Warum wird aus einer moralischen Verfehlung manchmal ein Skandal – und meistens nicht? Der Frankfurter Soziologe Karl Otto Hondrich hat in seinem Buch „Enthüllung und Entrüstung. Eine Phänomenologie des politischen Skandals“ (edition suhrkamp, 2002) eine Antwort vorgeschlagen, die zwei Erklärungsmuster zusammenführt: das ökonomische Paradigma von Angebot und Nachfrage und das kultursoziologische Paradigma normativer Regelungen. Skandale, so seine These, entstehen nicht dort, wo am meisten gesündigt wird, sondern dort, wo ein funktionierender Markt für Enthüllung und Empörung besteht. Im Folgenden wird dieser Markt in seinen Bauteilen nachgezeichnet: die Ware, ihr Angebot, ihre Nachfrage, der Zwischenhandel, die Reifung zur Marktfähigkeit und die kulturellen Regeln, die den Handel begrenzen.


Die Ware: Verfehlung, Enthüllung, Entrüstung

Hondrich definiert einen Skandal als moralische Verfehlung von Personen oder Institutionen, verbunden mit einer Enthüllung dieser Verfehlung und mit weithin sichtbarer Entrüstung. Alle drei Elemente müssen zusammenkommen. Fehler und Irrtümer, wie sie in Politik, Wirtschaft und Kultur laufend vorkommen, werden erst dann zur skandalträchtigen Verfehlung, wenn sie als Verstoß gegen Werte und Normen geprüft und für unentschuldbar befunden werden – und selbst dann gilt nicht jede Abweichung von geltenden Normen als moralische Verfehlung, sondern erst die, die über das gesellschaftlich noch akzeptierte Maß an Nichterfüllung hinausgeht.

Damit ist die Ware benannt, mit der der Enthüllungsmarkt handelt: nicht die Verfehlung selbst, sondern ihre öffentlich gemachte, moralisch geprüfte und massenhaft goutierte Fassung. Der „Handel mit Moralgütern“, so Hondrichs Formulierung, ist „nicht nur, aber auch ein Handel mit enthüllter Unmoral – deshalb allenfalls soziologisch, aber nicht moralisch legitimierbar“. Diese Unterscheidung trägt den ganzen Essay: Wer die Marktlogik des Skandals beschreibt, rechtfertigt sie nicht.

Das Angebot: Warum jede komplexe Gesellschaft ihre eigene Unterwelt erzeugt

Woher kommt das Angebot an Normverstößen? Hondrich sieht die Ursache in der Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften selbst. Je komplexer eine Gesellschaft, desto stärker differenzieren sich ihre Wertsphären aus, desto unterschiedlicher werden die in ihnen akzeptierten Standards – und desto mehr wächst das Angebot an moralischen Verfehlungen, weil das, was in einer Sphäre erlaubt ist, in einer anderen zu Lasten Dritter geht. Gleichzeitig produzieren Gesellschaften mit wachsender Regelungsdichte immer neue offizielle Normen, ohne deren Geltungsbereiche sauber gegeneinander abzugrenzen. Aus dieser Lücke zwischen normativer Regelung und faktischem Verhalten entsteht das, was der ungarische Soziologe Elemér Hankiss die „Zweite Gesellschaft“ genannt hat: ein Schattenreich der Inoffizialität, in dem auf einer zweiten, informellen Ebene neue, den offiziellen Normen widersprechende Regeln gelten – ein Nährboden, der immer weitere Abweichungen erzeugt.

Skandalträchtig sind dabei vor allem…