John Rawls hat in seiner Theorie der Gerechtigkeit einen Begriff entwickelt, der im deutschen wirtschaftspolitischen Diskurs selten beim Namen genannt wird, obwohl er dessen Selbstverständnis permanent begleitet: die wohlgeordnete Gesellschaft. Eine solche Gesellschaft, so Rawls, zeichnet sich nicht allein dadurch aus, dass sie Gerechtigkeitsgrundsätze bekennt, sondern dass ihre Grundinstitutionen tatsächlich nach diesen Grundsätzen eingerichtet sind und die Autonomie ihrer Mitglieder sowie die Objektivität ihrer Gerechtigkeitsurteile gelten lässt. Der Unterschied zwischen Bekenntnis und institutioneller Wirklichkeit ist nicht ein graduelles, sondern ein strukturelles Problem – und genau hier wird Rawls zum unbequemen Spiegel.


Die natürliche Lotterie und ihre institutionellen Konsequenzen

Rawls‘ Ausgangspunkt ist radikal: Die Verteilung natürlicher Fähigkeiten ist moralisch gesehen willkürlich. Wer mit welchen Begabungen, in welcher Familie und in welchem gesellschaftlichen Umfeld geboren wird, verdankt das keiner eigenen Leistung. Die sogenannte natürliche Lotterie produziert Startbedingungen, die unter moralischen Gesichtspunkten keinen Anspruch auf Legitimation besitzen. Daraus folgt bei Rawls nicht Nivellierung, sondern ein Strukturauftrag: Eine gerechte Gesellschaft muss Institutionen schaffen, die den Einfluss dieser Zufälligkeiten auf Lebenschancen systematisch begrenzen.

Die liberale Auffassung, die Rawls analysiert und zugleich kritisiert, geht einen halben Schritt: Sie fordert formale Offenheit der Laufbahnen und faire Chancengleichheit – Menschen mit gleichen Fähigkeiten und gleicher Bereitschaft, sie einzusetzen, sollen gleiche Erfolgsaussichten haben, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Doch Rawls zeigt, dass dieser Grundsatz in der Praxis unvollkommen bleibt, solange die Familie als Sozialisationsinstanz fortbesteht und gesellschaftliche Verhältnisse die Entwicklung natürlicher Fähigkeiten selbst prägen. Selbst die Bereitschaft zur Bemühung – im üblichen Sinne verdienstlich – hängt von günstigen familiären Umständen ab, die man sich nicht anrechnen kann.

Das Unterschiedsprinzip als institutionelle Verpflichtung

Rawls‘ Antwort auf diese Aporie ist das Unterschiedsprinzip: Ungleichheiten sind nur dann gerecht, wenn sie den am wenigsten Begünstigten zugutekommen. Dies ist kein Umverteilungsgebot im vulgären Sinne, sondern eine strukturelle Anforderung an die Grundinstitutionen der Gesellschaft – an das Bildungs- und Ausbildungssystem, die Verfassung freier Märkte durch politische und juristische Einbettung, die Verhinderung übermäßiger Vermögenskonzentrationen. Der Grundsatz bestimmt, wonach man streben soll, nicht nur, was man verteilt.

Hier beginnt die Spannung zur deutschen Institutionenrealität. Das Bildungssystem der Bundesrepublik reproduziert soziale Herkunftseffekte mit einer Persistenz, die international auffällt. Die frühe Selektion im dreigliedrigen Schulsystem, die Abhängigkeit von Bildungsbiographien von der kulturellen und ökonomischen Kapitalausstattung der Familie, die strukturellen Unterschiede zwischen Bildungsregionen – all das entspricht nicht dem, was Rawls unter der fairen Realisierung gleicher Chancen versteht. Es wäre in Rawls‘ Sprache: eine Institution, die Erwartungen weckt und scheinbar rechtfertigt, die eine andere ablehnt oder unbeachtet lässt.

Institutionen als System – und die Ungerechtigkeit ihrer Zusammenfassung

Rawls betont, dass eine Institution für sich genommen nicht ungerecht sein muss – die Ungerechtigkeit ergibt sich oft erst aus der Art ihrer Zusammenfassung zu einem System. Dieser Gedanke ist für die Analyse der deutschen Institutionenlandschaft von erheblicher analytischer Schärfe. Das Zusammenspiel von föderaler Bildungshoheit, kommunaler Finanzierungsschwäche, einem Arbeitsmarkt mit starken Insider-Outsider-Dynamiken und einem Sozialversicherungssystem, das Bestandsschutz gegenüber Zugangsoffenheit privilegiert – diese Konstellation produziert systemische Ungleichheit, ohne dass eine einzelne Institution als Ursache benannt werden könnte.

Das verweist auf eine strukturelle Wahrnehmungslücke: Weil keine einzelne Instanz offensichtlich versagt, entsteht der Eindruck institutioneller Integrität. Der Abstand zwischen dem kommunizierten Anspruch – soziale Marktwirtschaft, Chancengerechtigkeit, gesellschaftliche Teilhabe – und der tatsächlichen institutionellen Performanz bleibt unsichtbar, weil er sich in der Summe der Systemarchitektur versteckt, nicht in einzelnen Entscheidungen.

Der Spargrundsatz: Gerechtigkeit zwischen den Generationen

Weniger beachtet, aber für die aktuelle wirtschaftspolitische Konstellation hochrelevant, ist Rawls‘ Spargrundsatz. Gerechtes Sparen bedeutet nicht, dass frühere Generationen für den materiellen Reichtum späterer ansparen, sondern dass sie die Bedingungen für die vollständige Verwirklichung gerechter Institutionen und gleicher Freiheiten sichern. Kapital im relevanten Sinne besteht bei Rawls ausdrücklich nicht nur aus Fabriken und Maschinen, sondern aus Wissen und Kultur, aus den Methoden und Fähigkeiten, die gerechte Institutionen und faire Werte der Freiheit ermöglichen.

Gemessen an diesem Maßstab ist die deutsche Haushaltspolitik der vergangenen Dekade schwer zu rechtfertigen. Der Investitionsstau in Infrastruktur, Bildung und digitale Grundversorgung entspricht einer Unterlassung, die zukünftigen Generationen nicht nur materielle Mängel, sondern verschlechterte institutionelle Grundbedingungen hinterlässt. Die Schuldenbremse als verfassungsrechtliches Prinzip ist in Rawls‘ Rahmen kein neutrales Instrument, sondern eine Entscheidung mit intergenerationellen Gerechtigkeitskonsequenzen – und diese Entscheidung ist, gemessen am Spargrundsatz, begründungspflichtig.

Wohlgeordnet oder nur stabil?

Rawls unterscheidet sorgfältig zwischen einer wohlgeordneten und einer lediglich stabilen Gesellschaft. Stabilität kann durch Gewohnheit, Interessengleichgewichte und institutionelle Trägheit entstehen, ohne dass die zugrundeliegenden Gerechtigkeitsbedingungen erfüllt sind. Die Frage, ob Deutschland eine wohlgeordnete Gesellschaft im Sinne von Rawls ist, oder ob es sich um eine stabile Gesellschaft handelt, deren institutionelle Arrangements die Ungleichheiten der natürlichen und gesellschaftlichen Lotterie im Wesentlichen fortschreiben, ist keine rhetorische. Sie ist empirisch offen.

Die Antwort hängt davon ab, ob die Grundinstitutionen tatsächlich so eingerichtet sind, dass sie den am wenigsten Begünstigten zugutekommen, dass Chancengleichheit nicht nur formal besteht, sondern strukturell ermöglicht wird, und dass der gesellschaftliche Reichtum – einschließlich des institutionellen und kulturellen Kapitals – auch für kommende Generationen erhalten und ausgebaut wird. Rawls liefert keine politische Agenda, aber er liefert einen analytisch präzisen Prüfstein. Und an diesem Prüfstein gemessen, bleibt erheblich mehr zu tun, als der Konsens des wirtschaftspolitischen Mainstreams wahrhaben will.

Ralf Keuper