In einem vorangegangenen Beitrag auf EconLittera wurde Leonardo Del Vecchio und die Entstehung von Luxottica als Fallstudie zur unternehmerischen Architekturmacht in der Brillenindustrie analysiert. Der folgende Essay setzt diese Analyse fort, indem er Del Vecchio einem strukturellen Vergleich mit dem deutschen Unternehmer Günther Fielmann unterzieht. Beide Texte sind eigenständig lesbar.
Dieselbe Industrie, derselbe Zeithorizont, grundverschiedene strategische Logiken: Leonardo Del Vecchio und Günther Fielmann haben beide die Brillenindustrie ihrer jeweiligen Epoche dauerhaft verändert – aber von entgegengesetzten Enden der Wertschöpfungskette aus, mit unterschiedlichen Marktmodellen und auf der Basis voneinander abweichender Vorstellungen davon, was unternehmerische Gestaltungsmacht eigentlich bedeutet. Ihre Gegenüberstellung ist kein Vergleich von Erfolgsbiografien, sondern eine Fallstudie über zwei strukturell verschiedene Typen industrieller Marktordnung.
Ausgangspunkte: Herstellung versus Handel
Del Vecchio gründete 1961 in Agordo in den Dolomiten einen Betrieb zur Herstellung von Brillenfassungs-Komponenten – zunächst als Lohnfertiger, dann als eigenständiger Produzent. Seine strategische Bewegungsrichtung war durchgängig vorwärts-integrativ: von der Fertigung in Richtung Design, von dort in Richtung Marke und Lizenz, schließlich in Richtung Einzelhandel. Luxottica wuchs von der Produktion aus, und diese Herkunft blieb strukturell sichtbar: Das Unternehmen besaß eigene Fertigungswerke in Italien und China, kontrollierte Produktionsstandards und Materialflüsse und nutzte diese operative Tiefe als Verhandlungsmacht gegenüber Lizenzgebern und Vertriebspartnern.
Fielmann gründete 1972 in Cuxhaven ein Optikergeschäft. Der Ausgangspunkt war der Konsument – genauer: dessen strukturelle Benachteiligung durch Preisabsprachen im deutschen Optikerhandwerk. …

