Geely hat BYD in den ersten Monaten 2026 nach Stückzahlen überholt. Die Berichterstattung liest das als Beweis für die Überlegenheit des Varietätsmodells: wer mehrere Antriebsarten vorhält, übersteht volatile Märkte besser als ein BEV-Spezialist. Das ist nicht falsch — aber es ist die halbe Analyse.
BYD sitzt in einer Pfadabhängigkeitsfalle, die real ist. Geely droht eine Komplexitätsfalle, die mindestens ebenso real ist. Jürgen Kluge u.a. haben in Wachstum durch Verzicht gezeigt, was aus maximaler Sortimentsbreite ohne Volumendisziplin wird: steigende Koordinationskosten, sinkende Skaleneffekte, ein Serviceapparat, der unter der Last der Variantenvielfalt kollabiert. Toyota — der weltweit erfahrenste Multi-Antriebshersteller — verliert trotzdem Marktanteile in China. Das sollte zu denken geben.
Dazu kommt: BYDs ursprüngliche BEV-Wette war unter damaligen Informationsbedingungen rational. Und Peking wird seinen Nationalchampion nicht scheitern lassen. Die Pfadabhängigkeitsfalle hat einen politischen Boden.
Zwei Fallen, zwei unvollständige Strategien — und eine Berichterstattung, die eine günstige Konstellation mit einer tragfähigen Strategie verwechselt.
In den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 hat Geely den bisherigen Spitzenreiter BYD im chinesischen Automobilmarkt nach Stückzahlen überholt: rund 476.000 verkaufte Einheiten bei Geely gegenüber 400.000 bei BYD, das damit ein Minus von knapp 38,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum verzeichnete. Die New York Times liest diesen Befund als Beleg für eine „smarte Strategie in volatilen Märkten“. Das ist eine naheliegende, aber analytisch unvollständige Interpretation. Was sich hier zeigt, ist kein taktischer Schachzug, sondern die vorläufige Bilanz zweier strukturell unterschiedlicher strategischer Wetten — und keine davon ist ohne ernste Risiken.
BYDs Spezialisierungsfalle
BYDs Fokussierung auf rein elektrische Antriebe war eine strategische Wette auf Kontinuität: stabile Förderstrukturen, gesicherte Rohstoffversorgung, eine staatlich gestützte Nachfrage, die sich tatsächlich materialisiert. Als Peking Ende 2025 die nationalen EV-Kaufprämien zurückschraubte und der Ölpreisanstieg im Zuge des Iran-Konflikts die Betriebskostenlogik von Verbrennern neu kalibrierte, fehlte BYD der strukturelle Ausweichraum.
Mit den Kategorien von Schreyögg und Sydow lässt sich das als fortgeschrittene Pfadabhängigkeit beschreiben: Kapital, Infrastruktur, Zulieferbeziehungen und Organisationsroutinen wurden früh und konsequent in eine Richtung kanalisiert, die kurzfristig kaum reversibel ist. Was in einem stabilen Förderregime als Kompetenz erscheint, wird…
