Walther Kiaulehns Die eisernen Engel erzählt die Geschichte der Technik von Roger Bacon bis zum Roboter der 1930er Jahre – als Kulturgeschichte, nicht als Theorie. Gerade deshalb liest sich das Buch heute erstaunlich aktuell. Wer über KI-Ängste, Fachkräftemangel oder den Ruf nach nationalen Champions streitet, streitet über dieselben Muster, die Kiaulehn schon an der Dampfmaschine und der Handwerkszunft beschrieben hat. Ein Blick zurück, der mehr über die Gegenwart verrät als viele aktuelle Debattenbeiträge.


I. Die Maschine ist weder gut noch böse

Kiaulehn beginnt sein Buch mit einer Klarstellung, die er ausdrücklich gegen zwei Fronten richtet: gegen die Romantiker, die sich in eine goldene, maschinenlose Vergangenheit zurücksehnen, und gegen die Maschinenstürmer, die glauben, Arbeitslosigkeit ließe sich durch Stilllegung der Technik heilen. Seine Formel ist knapp: „Die Maschine ist weder gut noch böse. Gut und böse ist der Mensch. Die Maschine tut nur, was der Mensch will.“

Das klingt banal, ist es aber nicht. Kiaulehn schrieb das in einer Zeit, in der die Erinnerung an Massenarbeitslosigkeit noch frisch war – und er weigert sich trotzdem, der Technik selbst die Schuld zu geben. Wer heute über Automatisierung, KI-getriebenen Stellenabbau oder Plattformmacht diskutiert, begegnet exakt dieser Versuchung wieder: der Technik ein Eigenleben und eine Absicht zuzuschreiben, die eigentlich bei den Menschen liegt, die sie einsetzen, finanzieren und regulieren. Kiaulehns Punkt bleibt gültig: Die eigentliche Frage ist nie „Was macht die Maschine mit uns?“, sondern „Wozu haben wir sie eingesetzt, und wer entscheidet darüber?“

II. Jedes Volk hat seinen eigenen Erfinder

Ein zweites Grundmotiv zieht sich durch das Buch: die Beobachtung, dass technische Großtaten im Rückblick fast immer an eine einzelne, meist national eingefärbte Erfindergestalt geknüpft werden – obwohl die Wirklichkeit komplizierter war. Bei der Dampfmaschine zeigt Kiaulehn das besonders deutlich: Die Engländer feiern Watt und Savery, die Franzosen Papin, die Italiener della Porta, und auch die Deutschen haben ihre eigenen Kandidaten. Kiaulehn kommentiert das trocken: Diese „Nationallegende“ sei die harmloseste der technischen Legenden, weil sie von selbst zerfalle – eine bloße Übergangserscheinung, kein Tatsachenkern.

Diese Beobachtung trifft einen Nerv, der bis heute nachwirkt. Man sieht es an der Debatte um KI-„Erfinder“ und Tech-Genies, an nationalen Prestigeprojekten (Aleph Alpha als „deutsche Antwort“ auf OpenAI ist ein aktuelles Beispiel), an der Suche nach dem einen Kopf, dem eine Entwicklung zuzuschreiben sei. Kiaulehn erinnert daran, dass Erfolg fast immer erst im Nachhinein an eine Person geheftet wird – nicht, weil diese Person allein die Leistung erbracht hätte, sondern weil eine Erzählung mit einem Gesicht leichter zu erzählen ist als eine mit vielen anonymen Beiträgen.

Interessant ist, dass Kiaulehn selbst dieser Versuchung nicht ganz entkommt. Bei Otto von Guericke schreibt er einerseits, dieser sei ein „Genie“ gewesen, dessen Werk „die Frucht ernsthafter philosophischer Bemühungen“ war – nicht Zufall. Andererseits zitiert er an anderer Stelle Guerickes eigene Reflexion, in der dieser sich selbst bescheiden in eine Reihe mit Kepler, Kopernikus, Galilei und Descartes einordnet – als einen unter vielen, nicht als Solitär. Selbst ein Autor, der die Nationallegende durchschaut, fällt beim Einzelnen also gelegentlich wieder in die Genie-Erzählung zurück. Das zeigt, wie tief dieses Erzählmuster sitzt – und wie wachsam man mit ihm umgehen muss, auch wenn man es eigentlich besser weiß.

III. Guericke: Handwerk statt Zauberei

Was die Guericke-Kapitel bei Kiaulehn besonders lesenswert macht, ist die genaue Schilderung der eigentlichen Arbeit – nicht die Pointe, sondern der Weg dahin. Kiaulehn nimmt sich auffällig viel Raum, um zu zeigen, dass Guerickes Ergebnisse nicht aus einem einzelnen Geistesblitz entstanden, sondern aus einem geduldigen, oft mühsamen Prozess des Ausprobierens und Verwerfens.

Als Guericke ein wassergefülltes Faß leerpumpt, macht er eine Beobachtung, die zunächst rätselhaft wirkt: Das kalte Wasser beginnt zu „kochen“, obwohl kein Feuer in der Nähe ist – ein Vorgang, der jedem gesunden Menschenverstand seiner Zeit widersprach, denn Kochen war untrennbar mit Hitze verbunden. Statt die Beobachtung beiseite zu schieben oder sie mystisch zu deuten, wie es in dieser Epoche naheliegend gewesen wäre, macht Guericke sie zum Ausgangspunkt einer systematischen Untersuchung. Kiaulehn schildert, wie er tagelang an dem Problem bleibt: Er prüft naheliegende Erklärungen – etwa dass es an der Pumpe selbst liegen könnte, an den Ledermanschetten oder den Ventilen – und verwirft sie eine nach der anderen, weil sie sich bei genauerer Prüfung nicht halten lassen.

Erst nach dieser Reihe von Fehlversuchen kommt er der eigentlichen Ursache näher: Das Holz des Fasses selbst ist porös und lässt, kaum merklich, Luft von außen eindringen – Luft, die im Vakuum des Fasses zu Bläschen im Wasser wird und den Eindruck des Kochens erzeugt. Diese Erkenntnis ist an sich schon bemerkenswert, weil sie eine Eigenschaft des Materials sichtbar macht, die im Alltag völlig unauffällig bleibt: Kein Mensch hätte vermutet, dass ein solides, augenscheinlich dichtes Holzfaß überhaupt luftdurchlässig sein könnte.

Doch Guericke begnügt sich nicht mit der Vermutung, sondern will sie beweisen. Er dichtet das Faß probeweise mit Ton ab – und beobachtet, ob sich das Phänomen dadurch verändert. Als das nicht ausreicht, geht er einen Schritt weiter und konstruiert eine zweite, größere Lösung: Er stülpt ein zweites, größeres Faß über das erste und füllt den Zwischenraum mit Wasser, sodass ein regelrechter Wassermantel entsteht, der die Poren des inneren Fasses von außen abdichtet. Erst dieser zweite, aufwendigere Versuch bestätigt seine ursprüngliche Vermutung endgültig.

Diese Ausführlichkeit ist bei Kiaulehn kein Zufall. Er will damit zeigen, dass die vermeintliche „Genialität“ Guerickes nicht in einer plötzlichen Eingebung bestand, sondern in der Bereitschaft, ein zunächst absurd wirkendes Phänomen ernst zu nehmen, falsche Erklärungen konsequent auszuschließen und die eigene Hypothese so lange zu testen, bis sie wirklich trägt. Genau das ist die Substanz hinter dem Satz, den Kiaulehn an anderer Stelle vom Physiker Perry zitiert: dass die Kenntnis der Grundgesetze den Techniker vom bloßen Bastler unterscheidet. Nicht der Einfall macht den Unterschied, sondern die Ausdauer, eine Ursache wirklich zu verstehen, bevor man sie für gesichert erklärt.

Was diese Entdeckung über den akademischen Kuriositätswert hinaus bedeutsam macht, zeigt sich erst im Rückblick: Guerickes Vakuumpumpe und die daran gewonnene Einsicht in die Kraft des Luftdrucks waren die eigentliche Vorstufe zur späteren Dampfmaschine. Die berühmten Magdeburger Halbkugeln, die selbst mehrere Pferdegespanne nicht auseinanderziehen konnten, demonstrierten öffentlichkeitswirksam etwas, das vorher niemand für möglich gehalten hätte: dass die Luft, die man nicht sieht und die nichts zu wiegen scheint, eine Kraft entfalten kann, die stärker ist als tierische Muskelkraft. Diese Demonstration war mehr als ein Jahrmarktseffekt – sie machte einer ganzen Generation von Naturforschern und Ingenieuren sinnlich begreiflich, dass im Wechselspiel von Vakuum und Atmosphärendruck eine nutzbare Antriebskraft steckte.

Genau an diesem Punkt setzten die folgenden Erfinder an. Denis Papin, den Kiaulehn selbst als zweites großes Genie neben Guericke nennt, entwickelte aus diesem Prinzip erste Kolben-Zylinder-Versuche, bei denen Wasserdampf kondensiert wurde, um ein Vakuum zu erzeugen, das dann einen Kolben durch den äußeren Luftdruck nach unten trieb. Das ist im Kern das Funktionsprinzip, das später als „atmosphärische Dampfmaschine“ bei Thomas Savery und Thomas Newcomen zur praktischen Anwendung kam, lange bevor James Watt seine entscheidenden Verbesserungen vornahm. Nicht der Dampf selbst war also die ursprüngliche Antriebskraft dieser frühen Maschinen, sondern – paradox formuliert – die Abwesenheit von Druck, die Guericke als Erster systematisch erzeugt und verstanden hatte.

Damit lässt sich die Linie klar ziehen: Ohne Guerickes jahrelange, mühsame Arbeit an der Frage, wie man ein Vakuum überhaupt zuverlässig herstellen und kontrollieren kann, hätte es das gedankliche und technische Fundament nicht gegeben, auf dem die spätere Entwicklung der Dampfmaschine aufbaute. Kiaulehns ausführliche Schilderung der Faß-Episode gewinnt dadurch ihre eigentliche Pointe: Was wie eine kuriose Randnotiz über kochendes Wasser ohne Feuer wirkt, war tatsächlich ein Moment, in dem der Mensch begann zu begreifen, dass sich die unsichtbare Kraft der Atmosphäre gezielt nutzbar machen lässt.

Bezeichnend ist auch, wie klein Guerickes politische Rolle als Magdeburger Diplomat aus heutiger Sicht wirkt. Kiaulehn vergleicht dessen jahrelange Bemühungen um die alten Rechte der geschlagenen Stadt Magdeburg süffisant mit einem Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ bei den Vereinten Nationen. Was zu Lebzeiten als bedeutsam galt, schrumpft mit historischem Abstand zur Randnotiz – während die physikalischen Experimente, die damals kaum jemand ernst nahm, bis heute Bestand haben. Ein guter Hinweis darauf, wie unzuverlässig die zeitgenössische Einschätzung dessen ist, was am Ende wirklich zählt.

IV. Die Zunft, die sich selbst einsperrte

Der vielleicht lehrreichste Abschnitt für die Gegenwart betrifft nicht eine Person, sondern eine Institution: die deutsche Handwerkszunft. Kiaulehn beschreibt, wie die Zünfte den Handwerkern im ausgehenden Mittelalter zunächst zu Macht und Ansehen verhalfen – und wie genau diese Struktur sich später in ihr Gegenteil verkehrte. Nach den Glaubenskämpfen und dem Dreißigjährigen Krieg gerieten die deutschen Städte unter fürstliche Herrschaft, und für den Handwerker blieb nur noch eine Tugend: Gehorchen. Die Zunft, die einst der Aufstieg gewesen war, wurde zur hohlen Form, an der man festhielt, obwohl sie die alte Schutzfunktion längst nicht mehr erfüllen konnte.

Kiaulehn zieht daraus den Vergleich zu England, und der Kontrast ist scharf: Die englischen Handwerker konnten nicht mehr als die deutschen, aber sie waren freie Männer und „nicht mit dem Formelkram einer gestorbenen Vergangenheit geschlagen“. Ein deutscher Glockengießer, technisch durchaus in der Lage, einen Zylinder zu gießen, hielt sich schlicht nicht für befähigt, etwas Neues zu tun – nicht aus Unfähigkeit, sondern weil die eigene Zunftordnung ihm das Neue gar nicht als seine Aufgabe erscheinen ließ. So blieb es den freieren englischen Handwerkern vorbehalten, die Dampfmaschine weiterzuentwickeln.

Das ist eine Beobachtung, die sich unmittelbar auf heutige Debatten übertragen lässt – etwa auf die Frage, warum deutsche Automobilzulieferer oder Mittelständler bei Softwaretransformationen so oft hinter internationalen Wettbewerbern zurückbleiben, obwohl das technische Können vorhanden wäre. Es ist selten mangelndes Wissen, das den Wandel verhindert. Es ist die institutionelle Selbstbindung an eine Ordnung, die früher Sicherheit gab und heute zur Fessel wird – man hält an der Form fest, weil sie einst funktioniert hat, nicht weil sie noch funktioniert.

V. Was daraus zu lernen ist

Drei Grundlinien ziehen sich durch Kiaulehns Buch, die auch siebzig Jahre später nichts von ihrer Schärfe verloren haben:

Erstens: Technik ist nie das eigentliche Problem, sondern immer der Umgang der Menschen mit ihr. Wer der Maschine – heute: der KI, der Automatisierung – die Verantwortung zuschiebt, verdeckt die eigentliche Frage nach Einsatz, Nutzen und Entscheidungsgewalt.

Zweitens: Erfindungen werden im Nachhinein an einzelne Personen und Nationen geheftet, weil das eine bessere Geschichte ergibt als die kompliziertere Wahrheit vieler anonymer Beiträge. Diese Zuschreibung sagt mehr über unser Bedürfnis nach Erzählungen aus als über die tatsächliche Entstehung von Neuem – und selbst kritische Beobachter fallen ihr gelegentlich zum Opfer.

Drittens: Institutionen, die einst den Aufstieg ermöglicht haben, können genau dadurch zur Falle werden, dass man an ihnen festhält, obwohl sich die Bedingungen geändert haben. Nicht der äußere Schock allein bringt eine Struktur zu Fall – es ist das Festhalten an der erstarrten Form, nachdem ihr eigentlicher Zweck bereits erloschen ist.

Kiaulehn wusste von keiner dieser Debatten, die wir heute führen. Umso bemerkenswerter, dass sein Buch sie trotzdem trifft.

Ralf Keuper