Wenn heute über Chinas Ambitionen in Wirtschaft, Technologie und Wissenschaft berichtet wird, schwingt oft der Unterton des Plötzlichen mit: ein Land, das binnen weniger Jahre vom Nachahmer zum Herausforderer wurde. Diese Lesart übersieht eine Vorgeschichte, die weit über die letzten zwei, drei Jahrzehnte zurückreicht. Pankaj Mishra datiert in seinem Buch Aus den Ruinen des Empire. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens den symbolischen Bruch auf den Mai 1905: die Seeschlacht von Tsushima, in der eine japanische Flotte einen Teil der russischen Marine vernichtete – der erste Sieg eines außereuropäischen Landes über eine europäische Großmacht in einem größeren Krieg seit dem Mittelalter. Was folgte, war kein einzelnes Ereignis, sondern ein über Generationen fortgeschriebenes Programm: die Aneignung westlicher Techniken und Institutionen bei gleichzeitiger Ablehnung westlicher Bevormundung. Was in westlicher Wahrnehmung heute als Beschleunigung erscheint, lässt sich ebenso gut als das späte, sichtbar werdende Ergebnis dieses langen Vorlaufs lesen.


Ein Programm, kein Zufall

Der chinesische Reformer Liang Qichao formulierte bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts einen Gedanken, der sich bis heute in der strategischen Kultur wiederfindet: Freiheit und Gleichrangigkeit gegenüber den etablierten Mächten seien nicht durch moralischen Anspruch zu erlangen, sondern nur durch vorherigen Aufbau eigener Stärke – notfalls unter Zurückstellung der politischen Liberalisierung, die der Westen predigte, aber selbst erst nach eigener Machtkonsolidierung vollzogen hatte. Diese Sequenzlogik – zuerst Stärke, dann (vielleicht) Öffnung – ist keine Erfindung der Gegenwart. Dass sie sich über einen vollständigen Systemwechsel hinweg (vom untergehenden Kaiserreich über Republik und Bürgerkrieg bis zur Volksrepublik) immer wieder in ähnlicher Form zeigt, spricht weniger für eine bewusste Traditionslinie einzelner Akteure als für eine strukturelle Antwort auf eine wiederkehrende Ausgangslage: die eines Landes, das sich in einem international geordneten System als nachrangig behandelt sieht und daraus den Schluss zieht, Verhandlungsmacht müsse zuerst erarbeitet werden, ehe sie eingefordert werden kann. Diese Lesart ist vorläufig, gestützt auf einen einzelnen historischen Beleg (Liang) statt auf eine systematische Untersuchung aller relevanten Reformdenker der Zeit – sie beansprucht Plausibilität, keinen Beweis.

Wirtschaft: Geduld als Strategie, nicht als Schwäche

Am deutlichsten zeigt sich dieses Sequenzdenken heute in der chinesischen Währungspolitik. Seit der Finanzkrise 2008 verfolgt Peking die Internationalisierung des Renminbi – aber, wie die Stiftung Wissenschaft und Politik feststellt, „mehrgleisig, hartnäckig in kleinen Schritten und mit langfristiger Perspektive“, während der entscheidende Schritt zur vollen Kapitalkontenkonvertibilität bewusst vermieden wird. Der sichtbare Ertrag nach anderthalb Jahrzehnten ist auf globaler Ebene bescheiden: Der Renminbi bleibt bei Devisenreserven und weltweitem Zahlungsverkehr im niedrigen einstelligen Prozentbereich, weit hinter dem Dollar. Innerhalb von Chinas eigenem grenzüberschreitendem Zahlungsverkehr aber ist der Dollaranteil von rund 80 Prozent (2010) auf 40 bis 45 Prozent (2025) gefallen – begleitet vom Aufbau einer eigenen Clearing-Infrastruktur (CIPS) und einer digitalen Zentralbankwährung, die eher wie eine Vorbereitung auf künftige Reic…