 2012 gemeinsam eine Klage bei der Welthandelsorganisation gegen Chinas Exportbeschränkungen ein; die WTO entschied gegen China, und China hob die Beschränkungen 2015 auf. Das Verfahren dauerte also rund drei Jahre. Ein rechtlicher Erfolg stellte die Lieferung wieder her, baute aber keine alternative Verarbeitungskapazität auf. Dass das Bulletin das Verfahren nur in einer Fußnote erwähnt, ist bemerkenswert, weil es zeigt, wie begrenzt der Rechtsweg gegenüber einem Engpass ist, dessen Kern in industrieller Kompetenz liegt.

Puffer und Umwege haben ein Ablaufdatum

Das Bulletin beschreibt zwei private Abwehrstrategien: Vorratshaltung und Umleitung über Drittländer. Beide wirken, solange der Halter des Engpasses sie duldet. Die Lagerbestände laufen irgendwann aus. Und die Umleitung kann unterbunden werden: Die Ausfuhren von Yttriumverbindungen nach Südostasien stiegen nach Chinas Lizenzankündigung stark, und US-Daten legen nahe, dass ein Teil davon später in die USA gelangte. Bei Gallium dagegen kam der Export von unverarbeitetem Metall nach einer behördenübergreifenden Aktion gegen Schmuggel und Umleitung im Mai 2025 praktisch zum Erliegen; die Preise außerhalb Chinas lösten sich daraufhin deutlich von den Shanghaier Notierungen.

Diese Umleitung über Südostasien kennt man aus der Gegenrichtung. In dem früheren EconLittera-Essay „Der Name als Umgehung“ ging es um die Frage, wie KI-Chips trotz amerikanischer Exportkontrolle über malaysische und indonesische Rechenzentren nach China gelangen. Hier läuft dieselbe Region als Transitraum für Güter in die andere Richtung. Beide Seiten nutzen sie zur Umgehung der Kontrolle der jeweils anderen, und beide Seiten haben gelernt, sie bei Bedarf zu schließen. Eine Umgehungsstrategie ist deshalb kein Ersatz für eigene Kapazität; sie ist ein geliehener Zeitgewinn.

Was die Zahl von 0,01 Prozent trägt – und was nicht

Das Bulletin führt ein Beispiel an, das es als Unterscheidung zwischen strategischer und gesamtwirtschaftlicher Bedeutung einsetzt: Schätzungen zufolge würde ein vollständiges einjähriges chinesisches Embargo auf Gallium das US-Bruttoinlandsprodukt um etwa 3,1 Milliarden Dollar mindern, also um 0,01 Prozent. Ein Input könne hochkonzentriert und strategisch wichtig sein, ohne ein großes makroökonomisches Risiko darzustellen.

Die Zahl trägt diese Aussage – sie zeigt, dass der Gesamteffekt klein ist. Sie trägt nicht die Aussage, dass die Lage beherrschbar ist. Ein Maß für den gesamten Output sagt nichts darüber, wo der Ausfall konzentriert auftritt: Das Bulletin selbst nennt Gallium als Input für Näherungssensoren und Hochfrequenzelektronik in Militärgerät. Dort entsteht der Schaden nicht proportional zum Bruttoinlandsprodukt, sondern an einzelnen Produktionslinien, die nicht ersetzbar sind. Die zugrunde liegende Studie stammt außerdem von 2024, also aus der Zeit vor dem Stopp der Ausfuhr von unverarbeitetem Gallium und der Preisspreizung, die das Bulletin dokumentiert. Eine Schätzung der Wirkung auf die Gesamtwirtschaft ist ein Argument gegen Panik, aber noch keines für Gelassenheit.

Was daraus für Europa folgt

Das Bulletin gibt keine Empfehlung für einzelne Regionen, und ich lese aus ihm keine heraus. Zwei Dinge lassen sich aber festhalten, wenn man seine Unterscheidung ernst nimmt.

Erstens: Wenn der Engpass in der Verarbeitung liegt, ist die Frage nach Bergbau außerhalb Chinas die kleinere. Maßgeblich ist, ob Trennchemie, Metallraffination und Magnetfertigung aufgebaut werden. In früheren Beiträgen zu Bitterfeld-Wolfen und zum Recycling von Magnetschrott ging es genau darum: Dort entscheidet sich, ob aus einer Ankündigung Prozesswissen wird. Das BIS-Bulletin liefert dazu den Zeithorizont – Japans Weg von 80 auf 40 Prozent dauerte rund ein Jahrzehnt und blieb bei einzelnen Produkten wie Lanthanoxid wirkungslos.

Zweitens: Die Empfehlung, Maßnahmen an der Art der Verwundbarkeit auszurichten, setzt voraus, dass man die Art kennt. Für Seltene Erden hält das Bulletin sie für strukturell. Dass sie es auch für den Rest der genannten Minerale – Antimon, Germanium, Gallium – gleichermaßen ist, zeigt es nicht, sondern nur für Gallium, und dort mit einem besonders starken Nebenproduktvorteil. Die Gruppe der kritischen Minerale ist heterogener, als eine gemeinsame Überschrift vermuten lässt.

Einordnung

Die These, dass die Absicht des Akteurs, der den Engpass kontrolliert, die passende Resilienzstrategie stärker bestimmt als die Dauer der Störung, ist vorläufig korroboriert. Sie stützt sich auf zwei Fälle, die das Bulletin selbst nur skizziert, ergänzt um den japanischen Präzedenzfall von 2010. Eine systematische Prüfung über weitere Engpässe steht aus. Ebenso gilt: Der Thailand-Fall beruht in seinen Einzelheiten auf einer einzigen Fallstudie zu einem einzelnen Unternehmen, die naturgemäß dessen Krisenmanagement ins Zentrum stellt.

Ralf Keuper


Quellen
  • Banerjee, R., Chui, M., Gambacorta, L. (2026): Chokepoints in global supply chains: lessons from rare earths and hard disk drives, BIS Bulletin No 139, 26. Oktober 2026. PDF
  • Im Bulletin zitierte Studien, hier nach dem Bulletin wiedergegeben und nicht im Original geprüft: Nassar et al. (2024), USGS Open-File Report 2024–1057 (Gallium/Germanium); Lau/Wongsurawat (2013), Strategy and Leadership 41(1) (Western Digital); Shen/Moomy/Eggert (2020), Mineral Economics 33 (Chinas Seltene-Erden-Politik); Terazawa (2023), World Economic Forum (Japan); Moving Targets Consulting (2026) (Patente); US Geological Survey (2026), Mineral Commodity Summaries 2026.
  • Eigene frühere Beiträge auf EconLittera: „Der Name als Umgehung“ (Inspur/Aivres und die Exportkontrolle bei KI-Chips); „Die drei Chemien von Bitterfeld-Wolfen“; „Zwei Enden der Batteriekette“.