Die Investorensuche für Leuna Polyamid ist endgültig gescheitert. Bis Ende September wird noch produziert, dann beginnt eine monatelange, technisch aufwendige Stilllegung – rund 400 Beschäftigte bangen um ihre Zukunft, und mit ihnen ein ganzer Chemiestandort. Der Fall wiederholt sich in bemerkenswerter Kürze: Erst im April hatte eine von InfraLeuna und Leuna-Harze getragene Auffanggesellschaft das insolvente Werk der Domo Caproleuna übernommen und den Fortbestand des sogenannten Stoffverbunds als erklärtes Ziel ausgegeben. Fünf Monate später ist auch diese Rettung gescheitert – an denselben Ursachen, die sie beheben sollte: stark gestiegene Rohstoffkosten und eine Liquidität, die den Vorleistungen der Zulieferer nicht mehr standhielt.
Interessant ist der Fall weniger wegen seines Ausgangs als wegen dessen, was er über die Struktur eines Verbundstandorts offenlegt – und dieser Befund steht nicht für sich allein. Wenige Kilometer von Leuna entfernt, in Böhlen und Schkopau, zeigt sich seit der angekündigten Schließung zweier Dow-Chemical-Anlagen dasselbe Muster unter umgekehrten Vorzeichen: kein insolventes Unternehmen, sondern die Portfolioentscheidung eines solventen Weltkonzerns – und dieselben Kaskadenwarnungen, teils von denselben Akteuren. Ein dritter Standort, der Chemiepark Marl, zeigt dagegen, dass diese Verwundbarkeit nicht am Verbundprinzip selbst hängt, sondern an einer zusätzlichen Bedingung: ob die geteilte Infrastruktur konzernfremde Dritte versorgt oder überwiegend unternehmenseigene Einheiten.
Ein Cluster im wörtlichen Sinn
Leuna gehört zu den größten Verbundstandorten Mitteldeutschlands, und der Begriff ist hier nicht metaphorisch gemeint. Anders als in Wirtschaftsbereichen, in denen unternehmerische Nähe zunehmend über Datenflüsse und digitale Schnittstellen organisiert wird, ist die Verflechtung in Leuna physisch: Rohrleitungen, Tanklager, ein gemeinsames Pipeline-Netz. Genau diese Bauart erklärt, warum ein einzelnes insolventes Unternehmen weit über die eigene Belegschaft hinaus Folgen zeitigt.
Der Geschäftsführer Martin Naundorf benennt die Kanäle konkret. Die benachbarte Total-Raffinerie liefert Vorprodukte an Leuna Polyamid und müsste bei einer Stilllegung für denselben Stoffstrom andere Abnehmer finden. Die Linde AG versorgt über dieselbe Infrastruktur weitere Unternehmen am Standort mit technischen Gasen. Am konkretesten ist die Ammoniakversorgung: Eine Entladeanlage, ein Tanklager und ein kleines Pipeline-Netz, ursprünglich für den eigenen Betrieb errichtet, sind faktisch zur Versorgungsgrundlage für dritte Unternehmen geworden, die ihre ammoniakbasierten Produktlinien bei ersatzloser Stilllegung einstellen müssten. Auch der Anteilseigner InfraLeuna selbst, als Infrastrukturbetreiber des gesamten Chemieparks, verliert mit Leuna Polyamid einen zentralen Nutzer des eigenen Netzes.
Das ist die Konstellation, die in der klassischen Standortlehre – von Marshalls externen Effekten bis zu Porters Diamant-Modell – als Vorteil verbucht wird: enge Verflechtung zwischen Zulieferern, Ab…
