Markups – der Aufschlag des Verkaufspreises über die Grenzkosten der Produktion – steigen: in den USA, in Europa, über nahezu alle Branchen hinweg. Diese Beobachtung ist inzwischen so oft wiederholt worden, dass sie fast zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Strittig bleibt jedoch, worauf sie zurückgeht: auf zunehmende Marktmacht der Unternehmen oder auf technologischen Wandel, der die Produktionskosten verändert. Eine neue Studie zum belgischen verarbeitenden Gewerbe (De Loecker, Fuss, Quiller-Doust und Treuren, erschienen im International Journal of Industrial Organization) liefert dazu einen ungewöhnlich präzisen Datenbefund – gerade weil sie eine buchhalterische Unschärfe auflöst, die die bisherige Debatte lange verdeckt hat.
Das Messproblem hinter der Debatte
Standardmäßig verwenden Ökonomen die Kennzahl COGS (Cost of Goods Sold) als Näherung für variable Produktionskosten. Das Problem: In dieser Kennzahl stecken auch Positionen, die eigentlich Fixkosten oder Gemeinkosten sind – Mietzahlungen für Maschinen etwa, oder ausgelagerte Verwaltungsleistungen. Wer mit dieser vermischten Größe arbeitet, kann Markups nur verzerrt schätzen und den Unterschied zwischen Technologiewandel und Marktmachtzuwachs kaum sauber trennen.
Die belgischen Firmendaten (1985–2016, rund 5.900 Unternehmen) erlauben eine seltene Präzisierung: Sie weisen Vorleistungen getrennt nach Waren (Rohstoffe, variabel) und Dienstleistungen (überwiegend Fix- und Gemeinkosten) aus. Damit lässt sich COGS in einen echten variablen Teil (VCOGS: Löhne plus Waren) und einen Dienstleistungsanteil zerlegen.
Eine stabile Kennzahl, die eine instabile Realität verbirgt
Der zentrale Befund: Der COGS-Anteil an den Gesamtkosten bleibt über drei Jahrzehnte bemerkenswert konstant. Wer nur diese Zahl sieht, würde folgern, dass sich an der Kostenstruktur der Firmen wenig geändert hat. Zerlegt man COGS jedoch, zeigt sich das Gegenteil: Der Anteil variabler Kosten (VCOGS) sinkt um rund zehn Prozentpunkte, während der Dienstleistungsanteil im gleichen Ausmaß steigt – gleichmäßig über nahezu die gesamte Verteilung der Unternehmen, branchenübergreifend, und nachweislich innerhalb einzelner Firmen über die Zeit, nicht nur durch Marktein- und -austritte. Die Konstanz der aggregierten Kennzahl ist also ein Messartefakt, kein Beleg für Stabilität.
Was die Zerlegung über Markups verrät
Der durchschnittliche Markup steigt zwischen 1985 und 2016 von 1,34 auf 1,77 – ein Anstieg von rund 32 Prozent. Der Bruttogewinn-Kennwert (ohne Berücksichtigung der Dienstleistungskosten) steigt ähnlich stark, um knapp 28 Prozent. Der Nettogewinn-Kennwert dagegen, der die gestiegenen Dienstleistungsausgaben einbezieht, wächst nur um etwa zehn Prozent. Firmen mit hohem Dienstleistungsanteil an den Kosten weisen systematisch höhere Markups und höhere Bruttogewinne auf – aber kaum höhere Nettogewinne.
Diese Konstellation lässt sich als Indiz lesen, dass ein erheblicher Teil des Markup-Anstiegs schlicht der Deckung gestiegener Fix- und Gemeinkosten dient, nicht der Ausweitung tatsächlicher Profitabilität. Die Autoren betonen zugleich, dass die Markups etwas stärker steigen, als für eine reine Kostendeckung nötig wäre – ein Befund, der eine gewisse Marktmachtkomponente offenlässt, ohne sie in den Vordergrund zu rücken.
Die Fehlspur der naheliegenden Erklärungen
Bemerkenswert ist, was die Studie nicht als treibenden Mechanismus bestätigt. Für einen Teil der Jahre (2008–2016) liegen zusätzliche Erhebungsdaten vor, die den Dienstleistungsposten weiter aufschlüsseln: externe Arbeitskräfte, Geschenke, Versicherungen, Miete, Software. Ausgerechnet die naheliegenden Verdächtigen – Arbeitsauslagerung und Digitalisierung – erklären die beobachtete Verschiebung kaum. Externe Arbeitskräfte und Mietzahlungen machen zusammen zwar rund 16 Prozent der Dienstleistungsausgaben aus, korrelieren aber anders mit Markups und Profitabilität als der Dienstleistungsposten insgesamt. Die Ursache der Verschiebung bleibt insofern nur teilweise identifiziert – ein Punkt, den die Studie selbst offen benennt, statt ihn zu überspielen.
Eine Verschärfung, die über den Datenrand hinausweist
Der Beobachtungszeitraum endet 2016 – vor der breiten Durchsetzung von KI-gestützter Software in Unternehmen. Genau hier liegt ein naheliegender Anschlusspunkt, der über die Studie hinausgeht und entsprechend vorläufig bleibt: KI-Anwendungen kommen für die meisten Unternehmen nicht als selbst entwickeltes, variables Produktionsmittel ins Haus, sondern als zugekaufte Software-Lizenz, Cloud-Abonnement oder externe Beratungsleistung – buchhalterisch also fast durchweg als Dienstleistung, nicht als Ware. Sollte sich die Nutzung in der Breite fortsetzen, würde dies den bereits beobachteten Trend nicht umkehren, sondern eher fortschreiben: eine weitere Verschiebung von variablen Kosten hin zu einem Dienstleistungs- und Gemeinkostenblock, der wiederum tendenziell mit höheren Markups, aber nicht notwendig mit höheren Nettogewinnen einhergeht. Ob dieser Mechanismus tatsächlich eintritt und in welchem Ausmaß, lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht prüfen – die Studie selbst reicht dafür nicht bis in die relevante Periode.
Der eigentliche Ertrag
Der Wert dieser Untersuchung liegt weniger in einer abschließenden Antwort auf die Markup-Debatte als in der Demonstration eines Messproblems, das über den belgischen Einzelfall hinausreicht: Wo immer Forschung oder Wirtschaftspolitik auf gebündelte Buchhaltungskennzahlen wie COGS zurückgreift, droht eine reale Verschiebung der Kostenstruktur – weg von variablen, hin zu fixen und Gemeinkosten – unsichtbar zu bleiben. Das betrifft nicht nur akademische Markup-Schätzungen, sondern auch praktischere Fragen, etwa ob steigende Unternehmensgewinne tatsächlich zunehmende Marktmacht signalisieren oder schlicht eine andere Art zu produzieren.
Ralf Keuper
Quelle:
De Loecker, J., Fuss, C., Quiller-Doust, N. & Treuren, L. (2026): Technology, market power, and the anatomy of firms‘ cost structures, International Journal of Industrial Organization, 105, 103264. https://doi.org/10.1016/j.ijindorg.2026.103264
