Eine neue Erzählung kursiert seit Kurzem in der KI-Debatte: „Co-Creation“ soll Europas Unternehmen erlauben, ihre Daten mit leistungsfähigen Basismodellen zu verknüpfen und so eigene Wertschöpfung zu sichern, statt sie an außereuropäische Anbieter zu verlieren. Als Beleg dient das staatlich geförderte Projekt SOOFI. Verfasst hat den Text Boris Otto — Institutsleiter von Fraunhofer ISST und zentrale Figur hinter Gaia-X, IDSA und Catena-X. Ein Blick auf die technische Umsetzung zeigt: Die Architekturfrage, die Co-Creation lösen will, wird nicht beantwortet, sondern nur verschoben — von ihrem eigenen langjährigen Architekten.
Die Argumentation ist auf den ersten Blick plausibel. Europa werde kurzfristig weder bei den leistungsfähigsten KI-Modellen noch bei den größten Cloud-Anbietern führend sein — entscheidend sei stattdessen, wie sich die Technologie in wirtschaftliche Wertschöpfung übersetzen lasse. Der eigentliche Schatz liege nicht im Modell, sondern in den Daten, dem Domänenwissen und der Anwendungskompetenz europäischer Industrieunternehmen.
Daraus wird ein Drei-Schichten-Modell abgeleitet: ein generisches Basismodell, das allgemeine Sprache und Weltwissen beherrscht; darauf aufbauend ein branchenspezifisches Modell, trainiert mit Fachsprache und -daten, das sich für die Zusammenarbeit in Konsortien eigne, weil es kein einzelnes Geschäftsgeheimnis, sondern branchenweites Wissen enthalte; und schließlich die unternehmenseigene Ebene, auf der sich die Unterschiede zwischen den Firmen zeigen. Verkettet man die drei Ebenen, entstehe neue Wertschöpfung mit vergleichsweise wenig Daten und Rechenressourcen.
Die Kehrseite wird ebenfalls benannt: Bleibt Europa bei den leistungsfähigsten Modellen von außereuropäischen Anbietern abhängig, drohe „Value Leakage“ — ein Großteil der Gewinne entstehe dann außerhalb des Kontinents. Die Antwort darauf sei kontrollierte, unter klaren Governance-Regeln organisierte Datenteilung, etwa in Form verteilter Daten-Pools oder Daten-Allianzen. Der Staat wiederum solle vor allem auf der Ebene der allgemeinen und branchenspezifischen Modelle ansetzen, weil deren Entwicklung Investitionen erfordere, die einzelne Unternehmen übersteigen.
Als Beispiel für genau diesen staatlichen Beitrag wird das Projekt SOOFI genannt — Sovereign Open Source Foundation Models.
Was SOOFI tatsächlich ist
SOOFI ist real, und es ist mehr als eine Ankündigung. Ein Konsortium aus sechs Forschungseinrichtungen (darunter Fraunhofer IAIS und IIS, DFKI, TU Darmstadt, Universität Würzburg, L3S Hannover) und zwei Unternehmen (ellamind, Merantix Momentum) hat unter Federführung des KI-Bundesverbands ein offenes Sprachmodell mit ursprünglich angestrebten 100 Milliarden Parametern entwickelt. Gefördert wird das Vorhaben mit rund 20 Millionen Euro durch das Bundeswirtschaftsministerium bis Juli 2026. Mittlerweile liegt mit „Soofi S“ eine erste, kleinere Ausbaustufe vor: ein Mixture-of-Experts-Modell mit rund 30 Milliarden Parametern, von denen pro Token nur etwa 3 Milliarden aktiv sind.
Ein Detail der technischen Umsetzung verdient besondere Aufmerksamkeit, weil es im Co-Creation-Narrativ nicht vorkommt: Soofi S wurde vollständig auf der Industrial AI Cloud der Deutschen Telekom in München trainiert.
Die verschobene, nicht aufgelöste Abhängigkeit
Das Co-Creation-Argument stellt seine Souveränitätsfrage auf der Modellebene — wessen Basismodell, wessen Trainingsdaten, wessen Governance. Was dabei ausgespart bleibt, ist die Ebene darunter: die Recheninfrastruktur, auf der jedes Modell — souverän deklariert oder nicht — trainiert und betrieben wird. SOOFI beantwortet die Abhängigkeit von US-amerikanischen Hyperscalern nicht, indem es sie auflöst, sondern indem es sie durch eine Abhängigkeit von einem deutschen Cloud-Betreiber ersetzt. Das ist ein Betreiberwechsel innerhalb derselben Architekturfrage, kein Ausstieg aus ihr. Die Kontrolle über Gewichte und Trainingsdaten mag europäisch sein — die Kontrolle über die Schicht, auf der diese Gewichte überhaupt entstehen und laufen, bleibt eine offene, im Text unbeantwortete Frage.
Damit stellt sich auch die Value-Leakage-These in neuem Licht. Sie wird im Co-Creation-Argument allein über die Datenebene gelöst: Wer die Kontrolle über seine Daten behalte, sichere sich die Wertschöpfung. Das übergeht, dass Rechenintensität selbst ein Faktor ist, der Wert abschöpft — unabhängig davon, wem die Daten formal gehören. Eine Compute-Schicht, die dauerhaft als Zwischenakteur an jeder KI-Transaktion mitverdient, wird durch bessere Data-Governance nicht neutralisiert.
Die Allianzfrage bleibt unbeantwortet
Der zweite Baustein des Co-Creation-Vorschlags — Unternehmen sollten ihre Daten über Konsortien, Daten-Pools und Allianzen unter „klaren Governance-Regeln“ teilen — stellt an die Kooperationsbereitschaft der Beteiligten eine Erwartung, die in der deutschen digitalen Konsortiallandschaft wiederholt nicht eingelöst wurde. Der Text benennt nicht, warum diese Runde anders verlaufen sollte als frühere Versuche, eine Plattformfrage konsensual statt kompetitiv zu lösen.
Der Architekt hinter der Argumentation
Die Parallele zu Gaia-X ist keine bloße Familienähnlichkeit der Argumentation — sie hat einen Namen. Autor des Co-Creation-Texts ist Boris Otto, Inhaber des Lehrstuhls für Industrielles Informationsmanagement an der TU Dortmund und zugleich geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik (ISST), das bei Gaia-X die technische Zertifizierungsarbeit leistete. Otto ist zudem stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Catena-X Automotive Network, Vorstandsmitglied der Gaia-X European Association for Data and Cloud sowie der International Data Spaces Association (IDSA) — und Mitglied im Präsidium der Fraunhofer-Gesellschaft als Vorsitzender des Direktoriums des Fraunhofer-Verbunds IuK-Technologie. Gemeinsam mit Hubert Österle erarbeitete er zudem die methodischen Grundlagen der „Konsortialforschung“ — jenes multilateralen Ansatzes zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, der Gaia-X, IDSA und Catena-X strukturell trägt.
Der Co-Creation-Text ist damit kein externer Kommentar zum Konsortialmodell, sondern dessen Selbstfortschreibung durch seinen eigenen Architekten. SOOFI dient darin als Beleg für ein Argument, an dessen institutioneller Vorgeschichte Otto selbst maßgeblich beteiligt war — obwohl er nach verfügbaren Quellen nicht Teil des SOOFI-Konsortiums ist, dessen Fraunhofer-Beteiligung über die Institute IAIS und IIS läuft, nicht über ISST. Das Argumentationsmuster (Souveränität gegen US-/chinesische Abhängigkeit, Konsortialforschung als Methode, staatliche Förderung als Hebel) ist jedoch dasselbe, mit dem Otto bereits Gaia-X und Catena-X begründet hat. Ob SOOFI dem für Gaia-X bereits dokumentierten Verlauf — Verkümmerung zur Zertifizierungsbürokratie beziehungsweise, im Fall von Catena-X, anhaltende Governance-Probleme und schleppende Adoption — entgeht, lässt sich aus der bisherigen Konsortialgeschichte ihres eigenen Architekten nicht optimistisch beantworten.
Vorläufiges Fazit
Die Volte ist rhetorisch geschickt: Sie erkennt die europäische Schwäche bei Basismodellen an, ohne sie folgenlos zu lassen, und bietet mit SOOFI einen konkreten, staatlich geförderten Gegenbeweis an. Bei näherem Hinsehen verschiebt SOOFI die Architekturfrage jedoch nur um eine Ebene — vom Modell zur Cloud, vom US-Hyperscaler zum deutschen Betreiber. Ob aus dieser Verschiebung tatsächlich wirtschaftliche Souveränität entsteht oder nur ein neuer, diesmal inländischer Abhängigkeitsknoten, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend beantworten und bleibt vorläufig zu beobachten – Zweifel sind aufgrund der Vorgeschichte jedoch angebracht.
Ralf Keuper
Quellen:
- Industriedaten besser nutzen: Co-Creation als Europas KI-Chance
- Bundeswirtschaftsministerium: Pressemitteilung zu SOOFI (18.11.2025) — https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/2025/11/20251118-bundeswirtschaftsministerium-foerdert-aufbau-eines-europaeischen-ki-sprachmodells.html
- heise: „Soofi: Germany to develop sovereign AI language model“ — https://www.heise.de/en/news/Soofi-Germany-to-develop-sovereign-AI-language-model-11083336.html
- Soofi-Project: Pretraining Tech Report (Soofi S, Industrial AI Cloud/Deutsche Telekom) — https://huggingface.co/spaces/Soofi-Project/Pretraining-Tech-Report
- KI-Bundesverband: Pressemitteilung SOOFI-Start — https://ki-verband.de/wp-content/uploads/2025/11/251112_PM-Soofi-1.pdf
- Ralf Keuper: „Die Compute-Schicht als neue Rente“ (EconLittera, 13.09.2026) — https://econlittera.bankstil.de/die-compute-schicht-als-neue-rente
- Fieldfisher: Gaia-X AISBL-Gründungsmitglieder (Fraunhofer, Atos, Safran, SAP u.a.) — https://www.fieldfisher.com/de-de/insights/gaia-x-fieldfisher-berat-bundesministerium-fur-wir
- CIO.de: „Europäisches Cloud-Projekt Gaia-X macht nächste Schritte“ (Fraunhofer-ISST-Zertifizierungsrolle) — https://www.cio.de/article/3691377/europaeisches-cloud-projekt-gaia-x-macht-naechste-schritte.html
- IDSA / Fieldfisher: Catena-X-Gründungsakteure (BMW, Mercedes-Benz, Bosch, Schaeffler, ZF, SAP, Telekom, BASF) — https://internationaldataspaces.org/?p=21038
- TU Dortmund: Profil Prof. Dr. Boris Otto (Lehrstuhl Industrielles Informationsmanagement, Fraunhofer ISST, Catena-X/Gaia-X/IDSA-Ämter, Konsortialforschung mit Hubert Österle) — https://iim.mb.tu-dortmund.de/team/boris-otto/
