Das Smarter Service Institut lässt über die Leitfrage seiner nächsten Mittelstandsstudie abstimmen – und Hermann Simon bringt mit seiner These der moderaten Deindustrialisierung ein altbekanntes Motiv unter neuem Label zurück ins Spiel: die Hidden Champions als Beweis für die überlegene Wandlungskraft des deutschen Mittelstands. Schon die Ausgangsformulierung – „tief in den Wertschöpfungsketten, nicht an ihrer Oberfläche“ – entscheidet die eigentliche Architekturfrage stillschweigend gegen die Hidden Champions. Und ein genauerer Blick auf die Kronzeugen zeigt: Sowohl Trumpf als auch Zeiss besitzen mit ihren EUV-Komponenten für ASML echte, vorläufig konkurrenzlose Chokepoint-Positionen – doch nur bei Zeiss trägt diese Sparte genug Gewicht im Konzern, um den Gesamtkonzern zu stützen, während sie bei Trumpf neben einem viel größeren, gerade strauchelnden generischen Geschäft fast untergeht. Miele, im Gründungsbeitrag des Instituts selbst als Wandlungskraft-Beispiel genannt, liefert unterdessen das Gegenbeispiel: eine über Jahre selbstverschuldete Erosion der Premiumpositionierung, die chinesischen Wettbewerbern erst den Architekturmacht-Transfer ermöglicht hat. Wer daraus 2027 eine Studie macht, sollte zunächst den Mythos prüfen, bevor er ihn fortschreibt.


Eine bekannte Volte

Hermann Simon stellt eine These in den Raum, die auf den ersten Blick plausibel klingt: Deutschland müsse nicht jede energieintensive Produktion konservieren, sondern könne Kapital, Energie und Fachkräfte gezielt auf Deep Tech und höherwertige Wertschöpfung konzentrieren. Das Smarter Service Institut illustriert das am Beispiel Apple, dessen Marke und Endprodukt zwar die Konsummärkte prägen, während zahlreiche deutsche Unternehmen mit Spezialklebstoffen, Sensoren, Fertigungsanlagen und Software die eigentlichen Schlüsselkomponenten liefern – ebenso am Beispiel ASML, dessen Lithografiesysteme von Lasertechnik aus Ditzingen (Trumpf) und optischen Systemen aus Oberkochen (Zeiss) abhängen. Als Beleg dienen, wie so oft, die Hidden Champions – Trumpf, Zeiss, Multivac, DELO und weitere –, deren Laser, Optiken, Klebstoffe und Sensoren angeblich zeigen, wo die eigentliche Bedeutung deutscher Industrie liegt: tief in den Wertschöpfungsketten, nicht an ihrer Oberfläche.

Diese Formulierung verdient einen zweiten Blick, weil sie bereits eine Vorentscheidung trifft, die im weiteren Verlauf der These unsichtbar bleibt. „Tief in der Kette, nicht an der Oberfläche“ klingt wie eine Auszeichnung – tatsächlich beantwortet der Satz aber schon die Architekturfrage, und zwar verneinend: Architekturentscheidungen, welche Schnittstellen gelten, wie Module integriert werden, wer die Systemgrenzen definiert, werden an der Oberfläche getroffen, bei OEMs und Systemintegratoren, nicht in der Tiefe der Zulieferkette. Die These akzeptiert damit im Ausgangssatz bereits, dass die Hidden Champions Komponentenlieferanten in fremden Architekturen sind, und verkleidet diese Selbstbeschränkung als Bedeutungszuwachs. Die spätere Frage nach der Wandlungskraft ist damit von vornherein keine Frage nach Architekturmacht mehr, sondern nur noch nach der Anschlussfähigkeit als Zulieferer – der Komponentenlieferanten-auf-Zeit-Status wird also nicht erst am Ende der Argumentation sichtbar, sondern bereits in der Ausgangsprämisse vorweggenommen und positiv umgedeutet.

Daraus leitet das Smarter Service Institut für seine sechste Studienwelle eine von fünf zur Abstimmung stehenden Leitfragen ab: „Weltklasse-Wertschöpfung – Die Wandlungskraft des deutschen Mittelstands“. Studienleiter Bernhard Steimel weist selbst darauf hin, dass diese These empirisch bislang unbelegt ist und deshalb gemeinsam mit vier weiteren Themen – produktive Digitalisierung, Wachstumsreserven, europäische Souveränität, die Struktur besonders produktiver Unternehmen – zur Wahl steht. Das Voting läuft bis zum 30. September 2026, die Ergebnisse der sechsten Studienwelle erscheinen im April 2027 zum Ludwig-Erhard-Gipfel. Die Frage ist zweifellos die anspruchsvollste der fünf – und zugleich diejenige, die am meisten Vorsicht verlangt.

Relabeling statt Revision

Bevor man sich der Wandlungskraft-These inhaltlich zuwendet, lohnt ein Blick auf ihre Herkunft. Simons Hidden-Champion-Konzept stammt aus den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren und beruhte auf einem bestimmten historischen Zeitfenster: exportorientierte Nischenführerschaft, familiengeführte Mittelständler, stabile Abnehmerstrukturen in prosperierenden Leitbranchen. Es hat drei Jahrzehnte Bestand gehabt, weil es zu dieser industriellen Realität passte – nicht weil es ein zeitloses Erklärungsmodell gewesen wäre. Bereits in seinem eigenen Vorwort zu Kenichi Ohmaes Triade-Konzept, das im selben Zeitgeist entstand, zeigte Simon eine bemerkenswerte Ambivalenz gegenüber der unreflektierten Übertragbarkeit solcher Weltbilder auf neue Kontexte.

Wenn nun dieselben Vorzeigefirmen als Belege für eine neue, zeitgeistgerechte Formel herangezogen werden – Deep Tech, moderate Deindustrialisierung, Wandlungskraft –, ohne dass die zugrundeliegende Evidenzbasis aktualisiert oder auch nur in Frage gestellt wird, handelt es sich eher um eine Relabeling-Strategie als um eine neue empirische These. Das alte Konzept wird mit dem Vokabular der aktuellen Standortdebatte neu verpackt, ohne dass die Kernbehauptung – deutsche Mittelständler seien strukturell überlegen anpassungsfähig – jemals wirklich geprüft worden wäre.

Das fügt sich in ein Muster, das sich unabhängig von der aktuellen Studienfrage beobachten lässt: Je brüchiger die Lage der deutschen Industrie wird, desto häufiger wird auf die Hidden Champions verwiesen – gerade in dem Moment, in dem ihre Erfolgsvoraussetzungen erodieren. Das Narrativ erfüllt dabei zunehmend eine industriepolitische Beruhigungsfunktion: Es erlaubt, Untätigkeit als Respekt vor dem Mittelstand umzudeuten, weil es empirisch unbestreitbar (es gibt diese Unternehmen), emotional anschlussfähig und zugleich empirisch schwer überprüfbar ist – die einzelnen Firmen sind kaum berichtspflichtig. Eine Wandlungskraft-Studie, die diese Funktion nicht mitreflektiert, liefe Gefahr, selbst Teil der Beruhigungserzählung zu werden, statt sie zu prüfen.

Bezeichnend ist zudem, wie dünn die empirische Grundlage der These im eigenen Gründungsbeitrag des Instituts ausfällt. Studienleiter Bernhard Steimel räumt selbst ein, dass die Kausalität zwischen Unternehmenslanglebigkeit und Wandlungsfähigkeit „empirisch nicht belegt“ ist. Die dort zitierte Schlüsselzahl – 44 Prozent aller Weltmarktführer stammten aus dem deutschen Mittelstand – trägt im selben Beitrag den Vermerk, für die aktuelle Ausgabe noch verifiziert werden zu müssen. Das Institut stützt seine Studienfrage also auf eine Zahl, die es selbst noch nicht geprüft hat.

Auch Miele: Dieselbe Erosionslogik in anderer Branche

Steimels Gründungsbeitrag nennt als Beleg für Wandlungskraft ausdrücklich nicht nur Trumpf, sondern auch Miele (127 Jahre) und Freudenberg (177 Jahre) – als Unternehmen, die sich „immer wieder neu erfinden, ohne ihre Identität zu verlieren“. Gerade bei Miele lohnt der Abgleich mit der Gegenwart besonders, weil sich hier dieselbe Kausalstruktur wie bei Trumpf, Zeiss und SICK zeigt, nur in einer anderen Branche: Chinesische Hausgerätehersteller wie Haier, Midea und Hisense gewinnen in Deutschland Marktanteile – nicht primär durch Dumpingpreise, sondern durch einen echten Architekturmacht-Transfer im Sinne von Henderson und Clark: Haier erwarb 2016 gezielt Systemkompetenz, Servicenetz und Marktkenntnis über die Übernahme der GE-Appliances-Sparte, Midea und Hisense vollzogen den Weg von der OEM-Fertigung zur eigenständigen Markenpositionierung in unter zwei Jahrzehnten.

Was diese Verschiebung begünstigt hat, ist jedoch keine reine Fremdverdrängung, sondern eine über Jahre selbst herbeigeführte Erosion der Premiumpositionierung: Miele produziert längst überwiegend in Polen und Tschechien, während die Marke implizit „Gütersloh“ kommuniziert; zugleich wurden Komponenten zur Margensicherung systematisch substituiert, mit messbar sinkender Kundenzufriedenheit als Folge. Der Mechanismus ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf – Margendruck erzwingt Komponentensubstitution, diese senkt die Qualität, sinkende Qualität untergräbt das Preispremium, das fragiler werdende Premium erhöht wiederum den Margendruck. Miele zerstört damit genau das Asset, das die eigene Premiumpositionierung überhaupt rechtfertigt: Langlebigkeit und Verarbeitungsqualität waren nicht nur Produkteigenschaften, sondern die operative Grundlage des Markenkapitals selbst.

Das ist dieselbe Logik, die bereits bei Trumpf, Zeiss und SICK sichtbar wurde, nur mit vertauschten Vorzeichen in der Kausalkette: Dort erodiert die Architekturmacht der Leitbranche von außen und entzieht dem eingebetteten Zulieferer seinen Status; bei Miele erodiert die eigene Premiumarchitektur von innen, durch systematische Selbstdemontage, und macht das Unternehmen dadurch erst verwundbar für den Architekturmacht-Transfer der chinesischen Wettbewerber. In beiden Fällen ist die anschließend sichtbare „Schwäche“ aber keine Überraschung, sondern das Ergebnis einer bereits vorher gelaufenen strukturellen Entwicklung – und in beiden Fällen liefert ausgerechnet das Unternehmen, das gerade als Wandlungskraft-Beleg zitiert wird, das Gegenbeispiel.

Das Problem mit den Kronzeugen

Wer die These der Wandlungskraft anhand von Trumpf und Zeiss illustrieren will, sollte einen Blick auf die Gegenwart dieser Unternehmen werfen. Trumpf hat das Geschäftsjahr 2024/25 mit einem Verlust von 23,4 Millionen Euro abgeschlossen – nach einem Gewinn von 392,8 Millionen Euro im Vorjahr. Das Unternehmen baut rund 1.000 Stellen weltweit ab, davon über 400 am Stammsitz Ditzingen; die Belegschaft ist binnen eines Jahres auf 18.303 Beschäftigte geschrumpft. Als Grund nennt die Geschäftsführung die schwache Weltkonjunktur und die Investitionszurückhaltung ausgerechnet der Halbleiterkunden.

Das ist auf den ersten Blick paradox, denn Trumpf hat, ebenso wie Zeiss, eine echte, konkurrenzlose Chokepoint-Position in der EUV-Lithografie: den CO2-Hochleistungslaser, der in ASMLs EUV-Lichtquellen das Zinnplasma erzeugt, aus dem das extrem-ultraviolette Licht für die Chipbelichtung entsteht. Es gibt dafür weltweit keinen zweiten Anbieter; ASML zeichnete Trumpf dafür im Oktober 2025 mit einem Supplier Award aus, die nächste Lasergeneration geht 2026 in Serie. Der Unterschied zu Zeiss liegt also nicht darin, dass nur Zeiss eine unverzichtbare Position hätte – Trumpf hat sie ebenso –, sondern darin, wie groß dieser Geschäftsteil im jeweiligen Gesamtportfolio wiegt. Bei Zeiss macht die SMT-Sparte fast die Hälfte des Konzernumsatzes aus; bei Trumpf ist die EUV-Lasersparte ein kleiner, hochspezialisierter Teil neben dem sehr viel größeren, generischen Werkzeugmaschinen- und Industrielasergeschäft – etwa bei der Tochter Trumpf Laser SE in Schramberg, die gerade rund 100 Stellen abbaut, ausdrücklich wegen der Investitionszurückhaltung der Halbleiterkunden bei neuen Fertigungsanlagen, nicht wegen der EUV-Chokepoint-Komponente selbst. Das Gesamtergebnis von Trumpf wird folglich vom größeren, konjunkturabhängigen Kerngeschäft dominiert, obwohl die kleinere EUV-Sparte offenbar prosperiert – während bei Zeiss die Chokepoint-Sparte groß genug ist, um den gesamten Konzern sichtbar zu stützen.

Bei Zeiss zeigt sich dieselbe Logik noch deutlicher: Der Konzern wächst im ersten Halbjahr 2025/26 insgesamt noch leicht (plus ein Prozent auf 5,84 Milliarden Euro), kündigt aber dennoch ein umfassendes Sparprogramm über alle Sparten, Verwaltung und Länderorganisationen an, ergänzt um ein separates Restrukturierungspaket der Tochter Carl Zeiss Meditec mit bis zu 1.000 möglichen Stellenstreichungen. Der Grund liegt nicht im Kerngeschäft der Hidden-Champion-Erzählung, sondern daneben: Die Halbleitersparte SMT – die EUV-Präzisionsoptik für ASML – wuchs im selben Zeitraum um sechs Prozent. Es sind die anderen drei Sparten – Medizintechnik (minus sieben Prozent), Messtechnik und die Meditec-Sparte –, die schwächeln und das Sparprogramm nötig machen.

Das ergibt ein präziseres Bild als die einfache Gegenüberstellung „Zeiss hat einen Chokepoint, Trumpf nicht“: Beide Unternehmen besitzen eine unverzichtbare, kaum substituierbare Position in derselben Architektur (ASML/TSMC, angetrieben vom KI-getriebenen Chipbedarf) – und in beiden Fällen hält diese Position, während die jeweils generischeren, breiter in Industrie und Gesundheitswesen verkauften Geschäftsteile unter der allgemeinen Investitionsschwäche leiden. Der entscheidende Unterschied ist das relative Gewicht der Chokepoint-Sparte im Konzernportfolio: Bei Zeiss trägt sie fast die Hälfte des Umsatzes und stabilisiert das Gesamtbild sichtbar; bei Trumpf ist sie zu klein, um den Verlust im viel größeren generischen Geschäft auszugleichen.

Das relativiert die Kronzeugenkritik an einer Stelle, verschärft sie aber an einer anderen: Nicht jeder Hidden Champion ist gleich verwundbar – aber die Verwundbarkeit korreliert exakt mit der Architekturmacht-These, und zwar nicht auf Unternehmensebene, sondern auf Ebene einzelner Geschäftsbereiche. Wo eine echte, kaum substituierbare Chokepoint-Position besteht und im Portfolio ausreichend Gewicht hat (Zeiss SMT), hält die Wandlungskraft-Erzählung stand. Wo sie zwar existiert, aber neben einem viel größeren generischen, konjunkturabhängigen Geschäft steht (Trumpf EUV-Laser neben Werkzeugmaschinenbau), bricht sie im Gesamtbild dennoch ein. Die Firmen, die als Beleg für überlegene Anpassungsfähigkeit dienen sollten, zeigen also insgesamt kein einheitliches Bild müheloser Transformation, sondern eine scharfe Trennlinie entlang der Architekturfrage selbst – innerhalb der Unternehmen, nicht nur zwischen ihnen.

Das ist kein Zufallsbefund, sondern ein methodisches Warnsignal. Solange das generische Kerngeschäft von Trumpf und die Nicht-SMT-Sparten von Zeiss erfolgreich waren, wurde dieser Erfolg unhinterfragt der Wandlungskraft des jeweiligen Gesamtunternehmens zugeschrieben – ohne zwischen der tatsächlichen Chokepoint-Sparte (EUV-Laser bzw. EUV-Optik) und dem generischen, konjunkturabhängigen Rest zu differenzieren. Jetzt, wo der Erfolg in diesen größeren, generischen Geschäftsteilen brüchig wird, zeigt sich: Möglicherweise war es nie Wandlungskraft im emphatischen Sinn, sondern eine bestimmte, zeitlich begrenzte Konstellation – Nischenmonopol, Kapitalintensität als Markteintrittsbarriere, ein günstiger Investitionszyklus –, die eine Weile wie Wandlungskraft aussah.

Das ist der Halo-Effekt in Reinform, wie ihn Phil Rosenzweig beschrieben hat: Erfolg erzeugt rückwirkend die Erzählung von kluger Strategie und hoher Anpassungsfähigkeit; Misserfolg wird dagegen auf Marktbedingungen und exogene Schocks geschoben. Dieselben Unternehmen, dieselben Eigenschaften – aber die Interpretation kippt vollständig, je nachdem, wie die Geschäftszahlen gerade stehen.

Die Beispiele stehen für die Vergangenheit

Der Hidden-Champion-Mythos ist an dieser Stelle schon mehrfach kritisch durchleuchtet worden – ebenso wie die Frage, wie stabil die Cluster sind, aus denen diese Unternehmen ursprünglich hervorgegangen sind. Wer jetzt erneut Trumpf und Zeiss als Bestätigungsmaterial für eine neue These heranzieht, riskiert, einen Mythos fortzuschreiben, statt ihn zu prüfen. Die Beispiele stehen für die Vergangenheit dieser Firmen – für eine Phase, die gerade zu Ende geht –, nicht für eine belastbare Prognose ihrer Zukunft.

Eine Studie, die 2027 unter dem Titel „Wandlungskraft“ antritt und dabei implizit dieselben Vorzeigefirmen bemüht, die gerade selbst unter Druck stehen, würde die eigene Ausgangsthese schon vor der ersten Erhebung unterlaufen.

Geliehene Stabilität statt eigenständiger Wandlungskraft

Die bisherige Argumentation lässt sich noch einmal schärfen, wenn man sie durch die Architekturmacht-Perspektive liest, die sich bei anderen Fällen deutscher Industriekrisen – VW und Cariad, Bosch, Continental – bereits als tragfähig erwiesen hat. Aus dieser Perspektive waren die Hidden Champions nie eigenständig wandlungsfähige Akteure, sondern eingebettet in die Architekturmacht ihrer jeweiligen Leitbranche, allen voran der Automobilindustrie. Ihre Spezialisierung auf Laser, Optik, Präzisionswerkzeuge oder Sensorik hatte Bestand, solange die Leitbranche selbst die Systemarchitektur kontrollierte und stabile, langfristige Integrationsbeziehungen zu ihren Zulieferern unterhielt. Was wie unternehmerische Wandlungskraft aussah, war zu einem erheblichen Teil geliehene Stabilität – abgeleitet aus der Architekturposition des Abnehmers, nicht aus einer eigenen strukturellen Eigenschaft des Zulieferers.

Das liefert auch eine Erklärung dafür, warum ausgerechnet jetzt, in der Gegenwart, Trumpf und Zeiss ins Straucheln geraten: Es fällt zeitlich zusammen mit der Erosion der Architekturmacht der Automobilindustrie selbst – Verlust der Plattformkontrolle im Zuge der Software-Defined-Vehicle-Transformation, vertikal integrierte chinesische Wettbewerber, die eigene Zulieferökosysteme aufbauen, und Scheiternsfälle bei der Systemintegration auf Seiten der deutschen OEMs. Verliert der Host seine Architekturposition, verliert der eingebettete Zulieferer nicht nur Auftragsvolumen, sondern seinen strukturellen Status: Er wird vom integrierten Architekturbestandteil zum austauschbaren Komponentenlieferanten auf Zeit.

Diese Gegenthese ist schärfer als die ursprüngliche Wandlungskraft-Frage: Nicht „Wandlungskraft als eigenständiger Wettbewerbsvorteil des Mittelstands“, sondern Wandlungskraft des Mittelstands war und ist in weiten Teilen parasitär auf der Architekturmacht der Leitbranchen – und droht mit deren Erosion in sich zusammenzufallen. Eine Studie, die Wandlungskraft isoliert und ohne diesen Abhängigkeitsmechanismus untersucht, würde den eigentlichen Kausalmechanismus verfehlen.

Das Muster beschränkt sich nicht auf die Automobilindustrie als Leitbranche. SICK und Balluff, zwei Hidden Champions der Sensorik – gern als Beleg für „Sensorik als Deep Tech“ zitiert –, sind aktuell gezwungen, Kapazitäten zu reduzieren und Personal abzubauen. Bei SICK sank der Umsatz 2024 bereits um 8,9 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro, das Ergebnis vor Zinsen und Steuern brach um 63,5 Prozent ein. Der Konzern streicht rund 500 Stellen an den südbadischen Standorten Waldkirch, Reute, Freiburg und Donaueschingen, zusätzlich zu bereits angekündigten rund 100 Stellen in Hamburg und Karlsruhe, wo ein Standort bis Ende März 2026 vollständig geschlossen wird. Anders als bei Trumpf und Zeiss lässt sich dieser Einbruch nicht allein mit der Erosion der automobilen Architekturmacht erklären: SICKs Sensorik geht breiter in Fabrikautomation, Logistik und Maschinenbau, nicht primär in die Automotive-Lieferkette. Das deutet auf ein umfassenderes Muster hin – eine allgemeine Investitionszurückhaltung im deutschen und europäischen Maschinenbau selbst, der zunehmend seinerseits als Leitbranche unter Druck gerät. Die Architekturmacht-These lässt sich entsprechend erweitern: Es ist nicht nur die Automobilindustrie, die ihre Architekturposition verliert, sondern der deutsche Maschinenbau insgesamt – mit denselben strukturellen Konsequenzen für die eingebetteten Zulieferer, auch dort, wo keine direkte Automotive-Abhängigkeit besteht.

Eine methodische Einschränkung gehört an dieser Stelle dazu: SICK und Trumpf kooperieren eng miteinander – nicht nur als Kunde und Lieferant, sondern in gemeinsamer Technologieentwicklung. Zwischen 2015 und 2019 war SICK Partner der von Trumpf gegründeten Industrie-4.0-Plattform Axoom, die Trumpf 2019 an GFT Technologies verkaufte; unabhängig davon wurde gemeinsam der optische Messsensor SPEETEC entwickelt, und seit 2020 arbeiten SICK und die Trumpf-Tochter Q.ANT an industriellen Quantensensoren auf photonischer Basis. Beide Unternehmen lassen sich damit nicht ohne Weiteres als zwei unabhängige Beobachtungen behandeln, die getrennt voneinander die These stützen, die Architekturmacht-Erosion treffe mehrere Leitbranchen unabhängig voneinander – ein Einbruch, der sich über eine derart enge Kooperationsbeziehung fortpflanzt, zählt eher als ein verstärkter Fall denn als zwei separate Belege. Zugleich zeigt genau diese Verflechtung, dass die vermeintlich getrennten Leitbranchen – Automobilzulieferkette und Fabrikautomation – über die Kooperationsebene der Hidden Champions selbst stärker gekoppelt sind, als die übliche Einteilung in getrennte Leitbranchen suggeriert. Das stützt die These eines zusammenhängenden industriellen Ökosystems, das gemeinsam unter Druck gerät, und schwächt zugleich die Wandlungskraft-These weiter: Wandlungskraft erscheint dann noch weniger als individuelle Firmeneigenschaft, sondern als Funktion der Position im Gesamtnetzwerk.

Geerbtes Kapital, keine laufende Neubildung

Die schärfste Zuspitzung der bisherigen Argumentation lautet: Die deutschen Hidden Champions sind sehr häufig – direkt oder indirekt – im Schatten der großen deutschen Hersteller gefahren. Dieser Schutzeffekt entfällt zunehmend, ohne dass sich echte Alternativen anbieten. Und ein Land, das in den entscheidenden neuen Technologiefeldern – KI, Quantencomputing, Batteriezellchemie, fortgeschrittene Halbleiterfertigung – seit Jahren den Anschluss verloren hat, kann aus diesem geschwächten Umfeld heraus kaum Unternehmen hervorbringen, die über Qualifikationen, Services und Produkte verfügen, auf die technologisch weiter entwickelte Volkswirtschaften unbedingt angewiesen sein müssten. Man kann nicht aus einem Umfeld, das selbst den Anschluss verloren hat, Chokepoint-Kompetenzen erzeugen, die andere, fortgeschrittenere Ökosysteme zwingend benötigen.

Eine Gegenprobe ist an dieser Stelle nötig, um die These nicht zu überziehen: Zeiss SMT als Optiklieferant für ASML im EUV-Lithographie-Bereich – und, wie sich zeigt, ebenso Trumpfs konkurrenzloser CO2-Hochleistungslaser für dieselbe ASML-Architektur – zeigen, dass eine Chokepoint-Position nicht zwingend eine allgemeine nationale Technologieführerschaft voraussetzt. Beide Unternehmen fahren hier nicht im Schatten eines deutschen OEM, sondern im Schatten eines fremden Architekturmachthabers – und ihre jeweiligen Positionen sind bis heute nahezu konkurrenzlos, obwohl Deutschland in der Halbleiterei insgesamt zurückliegt. Eine extrem spezialisierte, über Jahrzehnte kumulierte Fähigkeit kann also isoliert fortbestehen, selbst wenn das Herkunftsland insgesamt technologisch zurückfällt.

Das schärft die Ausgangsthese jedoch eher, als dass es sie widerlegt: Zeiss SMT und Trumpfs EUV-Laser sind historisch akkumulierte Restbestände, kein Beleg für laufende Neubildung. Die eigentlich entscheidende Frage ist nicht, ob solche Positionen als geerbtes Kapital eine Weile fortbestehen können – das können sie, wie beide Fälle zeigen –, sondern ob unter den gegenwärtigen deutschen Bedingungen (Risikokapitalknappheit, Fachkräfterückgang in Zukunftsfeldern, Energiekosten, verzögerte Transfer-Pipelines aus der Grundlagenforschung) überhaupt noch neue derartige Positionen entstehen können. Dafür spricht gegenwärtig wenig.

Der Berghoff-Vergleich: Randsektor versus Kernsektor

Simons Formulierung, Deutschland habe den Verlust von Textilindustrie und Bergbau seinerzeit gut verkraftet, steht nicht für sich – sie gehört zu einem breiteren Deutungsmuster, das der Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff in seinem Buch Trügerischer Wohlstand in besonders klarer Form vertritt: Die gegenwärtige Lage sei im Kern eine ganz normale Strukturkrise, wie es sie in der Geschichte der Bundesrepublik immer wieder gegeben habe.

Der entscheidende Test für diese Analogie liegt nicht in der Behauptung selbst, sondern in einer überprüfbaren Bedingung, die sie unausgesprochen voraussetzt: Wenn die heutige industrielle Umwälzung tatsächlich so verkraftbar wäre wie der historische Niedergang von Werften und Textilindustrie, müssten inzwischen neue Branchen erkennbar sein, die den Verlust an Arbeitsplätzen und Wertschöpfung in vergleichbarer Größenordnung auffangen – so, wie seinerzeit Maschinenbau, Chemie und später der Dienstleistungssektor die freigesetzten Kapazitäten absorbiert haben. Der naheliegendste Kandidat für eine solche kompensierende Branche ist die derzeit boomende Sicherheits- und Verteidigungsindustrie: Selbst die optimistischste verfügbare Schätzung (bis zu 360.000 gesicherte und neue Arbeitsplätze bis 2029) bleibt aber deutlich unter dem, was allein der Verband der Automobilindustrie an Beschäftigungsverlust bis 2035 erwartet (rund 225.000 Arbeitsplätze) – ohne die davon abhängige Zulieferkette in Maschinenbau, Chemie und Elektrotechnik überhaupt einzurechnen. Weder Arbeitgeber- noch Arbeitnehmerseite halten den Rüstungssektor für eine tragfähige Kompensation.

Der eigentliche Grund, warum die historische Analogie nicht trägt, liegt in den Ausgangsbedingungen, die sie stillschweigend überträgt: Werften, Textilindustrie und Bergbau waren Randsektoren mit schrumpfendem Wertschöpfungsanteil, deren Niedergang eine wachsende, junge Gesellschaft in expandierende Branchen umschichten konnte – ihr Verschwinden war Teil eines Aufstiegs in höherwertige Fertigungsstufen, der parallel zur Erosion stattfand, nicht nachgelagert. Die heutige Problemlage betrifft dagegen den Kernsektor der deutschen Exportarchitektur – das verarbeitende Gewerbe erwirtschaftet rund 20 Prozent der Wertschöpfung, etwa doppelt so viel wie in Frankreich –, trifft eine kontrahierende, alternde Gesellschaft ohne vergleichbaren Absorptionsraum, und ihr Ausgang in eine nächste Wertschöpfungsstufe ist offen, nicht schon im Gang. Randsektor und Kernsektor unter derselben Kategorie „Strukturwandel“ zu verbuchen, ist genau die Vermengung, vor der die historische Analogie eigentlich warnen sollte.

Für die Wandlungskraft-These bedeutet das eine zusätzliche Zuspitzung: Der Verweis auf frühere, erfolgreich verkraftete Strukturbrüche funktioniert nur, wenn zugleich gezeigt wird, wohin die freigesetzten Kapazitäten heute abwandern. Genau das bleibt aus – die zuvor entwickelte Diagnose einer geschwächten Pipeline zur Neubildung neuer Chokepoint-Positionen ist die Kehrseite desselben Befunds: Es gibt derzeit keine belastbar nachgewiesene neue Branche, die die Größenordnung von Wertschöpfung, Beschäftigung und Einkommen erreicht, die in der deutschen Kernindustrie gerade verloren geht.

Die eigentlich unbequeme Frage

Interessant wäre nicht die Frage, was Wandlungskraft ausmacht – anhand von Unternehmen, die (noch) als Vorbilder gelten –, sondern eine deutlich schärfere: Welche Mittelständler verfügen tatsächlich über eine von der Architekturmacht ihrer Leitbranche unabhängige Wandlungsfähigkeit, und welche haben lediglich von der Stabilität eines fremden Systems profitiert, ohne selbst über eine eigenständige Transformationsfähigkeit zu verfügen? Woran lässt sich das vorab, bevor sich Erfolg oder Scheitern zeigt, erkennen? Und was genau unterscheidet die aktuell strauchelnden Ex-Vorzeigefirmen von jenen, denen tatsächlich eine zweite, architektur-unabhängige Transformation gelingt?

Das würde erzwingen, Trumpf und Zeiss als offene, ungewisse Fälle zu behandeln – nicht als abgeschlossenes Bestätigungsmaterial. Es würde eine echte, prospektiv angelegte Untersuchung verlangen, mit einer Vergleichsgruppe gescheiterter Diversifikationsversuche, anstatt einer weiteren Erfolgsgeschichte für ein Narrativ, das gerade selbst ins Wanken gerät.

Fazit – vorläufig korroboriert, nicht bewiesen

Die These der moderaten Deindustrialisierung mag als industriepolitisches Argument ihre Berechtigung haben. Als empirische Grundlage für eine Wandlungskraft-These ist sie es, in ihrer gegenwärtigen Form, nicht – zumal vieles dafürspricht, dass die vermeintliche Wandlungskraft der Hidden Champions zu einem erheblichen Teil geliehene Stabilität aus der Architekturmacht der Leitbranchen war, allen voran der Automobilindustrie und, wie die Fälle SICK und Balluff zeigen, zunehmend auch des Maschinenbaus selbst – und wie das Beispiel Miele zeigt, kann dieselbe Erosion auch von innen beginnen, als selbstverschuldeter Verzehr der eigenen Premiumpositionierung. Fällt diese Architekturmacht weg, bleibt vom Mittelständler oft nur der Status des austauschbaren Komponentenzulieferers auf Zeit. Die bestehenden Hidden Champions zehren überwiegend von historisch akkumuliertem Kapital, das noch eine Zeit lang trägt, während die schützenden Ökosysteme erodieren – aber die Pipeline zur Neubildung solcher Positionen ist strukturell geschwächt, weil sie genau die Voraussetzungen erfordert, die Deutschland in den entscheidenden neuen Feldern selbst nicht mehr erfüllt. Wenn das Smarter Service Institut daraus 2027 eine seriöse Studie machen will, müsste sie sich explizit gegen die eigene Ausgangserzählung richten – und Wandlungskraft nicht an vergangenen Erfolgen, sondern daran prüfen, ob sie auch ohne die Architekturmacht eines fremden Leitsystems Bestand hat. Andernfalls würde die Studie 2027 vor allem eines dokumentieren: nicht Zukunftsfähigkeit, sondern das Auslaufen eines historischen Bestands, ohne erkennbare Neubildung.

Ralf Keuper


Quellen