Je brüchiger die Lage der deutschen Industrie wird, desto häufiger wird auf die Hidden Champions verwiesen – jene stillen Weltmarktführer in der Provinz, die Hermann Simon in den späten 1980er Jahren in die Managementliteratur einführte. Das ist bemerkenswert, denn ihre Erfolgsvoraussetzungen erodieren in genau dem Moment, in dem ihr Narrativ neue Konjunktur erfährt. Der Beitrag argumentiert, dass das Hidden-Champion-Paradigma seine analytische Funktion weitgehend verloren hat und inzwischen vor allem als industriepolitische Beruhigungspille dient: als Ersatzerzählung in einer Phase ohne tragende industrielle Zukunftsvision.


Wer die Wirtschaftsberichterstattung der letzten Monate verfolgt, stößt unweigerlich auf ein wiederkehrendes Muster. Sobald von der Krise der deutschen Industrie die Rede ist – von der strategischen Orientierungslosigkeit der Automobilhersteller, vom Abwandern der Chemie, von den stockenden Transformationsprogrammen der großen Konzerne –, folgt fast reflexhaft der Verweis auf die Hidden Champions. Die jüngste FAZ-Auswertung zu 126 hessischen Weltmarktführern mit durchschnittlich 272 Millionen Euro Umsatz und 72 Prozent Auslandsanteil ist dafür nur das aktuellste Beispiel. Die Botschaft ist immer dieselbe: Man möge sich keine Sorgen machen, denn in der Tiefe des Mittelstands existiere weiterhin jene industrielle Substanz, die das Land trage.

Diese Erzählung verdient eine kritische Prüfung – nicht, weil sie ganz falsch wäre, sondern weil sie inzwischen eine Funktion erfüllt, die mit ihrer ursprünglichen analytischen Absicht nur noch wenig zu tun hat.

Vom deskriptiven Befund zur apologetischen Formel

Hermann Simons ursprüngliche Studie aus den 1990er Jahren war deskriptiv angelegt. Sie beschrieb eine empirisch vorfindliche Gruppe von Unternehmen, die in hochspezialisierten Marktsegmenten weltweit führten, ohne den Sichtbarkeitsgrad großer Konzerne zu erreichen. Simons Leistung bestand darin, ein zuvor wenig beachtetes Phänomen sichtbar gemacht zu haben – die Existenz einer spezifisch deutschen, später auch mitteleuropäischen Form industrieller Spezialisierung, die auf familiärem Eigentum, regionaler Verwurzelung und langfristigem Nischenfokus beruhte.

Zwischen diesem deskriptiven Ursprung und der heutigen Verwendung liegt eine stille Verschiebung. Das Hidden-Champion-Narrativ wird heute nicht mehr primär benutzt, um ein Phänomen zu erklären, sondern um industriepolitische Hoffnung zu stabilisieren. Aus einer Beobachtung ist eine Beruhigungsformel geworden. Der Befund, dass es in der deutschen Wirtschaft eine Schicht exportstarker Spezialisten gibt, wird zum Argument dafür, dass grundlegendere strukturelle Entscheidungen nicht getroffen werden müssen. Solange die Champions erzählt werden können, bleibt die Notwendigkeit großer Weichenstellungen verschoben.

Peter F. Drucker hätte diese Verschiebung vermutlich als Symptom eines spezifischen Managementversagens gedeutet: der Verwechslung von historischem Erfolg mit gegenwärtiger Leistungsfähigkeit. In seinen späten Schriften zum „Postkapitalismus“ hat Drucker wiederholt darauf hingewiesen, dass die gefährlichste Form betriebswirtschaftlicher Selbsttäuschung darin liege, die Bedingungen vergangener Erfolge mit denen zukünftiger Bewährung gleichzusetzen. Genau dies geschieht im gegenwärtigen Umgang mit den Hidden Champions.

Die institutionelle Unterseite des Erfolgs

Eine theoretisch tragfähige Analyse muss bei den Voraussetzungen beginnen, unter denen Hidden Champions überhaupt entstehen konnten. Simons Darstellung betonte vor allem strategische Faktoren – Fokussierung, Kundennähe, Innovationsintensität. Dies war bereits zu ihrer Zeit verkürzt. Alfred D. Chandler hätte darauf bestanden, dass industrielle Spezialisierung dieser Art nur in einem dichten institutionellen Umfeld gedeihen kann: in einem Verbund aus technischen Bildungseinrichtungen, Hausbankbeziehungen, familiären Eigentümerstrukturen, regionalen Facharbeitertraditionen und – entscheidend – einem Kundenbestand, der das Spezialwissen überhaupt abrufen kann.

Hansjörg Siegenthalers Konzept der Lernfähigkeit von Gesellschaften liefert hierfür den passenden theoretischen Rahmen. Siegenthaler hat gezeigt, dass ökonomische Ordnungen in Phasen relativer Stabilität ein implizites Regelwissen akkumulieren, das kollektiv funktioniert, ohne reflektiert werden zu müssen. Die Hidden Champions sind ein klassisches Produkt einer solchen Stabilitätsphase: Sie konnten sich auf Regeln verlassen, die niemand aussprechen musste – dass die Hausbank auch in schwierigen Jahren finanziert, dass die berufliche Bildung technische Kompetenz liefert, dass die kommunale Planung Industriebetriebe mitträgt, dass die Abnehmerindustrien im eigenen Land leistungsfähige Gegenüber bleiben. Genau dieses implizite Regelwerk erodiert gegenwärtig, und zwar unabhängig von Energiepreisen und Bürokratiekosten.

Wolfgang Streeck hat diese Erosion in seinen Arbeiten zum deutschen Kapitalismusmodell als schleichenden institutionellen Wandel beschrieben: nicht als Bruch, sondern als kumulative Auflösung der Stützsysteme, die einen bestimmten Produktionsmodus getragen haben. Die Hidden Champions sind in diesem Sinne keine autonomen Akteure, sondern Resonanzkörper eines institutionellen Arrangements, das seine Reproduktionsfähigkeit verliert.

Christoph Scheuplein hat in seiner dogmengeschichtlichen Rekonstruktion Der Raum der Produktion (2006) darauf aufmerksam gemacht, dass ausgerechnet die deutsche ökonomische Tradition – die Historische Schule um Roscher, Knies und Schmoller ebenso wie Friedrich List – die theoretischen Grundlagen der Clusterbildung ein halbes Jahrhundert vor Alfred Marshall gelegt hatte. Dieses Wissen wurde im Zuge der Mathematisierung der Volkswirtschaftslehre marginalisiert und nach 1945 durch den Import amerikanischer Gleichgewichtsmodelle vollends verdrängt. Die Pointe für den hiesigen Zusammenhang liegt auf der Hand: Hidden Champions sind nicht einfach erfolgreiche Einzelunternehmen, sondern späte Blüten historisch gewachsener Cluster – jener „räumlichen Produktionssysteme“, deren Funktionsweise die Deutsche Historische Schule einmal differenziert beschrieben hatte. Dass die Erosion dieser Cluster, wie im Automotive oder bei der Chemie, heute politisch kaum als solche wahrgenommen wird, ist also keine zufällige Unaufmerksamkeit, sondern Folge einer doppelten Verdrängung: der empirischen Erosion entspricht die intellektuelle Verdrängung jener Tradition, mit der sie überhaupt beschreibbar wäre. Man feiert die Spätblüten und sieht dem Absterben der Wurzeln zu, ohne das eine mit dem anderen in Verbindung zu bringen.

Der verdeckte Kern: das chinesische Gegenmodell

Das Narrativ blendet einen Sachverhalt besonders konsequent aus, der für die strategische Lage der Champions zentral ist: die doppelte Bedrohung durch chinesische Hersteller. Einerseits verlieren viele deutsche Spezialisten ihre Abnehmer – die klassischen Nischenkunden im Maschinen-, Anlagen- und Werkzeugbau werden selbst durch chinesische Wettbewerber verdrängt. Andererseits holen chinesische Hersteller in genau jenen Segmenten auf, deren Uneinholbarkeit jahrzehntelang als selbstverständlich galt. Dies geschieht nicht primär durch Imitation, wie die deutsche Debatte gerne unterstellt, sondern durch eigene Lernkurven innerhalb gekoppelter industrieller Ökosysteme, wie sie in Deutschland in vergleichbarer Dichte nicht mehr existieren.

Damit berührt das Phänomen den Kern dessen, was man mit Niklas Luhmann als strukturelle Kopplung zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, zwischen Produktion und Forschung, zwischen Einzelbetrieb und industriellem Umfeld beschreiben könnte. Die chinesische Konkurrenz ist nicht nur ein Preisphänomen, sondern Ausdruck eines Ökosystems, das genau jene Dichte wiederaufbaut, die im deutschen Kontext verloren geht. Die Hidden Champions stehen nicht primär unter Kostendruck – sie verlieren ihr ökosystemisches Komplement. Der Resonanzraum, in dem ihre Spezialisierung anschlussfähig war, dünnt aus.

Die Funktion des Narrativs

Warum gewinnt das Hidden-Champion-Narrativ gerade jetzt an Lautstärke? Die Antwort liegt in der Erzählungsökonomie politischer Kommunikation. Nachdem die großen industriepolitischen Programme der vergangenen Jahre – Industrie 4.0, Gaia-X, Catena-X, ADAMOS, die Batteriezelleninitiativen, die Halbleiterförderung – entweder verpufft sind oder hinter den eigenen Ankündigungen zurückgeblieben sind, fehlt eine tragende industrielle Zukunftsvision. In diese Lücke tritt das Hidden-Champion-Motiv.

Es hat drei Eigenschaften, die es für diese Funktion prädestinieren: Es ist empirisch unbestreitbar – es gibt diese Unternehmen tatsächlich. Es ist emotional anschlussfähig, weil es an Vorstellungen von Fleiß, Bodenständigkeit und stiller Kompetenz appelliert. Und es ist empirisch schwer überprüfbar, weil die einzelnen Unternehmen kaum berichtspflichtig sind. Über die Quartalszahlen von VW oder BASF lässt sich streiten, über einen Spezialmaschinenbauer in Nordhessen in der Regel nicht. Die Unsichtbarkeit, die einst Teil der strategischen Stärke dieser Firmen war, wird nun zur Bedingung dafür, dass das Narrativ ungestört weiterlaufen kann.

Hier liegt die eigentliche industriepolitische Pointe: Das Hidden-Champion-Motiv erlaubt es, Untätigkeit als Respekt vor dem Mittelstand umzuetikettieren. Wer keine Industriepolitik machen will oder kann, verweist auf die Champions und signalisiert damit, dass das Land in der Tiefe weiterhin funktioniere. Das Narrativ wird so zur Ersatzhandlung – zu einer Form symbolischer Beruhigung, die reale Entscheidungen verschiebt.

Eine andere Lesart

Eine analytisch ehrlichere Auseinandersetzung müsste in die entgegengesetzte Richtung gehen. Sie müsste fragen, unter welchen Bedingungen die Reproduktion dieses Unternehmenstypus überhaupt noch möglich ist: Wer finanziert Nachfolgen jenseits von Private Equity? Wie wird implizites Wissen weitergegeben, wenn die Generation der Gründerenkel keine Bindung an den Standort mehr entwickelt? Wie behält ein Spezialist seine strategische Rezeptivität – im Sinne Ansoffs – für schwache Signale, wenn seine eigene Erfolgsgeschichte zur kognitiven Einhegung geworden ist? Und welche Rolle spielen kommunale Infrastrukturen, regionale Bildungseinrichtungen und technische Hochschulen in der Fläche, ohne die das Modell nicht weiterleben kann?

Diese Fragen sind unbequem, weil sie den Blick von den Champions selbst auf die institutionellen Voraussetzungen ihrer Existenz lenken. Sie führen zu einer Diagnose, die weniger beruhigend ausfällt als das dominierende Narrativ: Die Hidden Champions sind nicht das Reservoir, aus dem sich die deutsche Industrie erneuert, sondern ein Spätprodukt einer institutionellen Konstellation, deren Stützen schneller erodieren als ihre Produkte.

Das Hidden-Champion-Paradigma wird damit zu einem aufschlussreichen Studienobjekt – weniger als Beschreibung deutscher Industrie als vielmehr als Beispiel dafür, wie ökonomische Narrative ihre analytische Funktion verlieren und zu Trostformeln werden. Hermann Simons ursprüngliche Studie war ein Beitrag zur Erkenntnis. Ihre gegenwärtige Verwendung ist ein Beitrag zur Vertagung.

Ralf Keuper 


Ausgangsquelle
Theoretische Rahmung

Hermann Simon – Hidden-Champion-Konzept

Peter F. Drucker – Management, Postkapitalismus

  • Drucker, Peter F.: Post-Capitalist Society. HarperBusiness, New York 1993. Deutsche Ausgabe: Die postkapitalistische Gesellschaft. Econ, Düsseldorf 1993. https://www.harpercollins.com/products/post-capitalist-society-peter-f-drucker
  • Drucker, Peter F.: Sinnvoll wirtschaften. Grundlagen einer funktionierenden Gesellschaft. Vahlen, München 2024 (deutsche Neuausgabe). – Im EconLittera-Kontext einschlägig für Druckers Spätwerk zum Verhältnis von Unternehmen und gesellschaftlicher Ordnung.

Alfred D. Chandler – Industrielle Einbettung, Managementkapitalismus

Hansjörg Siegenthaler – Lernfähigkeit, Regelvertrauen

Wolfgang Streeck – Deutsches Kapitalismusmodell, institutioneller Wandel

Niklas Luhmann – Systemtheorie, strukturelle Kopplung

Christoph Scheuplein / Deutsche Historische Schule – Clustertheorie, räumliche Produktion

H. Igor Ansoff – Schwache Signale, strategische Rezeptivität

  • Ansoff, H. Igor: Managing Strategic Surprise by Response to Weak Signals. In: California Management Review, Vol. 18, No. 2 (Winter 1975), S. 21–33. https://journals.sagepub.com/doi/10.2307/41164635
  • Ansoff, H. Igor: Implanting Strategic Management. Prentice Hall, Englewood Cliffs 1984 (2. Aufl. 1990).