Die Walter Bau AG aus Augsburg war einer der größten deutschen Baukonzerne – und ihr Fall 2005 wird bis heute meist als Bündel aus schwacher Baukonjunktur, Managementfehlern und einer gescheiterten Übernahme Ende 2004 erzählt. Ein Blick auf die Chronologie und auf zeitgenössische, teils unabhängige Quellen ergibt ein anderes Bild: Der eigentliche Bruch lag schon vier Jahre früher, in einer Bankenentscheidung des Jahres 2000 – und ein Gegenfall aus derselben Branche und Ära (Goldbeck) zeigt, dass dieselbe Baukrise ein anders finanziertes Unternehmen nicht nur überleben, sondern wachsen ließ.

Ihre Wurzeln reichen bis 1876 zurück, als der Bauingenieur Alfred Thormann und der Maurermeister Tobias Schneller in Augsburg ein Bauunternehmen gründeten – später unter dem Namen Thosti firmierend (nach Thormann und dem 1880 eingetretenen Teilhaber Jean Stiefel). 1978 übernahm Ignaz Walter die Aktienmehrheit an der Thosti Bau AG und leitete damit eine Serie von Übernahmen ein, die den späteren Konzern formte: Die Thosti Bau-AG erwirtschaftete 1982 eine Bauleistung von 500 Millionen Mark bei 3.800 Beschäftigten; im Januar 1983 kam mit der Übernahme der Boswau + Knauer AG (750 Millionen Mark Bauleistung, 4.700 Beschäftigte) der sechstgrößte Baukonzern der Bundesrepublik hinzu – die Fusion beider Firmen zur WTB. 1986 die Übernahme von Heilit + Woerner, 1988 der Einstieg bei Züblin (54 % der Aktien), 1990 die Umbenennung in Walter Bau AG samt Börsengang, 1991 die – wie sich zeigen wird, keineswegs unumstrittene – Übernahme von 51 % der DYWIDAG-Aktien, bei der Alfred Herrhausen, der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, unterstützend tätig war. Die (der institutionellen Nachzeichnung zufolge) ausschließlich aus Eigenkapital und laufendem Ertrag erfolgte Finanzierung sämtlicher Übernahmen zwischen 1978 und 1996 ist, wie unten dargelegt, selbst quellenkritisch zu hinterfragen. 2001 verschmolzen Walter Bau AG und DYWIDAG vollständig zur „Walter-Bau AG vereinigt mit DYWIDAG“. In den 1990er Jahren deckte der Konzern das gesamte Spektrum des Bauwesens ab – Hoch- und Industriebau, Ingenieur- und Spezialtiefbau, Straßen-, Brücken- und Tunnelbau, Projektentwicklung – mit Großprojekten von Hongkong bis Las Vegas.


Die verdeckte Vorgeschichte: eine von Anfang an umstrittene Expansion

Ein Spiegel-Artikel aus der Zeit des Dywidag-Übernahmeversuchs verschiebt das Bild der institutionellen Rekonstruktion erheblich. Was Wikipedia als kooperativen Vorgang beschreibt („unterstützt von Herrhausen“), war laut dieser zeitgenössischen Quelle eine als „feindliche Übernahme“ bezeichnete, heftig umkämpfte Aktion: Der Dywidag-Vorstand selbst wehrte sich, ebenso die übrigen Großaktionäre (der Bauunternehmer Max Aicher, der französische Baukonzern Dumez und – bemerkenswert – die Philipp Holzmann AG als Mitaktionärin), die gemeinsam 50 Prozent der Dywidag-Aktien hielten und sich Walters Übernahmeplänen verweigerten. Walter reagierte mit Druckmitteln wie der Blockade einer geplanten Kapitalerhöhung und der Ankündigung, dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern.

Zentral ist ein zweiter Punkt: Der Artikel hält ausdrücklich fest, dass Konkurrenten und Beobachter rätselten, woher Walter das Geld für seine fortlaufenden Zukäufe nahm – eine direkte zeitgenössische Gegenposition zu der (vermutlich auf Walters eigene Darstellung zurückgehenden) späteren Angabe, alle Übernahmen 1978–1996 seien ausschließlich aus Eigenkapital finanziert worden. Eine unbelegte Selbstdarstellung findet sich damit unkritisch in einer institutionellen Quelle wieder, während eine unabhängige, zeitgleiche Quelle bereits Zweifel dokumentiert. Für die Einordnung bedeutet das, die Eigenkapital-These nicht unkommentiert zu übernehmen, sondern als Teil der zu prüfenden Selbstnarrative zu behandeln.

Der Artikel dokumentiert zudem, unabhängig von Walters eigener Darstellung, ein M…