In Deutschland hält sich die Vorstellung, die Wirtschaft der Zukunft sei eine, die mit immer weniger Energie auskommt. Ian Morris hat gezeigt, dass Energiequellen nicht nur Produktionsformen bestimmen, sondern Wertesysteme, Hierarchien und gesellschaftliche Ordnung. Wer das nächste Energieregime nicht mitgestaltet, gestaltet auch die nächste Gesellschaftsform nicht mit. Deutschland steht an genau dieser Weiche – und tut so, als sei das allein eine Frage des guten Willens.
Energie als Schicksal
Ian Morris hat in seinem Buch Ernte, Beute, Öl eine These entwickelt, die in ihrer Konsequenz unbequem ist: Nicht Ideen, nicht Institutionen, nicht das Genie einzelner Zivilisationen hat die großen Brüche der Menschheitsgeschichte verursacht – sondern Energiequellen. Der Wechsel von der Wildbeuterei zur Landwirtschaft, von der Landwirtschaft zur Industriegesellschaft: Jedes dieser Regime brachte nicht nur neue Produktionsformen hervor, sondern neue Wertesysteme, neue Arbeitsteilungen, neue Formen politischer Organisation. „Jedes Zeitalter bekommt die Werte, die es braucht“, schreibt Morris – und meint damit, dass Werte nicht aus dem Geist der Aufklärung entstehen, sondern aus den Zwängen und Möglichkeiten, die eine bestimmte Art der Energiegewinnung mit sich bringt.
Diese These ist mehr als eine historische Kuriosität. Sie ist ein Deutungsschlüssel für eine Debatte, die Deutschland gegenwärtig mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit falsch führt.
Drei Energieregime, drei Gesellschaftsformen
Morris‘ Analyse beginnt bei den Wildbeutern: kleine, hochmobile Gruppen, egalitär organisiert, mit milder Geschlechterhierarchie und einer gewissen Akzeptanz von Gewalt als Konfliktlösung. Diese Werte sind kein kulturelles Zufallsprodukt – sie sind funktionale Konsequenz eines Energieregimes, das Hierarchie und Arbeitsteilung gar nicht erst erlaubt. Wer sich täglich bewegen muss, kann keine Bürokratie mitschleppen.
Die Landwirtschaft veränderte alles. Höhere Energieerträge ermöglichten Bevölkerungswachstum, Bevölkerungswachstum erzwang Arbeitsteilung, Arbeitsteilung produzierte Hierarchien – und Hierarchien verlangten neue Werte: Ordnung, Befriedung, Gehorsam. Die Geschlechterhierarchie vertiefte sich, weil körperliche Kraft in der bäuerlichen Produktion zum entscheidenden Faktor wurde. Morris fasst es präzise: „Bauern konnten nur in einer hierarchischen und einigermaßen befriedeten Welt überleben, und lernten daher, Hierarchie und Frieden zu schätzen.“
Das fossile Energieregime brach dieses Muster wiederum auf. Die Industrialisierung entwertete Muskelkraft und prämierte Organisation, Verwaltung, Kognition – Fähigkeiten, die Frauen ebenso gut besaßen wie Männer. Die Zwangsarbeit verschwand, weil sie auf dem Arbeitsmarkt der Lohnwirtschaft ineffizient wurde. Die Gleichberechtigung war kein Triumph des Liberalismus allein, sondern auch ein Resultat veränderter Energiebedingungen. Was als Wertewandel erschien, war zugleich Strukturanpassung.
Die offene Frage des nächsten Regimes
Morris endet nicht mit dem fossilen Zeitalter – er endet mit einer Frage: Steht auch die fossile Energie vor ihrer Obergrenze? Und wenn ja, was kommt danach – und welche Werte bringt es hervor?
Diese Frage ist nicht abstrakt. Sie ist der eigentliche Hintergrund der aktuellen energiepolitischen Debatte in Deutschland. Denn was als technische Diskussion über Strompreise und Versorgungssicherheit erscheint, ist in Wirklichkeit eine Weichenstellung für das nächste Energieregime – und damit, wenn Morris recht hat, für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung, die daraus hervorgehen wird.
Der deutsche Irrtum: Suffizienz als Leitbild
In Teilen der deutschen wirtschaftspolitischen Diskussion hält sich die Vorstellung, die Wirtschaft der Zukunft sei eine, die mit immer weniger Energie auskommt. Erneuerbare Quellen, so die implizite These, könnten den verbleibenden Bedarf vollständig decken – und wer das bezweifle, verteitige das fossile Zeitalter.
Dieser Einwand verkennt die strukturelle Lage. Das Argument ist nicht: fossile Energie ist unverzichtbar. Das Argument ist: Die Wissensindustrien, die das nächste ökonomische Regime tragen werden – künstliche Intelligenz, Hochleistungsrechnen, Halbleiterfertigung, Quantencomputing, Biotech –, sind außerordentlich energieintensiv. Rechenzentren, die große KI-Modelle trainieren und betreiben, konkurrieren im Energieverbrauch mit konventionellen Industriebetrieben. Die International Energy Agency prognostiziert einen dramatischen Anstieg des globalen Stromverbrauchs durch Rechenzentren in den kommenden Jahren.
Ein Land, das in diesen Sektoren nicht nur konsumieren, sondern produzieren und wertschöpfen will, braucht Energie – zuverlässig, in ausreichender Menge, zu wettbewerbsfähigen Preisen. Das ist keine politische Meinung, sondern eine Standortbedingung. Sie lässt sich nicht wegdiskutieren, indem man auf die moralische Überlegenheit erneuerbarer Energien verweist.
Effizienz ist nicht Suffizienz
Hier liegt der entscheidende begriffliche Fehler: die Verwechslung von Energieeffizienz und Energiesuffizienz. Effizienz – mit gegebener Energie mehr zu produzieren – ist ein legitimes wirtschaftliches Ziel. Suffizienz – den Verbrauch als solchen zurückzufahren – ist eine gesellschaftspolitische Entscheidung, die man treffen kann, die man aber offen als solche benennen sollte.
Wer Suffizienz zur industriepolitischen Leitlinie macht, trifft implizit eine Entscheidung über den Platz Deutschlands im nächsten Energieregime: keinen gestaltenden, sondern einen nachgeordneten. Die Vereinigten Staaten bauen KI-Infrastruktur mit günstigem Gas und Kernkraft auf. China investiert in Rechenzentren und Energieinfrastruktur in einem Tempo, das westliche Planungshorizonte übersteigt. Die Golfstaaten nutzen billige Energie als komparativen Vorteil, um sich als Standorte für energieintensive Digitalindustrien zu positionieren.
Deutschland hat in den vergangenen Jahren gleichzeitig Kohle, Gas und Kernkraft zurückgefahren, ohne einen belastbaren Ersatz in den relevanten Zeiträumen zu haben. Das Ergebnis ist strukturelle Energieknappheit zu hohen Preisen – eine Konstellation, die mit der Ansiedlung von Wissensindustrien schwer zu vereinbaren ist.
Das Grundlastproblem ist kein Randproblem
Erneuerbare Energien lösen dieses Problem nicht von selbst. Wind und Photovoltaik sind fluktuierende Quellen; ihre Erzeugung folgt meteorologischen, nicht wirtschaftlichen Zyklen. Spitzenlasten, die durch industrielle Prozesse oder durch KI-Rechenzentren entstehen, lassen sich nicht durch Wetterlagen planen. Grundlastfähigkeit – die Fähigkeit, zu jeder Zeit ausreichend Strom bereitzustellen – erfordert entweder massive Speicherinfrastrukturen, die technologisch noch nicht im erforderlichen Maßstab existieren, oder backup-fähige Kapazitäten, die diese Lücken schließen.
Beides kostet Zeit, Kapital und politischen Willen. Wer so tut, als seien erneuerbare Energien allein schon heute eine vollständige Antwort auf den industriellen Energiebedarf, betreibt eine Form energiepolitischer Selbsttäuschung – die sich, wenn Morris‘ Grundthese stimmt, als historisch folgenreich erweisen könnte.
Suffizienz als verdeckte Deindustrialisierung
Man kann diesen Zustand normativ begrüßen, wenn man eine Gesellschaft anstrebt, die kleiner ist, weniger produziert und weniger verbraucht. Das ist eine kohärente Position. Wer hingegen eine wettbewerbsfähige Industrie- und Wissenswirtschaft anstrebt, muss anerkennen: Suffizienz bedeutet in diesem Kontext faktisch Deindustrialisierung – nicht als Katastrophe, sondern als stille, strukturell herbeigeführte Erosion.
Morris zeigt, dass Gesellschaften, die an die Obergrenze ihres Energieregimes stoßen, entweder den Übergang in ein neues schaffen oder zurückfallen. Die Frage, die Deutschland beantworten muss, ist nicht, ob ein neues Energieregime kommt. Es kommt. Die Frage ist, ob Deutschland es mitgestaltet oder von außen beobachtet.
Ralf Keuper
Ian Morris: Ernte, Beute, Öl. Wie die Natur die Kultur bestimmt. Campus Verlag, Frankfurt 2015.
Die hier entwickelten Überlegungen schließen an die laufende Diskussion auf EconLittera über Standortbedingungen, Industriepolitik und die strukturellen Voraussetzungen einer wissensbasierten Wirtschaft an.
Dieser Beitrag ist der erste Teil einer dreiteiligen Serie.
Quellen:
IEA: Energy and AI (Sonderbericht, 2025) Globale Investitionen in Rechenzentren haben sich seit 2022 nahezu verdoppelt und beliefen sich 2024 auf eine halbe Billion Dollar. IEA Der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren soll sich bis 2030 auf rund 945 TWh verdoppeln. IEA Die empirische Kernquelle für das Energieargument. → iea.org/reports/energy-and-ai
3. DIHK: Energiewende-Barometer 2024 Vier von zehn Industriebetrieben erwägen, ihre Produktion in Deutschland wegen der Energiesituation einzuschränken oder ins Ausland zu verlagern – bei Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern denkt inzwischen sogar die Mehrheit darüber nach. DIHK Empirische Grundlage für die Standortdiskussion. → dihk.de
4. ifo Institut: Deindustrialisierung (Schnelldienst 03/2023) Differenzierte Analyse der Branchenbetroffenheit und Pfadabhängigkeiten der deutschen Industrie – ifo.de (PDF)
5. NZZ/Frontier Economics für DIHK: Wie die Energiewende Deutschland in die Deindustrialisierung treibt (2025)Ein typisches mittelständisches Unternehmen zahlte zuletzt rund 55 Prozent mehr für Strom als Konkurrenten in Frankreich und Spanien – gegenüber den USA und China war der Kostennachteil noch größer, dort kostete Strom etwa halb so viel wie in Deutschland. NZZ → nzz.ch

