Wer das nächste Energieregime gestaltet, gestaltet die nächste Weltordnung. China hat das verstanden. Die USA auch. Deutschland debattiert noch – und hat sich durch eine Reihe energiepolitischer Entscheidungen aus allen realistischen Szenarien weitgehend herausgehalten. Ian Morris hat gezeigt: Gesellschaften, die den Übergang in ein neues Energieregime passiv erleiden, werden von ihm geformt. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern von wem.
Die offene Frage
Ian Morris hat in Beute, Ernte, Öl – Wie Energiequellen Gesellschaften formen gezeigt, dass die großen Brüche der Menschheitsgeschichte keine Ideengeschichte sind, sondern eine Energiegeschichte. Der Übergang von der Wildbeuterei zur Landwirtschaft, von der Landwirtschaft zur Industriegesellschaft: Jedes neue Energieregime hat nicht nur neue Produktionsformen hervorgebracht, sondern neue gesellschaftliche Ordnungen, neue Wertesysteme, neue Machtverteilungen. Die entscheidende Frage, die Morris offen lässt, lautet: Was kommt nach der fossilen Ära – und wer gestaltet es?
Diese Frage ist keine akademische. Sie ist die eigentliche Substanz dessen, was in Deutschland als Energiewende-Debatte geführt wird – und was in dieser Debatte fast vollständig fehlt: eine strukturierte Vorstellung davon, wie das nächste Energieregime aussehen könnte, welche geopolitischen Implikationen es hat und welche Rolle Deutschland darin spielen will oder spielen kann.
Drei Szenarien, keine Prognosen
Die verfügbaren Evidenzen lassen drei strukturelle Optionen erkennen. Es sind keine Prognosen, sondern Konturierungen möglicher Zukünfte – Szenarien im analytischen Sinne, die unterschiedliche Pfadabhängigkeiten aktivieren und unterschiedliche gesellschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen.
Das nuklear-digitale Regime
Das erste Szenario ist das technologisch nächstliegende: Kernkraft der neuen Generation – Small Modular Reactors, perspektivisch Fusionsenergie – kombiniert mit massiver digitaler Infrastruktur als Wertschöpfungsträger. Es wäre das erste Energieregime der Menschheitsgeschichte, das nicht auf Verbrennung basiert, aber dennoch grundlastfähig, skalierbar und steuerbar ist. Die Energiedichte ist hoch genug, um die Wissensindustrien in ihrer vollen Entfaltung zu tragen – Rechenzentren, KI-Infrastruktur, Halbleiterfertigung.
Die USA, Frankreich, Japan, Südkorea und zunehmend die Golfstaaten gehen diesen Weg. China investiert massiv in Kernkraftkapazitäten und plant bis 2035 den Bau von mehr Reaktoren als der Rest der Welt zusammen. Was Morris zur Frage der Werte sagen würde: Ein Regime, das auf hochkonzentrierter, technologisch anspruchsvoller Energieerzeugung basiert, erzeugt tendenziell neue Zentralisierungstendenzen – wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert die Gesellschaft. Die Parallele zur frühindustriellen Kohlewirtschaft ist nicht zufällig.
Das hybride Regime mit verteilter Intelligenz
Das zweite Szenario ist konzeptionell das ambitionierteste: Erneuerbare Energien als Hauptquelle, eingebettet in ein hochintelligentes, KI-gesteuertes Netz mit massiven Speicherkapazitäten und dezentraler Produktion. Wenn es gelänge, würde dieses Regime tatsächlich neue gesellschaftliche Strukturen erzwingen – dezentraler, resilienter, mit anderen Machtverteilungen als das nuklear-digitale Modell. Es entspräche am ehesten dem, was Morris als genuinen Wertebruch beschreiben würde: nicht nur ein neues Produktionsmittel, sondern eine neue Organisationslogik.
Das Problem ist zeitlicher Natur. Die Technologien – Langzeitspeicher im industriellen Maßstab, intelligente Netze mit hinreichender Kapazität, vollständige Grundlastfähigkeit ohne fossil-nuklearen Backup – sind noch nicht reif. Was in drei Jahrzehnten möglich sein könnte, löst die Standortfrage heute nicht. Wer dieses Szenario als bereits realisierbar behandelt, betreibt keine Energiepolitik, sondern Energiemythologie.
Das fragmentierte Regime – Parallelwelten statt globalem Übergang
Das dritte Szenario ist das kurzfristig realistischste: Es gibt keinen koordinierten globalen Übergang in ein neues Energieregime, sondern eine energetische Multipolarität. Verschiedene Weltregionen verfolgen verschiedene Pfade – China und die USA nuklear-fossil-digital, Europa hybrid mit strukturell höheren Preisen, Entwicklungs- und Schwellenländer mit wachsendem Kohleverbrauch als unvermeidlichem Begleitphänomen ihres Industrialisierungsprozesses.
Die Konsequenz ist keine energetische Konvergenz, sondern asymmetrischer Wettbewerb: Regionen mit billigerer, zuverlässigerer Energie ziehen energieintensive Industrien an – auch die der Zukunft. Regionen mit teurer, fluktuierender Energie verlieren sie, unabhängig von der politischen Absicht.
Die geopolitische Dimension
Was in der deutschen Energiewende-Debatte fast vollständig fehlt, ist die Einsicht, dass Energiepolitik Machtpolitik ist. Das war sie immer. Der britische Aufstieg zur Weltmacht im 19. Jahrhundert war ohne Kohle nicht denkbar. Die amerikanische Hegemonie des 20. Jahrhunderts war ohne Öl nicht denkbar. Die geopolitische Ordnung des 21. Jahrhunderts wird ohne die Kontrolle über Energieinfrastruktur, kritische Mineralien und digitale Verarbeitungskapazitäten nicht denkbar sein.
Wer das nächste Energieregime gestaltet, gestaltet auch die nächste Weltordnung. China hat das verstanden und investiert entsprechend – in Seltene Erden, in Batterietechnologie, in Kernkraft, in Rechenzentren, in die gesamte Wertschöpfungskette des nächsten Regimes. Die USA haben es mit dem Inflation Reduction Act zumindest teilweise verstanden. Europa debattiert noch.
Warum Deutschland zuschauen wird
Deutschland hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Entscheidungen getroffen, die es aus jedem der drei Szenarien weitgehend heraushalten.
Das nuklear-digitale Regime hat Deutschland aktiv verlassen – nicht am Ende einer technologischen Lebensdauer, sondern als politische Entscheidung, zu einem Zeitpunkt, als SMR-Technologien gerade erst in die Entwicklungsphase eintraten. Ein Wiedereinstieg ist nicht unmöglich, aber er erfordert politischen Willen, Kapital und Zeit – alle drei sind knapp.
Das hybride Regime mit verteilter Intelligenz wird angestrebt, aber ohne die infrastrukturellen Voraussetzungen konsequent mitzubauen: Speicherkapazitäten, Netzausbau, Grundlastabsicherung. Der Ausbau der Erneuerbaren ist real, aber er löst das Grundlastproblem nicht – er verschiebt es.
Das fragmentierte Regime schließlich beschreibt die Lage, in der Deutschland sich de facto bereits befindet: hohe Energiepreise, sinkende industrielle Wettbewerbsfähigkeit, beginnende Abwanderung energieintensiver Produktion. Nicht als Katastrophe, sondern als schleichender Prozess – strukturell herbeigeführt, politisch nicht benannt.
Was Morris dazu sagen würde
Morris‘ Befund aus der Menschheitsgeschichte ist eindeutig: Gesellschaften, die den Übergang in ein neues Energieregime aktiv mitgestalten, gewinnen an Gestaltungsmacht – wirtschaftlich, politisch, kulturell. Gesellschaften, die ihn passiv erleiden, werden von ihm geformt, nicht umgekehrt. Die Werte, die Institutionen, die Machtverhältnisse des nächsten Regimes werden von jenen definiert, die es bauen.
Das ist kein Appell und keine Prognose. Es ist eine strukturelle Beobachtung, die sich aus zwanzigtausend Jahren Menschheitsgeschichte destilliert. Deutschland hat die Wahl, diese Beobachtung ernst zu nehmen – oder sie als pessimistisch abzutun, was bequemer, aber teurer wäre.
Ralf Keuper
Dieser Beitrag ist der zweite Teil einer Analyse zum Zusammenhang von Energieregimen, wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftlicher Ordnung, erschienen auf EconLittera.
Quellen:
1. Ian Morris: Beute, Ernte, Öl. Wie Energiequellen Gesellschaften formen DVA Sachbuch, 2020 – das theoretische Fundament des gesamten Arguments: Energieregime als Treiber gesellschaftlicher Ordnung und Wertesysteme. → penguinrandomhouse.de
2. ITIF: How Innovative Is China in Nuclear Power? (2024) China plant den Bau von 150 neuen Kernreaktoren zwischen 2020 und 2035 – Analysten schätzen, dass China den USA bei der Fähigkeit, Reaktoren der vierten Generation im großen Maßstab einzusetzen, zehn bis fünfzehn Jahre voraus ist. ITIF Die präziseste verfügbare Analyse von Chinas nuklearer Aufholstrategie. → itif.org
3. IEA: Energy and AI (Sonderbericht, 2025) Globale Investitionen in Rechenzentren haben sich seit 2022 nahezu verdoppelt. In den USA werden Rechenzentren bis 2030 mehr Strom verbrauchen als die Herstellung aller energieintensiven Güter zusammen – Aluminium, Stahl, Zement und Chemikalien eingeschlossen. IEA Kernquelle für die Energiedimension der Wissensindustrien. → iea.org/reports/energy-and-ai
4. U.S. Department of Energy: Inflation Reduction Act (2022) Das Gesetz stellt die größte Einzelinvestition in Klima und Energie in der amerikanischen Geschichte dar und soll die Position der USA als weltweite Führungsmacht in der Fertigung sauberer Energie sichern. U.S. Department of Energy Primärquelle für die industriepolitische Dimension des US-Energieregimes. → energy.gov
5. DIHK: Energiewende-Barometer 2024 Die Zahl der Industriebetriebe, die Produktionseinschränkungen oder eine Verlagerung ins Ausland erwägen, stieg von 21 Prozent im Jahr 2022 auf 37 Prozent im Jahr 2024 – bei energieintensiven Betrieben auf 45 Prozent. DIHK Empirische Grundlage für Deutschlands Position im fragmentierten Regime. → dihk.de
