Gegen die Erzählung vom „kranken Mann Europas“ wird gerne mit harten Zahlen gekontert: drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, AAA-Rating, 20 Prozent Industrieanteil, 1612 Hidden Champions – mehr Weltmarktführer als in den USA und Japan zusammen. Doch was, wenn diese Gegenrechnung selbst auf brüchigem Fundament steht? Ein Blick zurück auf 1999 zeigt: Die heutige Lage ist nicht bloß eine Wiederholung, sondern eine andere Problemkategorie. Wachstumsbilanz, Arbeitsmarktzahlen und die Produktionskonzepte der Gegenwart und Zukunft – die Fab, die Batteriezelle und die Plattformökonomie – zeigen: Die beruhigende Zahl beantwortet häufig eine andere Frage, als sie zu beantworten vorgibt.


Es gehört inzwischen zum festen Repertoire wirtschaftspolitischer Debatten, der Niedergangsrhetorik mit einer Gegenrechnung zu begegnen. Deutschland sei weiterhin drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, das BIP pro Kopf liege deutlich über dem Euro-Zonen-Durchschnitt, die Staatsfinanzen seien solider als ihr Ruf, und der Industrieanteil von etwa 20 Prozent übertreffe den Frankreichs, der Niederlande oder der USA. „Deindustrialisierung“ sei daher, so das Argument, mehr Kampfbegriff als Realitätsbeschreibung. Als Kronzeuge dient dabei gerne eine besondere Institution des deutschen Mittelstands: die sogenannten Hidden Champions, jene rund 1600 mittelständischen Weltmarktführer, die in ihrer Nische dominieren, ohne dass die Öffentlichkeit sie kennt.

Diese Gegenrechnung ist berechtigt, soweit sie sich gegen plakative Untergangsszenarien richtet. Sie hat aber ein Problem: Sie beantwortet, bei genauerem Hinsehen, häufig nicht die Frage, die sie zu beantworten vorgibt.

1999 und heute: zwei unterschiedliche Kategorien von Problem

Bevor man die Bilanz zieht, lohnt der Blick zurück auf das Jahr, das der Vergleichsmaßstab der gesamten Debatte ist. Den Begriff „kranker Mann Europas“ prägte The Economist 1999, popularisiert wurde er durch den Ökonomen Hans-Werner Sinn. Die damalige Diagnose: ein verkrusteter Arbeitsmarkt, die ungelösten Lasten der Wiedervereinigung, Arbeitslosenquoten im zweistelligen Bereich, dazu eine kurze, extern ausgelöste Rezession infolge der Asienkrise 1997/98 und des russischen Rubel-Kollapses 1998 – die aber bereits im dritten Quartal 1999 wieder endete, gestützt durch Steuerreform und expansive Geldpolitik.

Entscheidend ist, was diese Diagnose damals NICHT umfasste. China war 1999 noch nicht einmal WTO-Mitglied (Beitritt erst 2001) und spielte als Technologiekonkurrent keine Rolle – es war allenfalls ein aufstrebender Absatzmarkt. Batteriezellen, softwaredefinierte Fahrzeuge, Plattformökonomie und KI-Infrastruktur existierten als wirtschaftspolitische Kategorien schlicht nicht. Das Problem von 1999 war im Kern ein institutionelles: zu wenig Flexibilität in einem ansonsten strukturell intakten Arbeitsmarkt. Genau deshalb ließ es sich mit einem inländischen Reformpaket beheben – der Agenda 2010, im März 2003 verkündet und bis 2005 weitgehend umgesetzt –, gefolgt von einem „goldenen Jahrzehnt“ mit Rekordbeschäftigung und steigenden Haushaltsüberschüssen.

Bezeichnend ist dabei die eigene Rückschau des Economist aus dem Jahr 2023: Während Deutschland florierte, drehte sich die Welt weiter – und Deutschland wurde abgehängt. Das trifft den entscheidenden Unterschied zu heute genau: Die Reform von 2003 behob das damalige, institutionelle Problem, bereitete das Land aber nicht auf den nächsten Umbruch vor. Die heutige Lage ist deshalb nicht einfach eine Wiederholung von 1999 in neuem Gewand, sondern eine andere Problemkategorie. Wo 1999 Arbeitsmarktstarrheit im Zentrum stand – etwas, das der Gesetzgeber direkt adressieren konnte –, geht es heute um den Verlust der architektonischen Kontrolle über Fab, Batteriezelle und Plattformökonomie, die bei anderen Akteuren liegt: bei TSMC, bei CATL und BYD, bei den amerikanischen Hyperscalern. Das lässt sich nicht per Gesetzespaket zurückholen, weil der Wettbewerbsvorteil dort nicht auf Lohnnebenkosten oder Kündigungsschutz beruht, sondern auf akkumuliertem Prozesswissen und Kapitalmasse, die anderswo entstanden sind.

Hinzu kommt der demografische Unterschied: 1999 war die Erwerbsbevölkerung strukturell stabil, das Problem war Arbeitslosigkeit innerhalb eines vorhandenen Arbeitskräfteangebots, verschärft durch die Integration Ostdeutschlands. Heute schrumpft das Arbeitskräfteangebot selbst durch die Verrentung der Babyboomer-Jahrgänge – ein Trend, der sich, anders als eine Arbeitsmarktreform, nicht per Gesetz umkehren lässt. Und schließlich hat sich Chinas Rolle umgekehrt: 1999 war es ein Wachstumsversprechen ohne technologische Konkurrenzfunktion, heute ist es zugleich wichtiger Exportmarkt und der führende Wettbewerber genau in jenen Feldern, die über die industrielle Zukunft entscheiden.

Der vielleicht schärfste Unterschied lässt sich so zusammenfassen: 1999 war im Kern eine Kostenfrage. Lohnnebenkosten, Kündigungsschutz, Arbeitsmarktstarrheit – all das ließ sich senken beziehungsweise lockern, und die Nachfrage nach deutschen Produkten selbst stand nicht infrage. Heute geht es nicht mehr in erster Linie um Kosten, sondern darum, dass der Absatz fehlt – und zwar unabhängig vom Preis. Das lässt sich am chinesischen Automarkt exemplarisch zeigen: In den ersten fünf Monaten 2026 kamen chinesische Hersteller dort bereits auf rund 71 Prozent Marktanteil, deutsche Marken zusammen nur noch auf 10,4 Prozent. Im zweiten Quartal 2026 brachen die China-Verkäufe von Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW jeweils um mehr als 30 Prozent ein, bei Volkswagen um 36,6 Prozent. Besonders aufschlussreich ist der Fall des Mercedes CLA L: trotz moderner 800-Volt-Technik, hoher Reichweite und lokaler Anpassungen wurden im ersten Halbjahr 2026 gerade einmal 627 Exemplare verkauft – während Xiaomi im selben Zeitraum und Preissegment über 80.000 Einheiten seiner SU7-Limousine auslieferte. Das ist kein Kostenproblem, das sich durch günstigere Produktion beheben ließe; das Produkt ist technisch konkurrenzfähig und findet trotzdem keine Käufer. Genau das unterscheidet die heutige Lage von 1999: Damals fehlte die Wettbewerbsfähigkeit bei vorhandener Nachfrage, heute fehlt die Nachfrage bei vorhandener, teils sogar hoher technischer Wettbewerbsfähigkeit – ein Strukturproblem, das sich mit den Mitteln von 2003 nicht lösen lässt.

Hinzu kommt, kurz erwähnt, der Kapitalstock selbst: Die produktiven Nettoinvestitionen in Deutschland sind laut einer McKinsey-Erhebung vom Juni 2026 auf ein historisches Tief von nur noch 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung gesunken, das Wachstum des Kapitalstocks je Arbeitskraft ist damit praktisch zum Stillstand gekommen. Im internationalen Vergleich investiert China 23 Prozent seiner Wirtschaftsleistung in neue Produktionskapazitäten, die USA vier Prozent, die EU insgesamt nur zwei Prozent. 1999 ging es um die Auslastung eines vorhandenen, intakten Kapitalstocks; heute erneuert sich dieser Kapitalstock selbst kaum noch – eine dritte strukturelle Ebene, die additiv zum Absatzproblem hinzukommt, nicht nur ergänzend dazu steht.

Der Kampfbegriff-Vorwurf trifft in beide Richtungen

Der aggregierte Industrieanteil ist blind für sektorale Verschiebungen innerhalb der Industrie selbst. Der Produktionsindex für energieintensive Industriezweige lag im März 2026 bei 83,8 Punkten – unterhalb des pandemiebedingten Tiefpunkts von 2020 (86,1 Punkte). Die Chemieindustrie, drittgrößte deutsche Industriebranche, verzeichnete bereits 2023 einen Produktionseinbruch von elf Prozent bei einer Kapazitätsauslastung von zuletzt nur 75 Prozent. Auch im Maschinenbau, dessen Clusterstrukturen bis ins Kaiserreich zurückreichen, wird inzwischen von einer beginnenden Auflösung jahrhundertealter Strukturen gesprochen.

Ein stabiler Gesamtanteil kann also durchaus koexistieren mit einer massiven Verschiebung innerhalb des industriellen Kerns: weg von energieintensiven, oft besonders wissensintensiven Grundstoffbranchen, hin zu weniger kapitalintensiven Aktivitäten. Wer nur auf den aggregierten Prozentsatz schaut, verwechselt Bestand mit Substanz.

Auch die Wachstumszahlen selbst tragen die Beruhigung nicht

Selbst unabhängig von Struktur- und Clusterfragen lohnt der Blick auf die schlichte Wachstumsbilanz. Die deutsche Wirtschaft ist seit 2019 kaum noch gewachsen: 2023 schrumpfte das reale BIP um 0,9 Prozent, 2024 um weitere 0,5 Prozent, 2025 stand am Ende ein Mini-Plus von rund 0,2 Prozent – technisch weiterhin eine Stagnation. Für 2026 rechnen Institute mit einer moderaten Erholung, die Prognosen liegen je nach Quelle zwischen etwa 0,1 und 1,7 Prozent, deutlich gedämpft zudem durch die im April 2026 halbierte Wachstumsprognose der Bundesregierung infolge des Ölpreisschocks nach dem Iran-Krieg.

Entscheidend ist dabei weniger der Einzelwert eines Jahres als der Vergleich über Zeit: Während andere europäische Volkswirtschaften – wenn auch selbst nur moderat – weitergewachsen sind, verharrte Deutschland de facto auf der Stelle. Selbst optimistischere Prognosen, die Deutschland 2026 wieder knapp vor die Eurozone oder die USA setzen, ändern daran wenig: Ein einzelnes Jahr mit einem leicht überdurchschnittlichen Wert gleicht keine mehrjährige Stagnationsphase aus, in der andere Volkswirtschaften kontinuierlich, wenn auch bescheiden, an Wirtschaftsleistung zugelegt haben. Auch der KPMG European Economic Outlook ordnet die erwartete deutsche Erholung ausdrücklich als „europäisches Mittelfeld“ ein, langsamer als in vielen anderen Volkswirtschaften Europas.

Der Arbeitsmarkt bestätigt dieses Bild, statt es zu relativieren. Die bundesweite Arbeitslosenzahl stieg im August 2026 um 54.000 gegenüber dem Vormonat auf 3,061 Millionen, die Quote auf 6,5 Prozent – bereits über der noch für 2026 veranschlagten IMK-Prognose von 6,2 Prozent. Besonders deutlich zeigt sich die Schieflage in den Stadtstaaten: Hamburg meldete im August mit fast 97.800 Arbeitslosen (Quote 8,6 Prozent) den höchsten Stand seit Mai 2006. Eine Wirtschaft, die sich in einer belastbaren Erholung befindet, produziert normalerweise keine Zwanzig-Jahres-Höchststände bei der Arbeitslosigkeit einer ihrer wirtschaftsstärksten Regionen.

Auch die Erwerbstätigkeit selbst, nicht nur die Arbeitslosenstatistik, zeigt seit anderthalb Jahren dieselbe Richtung. Im Juli 2026 waren rund 45,48 Millionen Menschen mit Wohnort in Deutschland erwerbstätig – 223.000 Personen beziehungsweise 0,5 Prozent weniger als im Juli 2025, womit sich der seit Januar 2025 bestehende Abwärtstrend fortsetzte. Parallel dazu stieg die Erwerbslosigkeit nach der Arbeitskräfteerhebung auf 1,84 Millionen Menschen, 149.000 beziehungsweise 8,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor; die Erwerbslosenquote kletterte von 3,9 auf 4,2 Prozent. Dass beide Kennziffern – sinkende Erwerbstätigenzahl und steigende Erwerbslosigkeit – gleichzeitig und über eineinhalb Jahre hinweg in dieselbe Richtung laufen, ist kein statistisches Rauschen, sondern die Handschrift eines Arbeitsmarkts, der sich strukturell verschlechtert, nicht nur saisonal schwankt.

Wie uneinheitlich selbst eine beginnende Erholung ausfällt, zeigt der Blick auf einzelne Wirtschaftsbereiche. Während der Ifo-Geschäftsklimaindex im August 2026 den vierten Monat in Folge stieg, rutschte der Geschäftsklimaindex des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahr so stark ab wie zuletzt im Corona-Jahr 2020. ZDH-Präsident Jörg Dittrich, selbst Dachdeckermeister, führt das unter anderem auf die im Handwerk besonders hohen Lohnnebenkosten zurück (Lohnanteil dort im Schnitt rund 60 Prozent der Kosten, deutlich über dem anderer Branchen), auf eine weiterhin zurückhaltende Nachfrage der Industrie nach handwerklichen Vorleistungen und auf eine verzögerte Erholung am Bau. Die optimistischeren Konjunktursignale konzentrieren sich damit auf bestimmte Unternehmenssegmente, während ein Wirtschaftszweig mit rund einer Million Betrieben und sechs Millionen Beschäftigten in einer eigenen, deutlich schlechteren Realität verharrt – ein weiteres Beispiel dafür, dass aggregierte Stimmungs- und Wachstumsindikatoren die tatsächliche Lage verdecken können, statt sie abzubilden.

Diese Wachstumslücke ist die vielleicht unbequemste Zahl in der gesamten Debatte, weil sie sich weder durch Verweis auf Rating, BIP-pro-Kopf-Niveau noch auf Institutionenzahlen wie die Hidden Champions relativieren lässt: Ein hohes Ausgangsniveau schützt nicht vor mehrjährigem Stillstand, während das Ausgangsniveau der Vergleichsländer sich in derselben Zeit weiter von der deutschen Position wegbewegt.

Die Hidden-Champion-Zahl trägt weniger, als sie verspricht

Problematischer noch ist die Verwendung der Hidden-Champions-Zahl als Beleg wirtschaftlicher Robustheit. Zwei Einwände wiegen schwer.

Erstens die Marktdefinition. Was genau macht jemanden zum „Weltmarktführer“? Hermann Simon selbst, der Begründer des Konzepts, hat wiederholt darauf hingewiesen, dass viele Hidden Champions ihre Marktdefinition nicht extern vorgegeben übernehmen, sondern sie als eigenständigen strategischen Parameter behandeln – sie entwickeln eine eigene Auffassung ihres Marktes, statt die in der Branche gebräuchliche Abgrenzung zu akzeptieren. Das ist unternehmerisch nachvollziehbar, methodisch aber heikel: Wer seinen Markt eng genug zuschneidet, wird nahezu zwangsläufig „Marktführer“ in ihm. Ein Nischenmarkt mit drei Anbietern ist dann formal ein Fall von Weltmarktführerschaft, ökonomisch aber kaum das, was die Zahl suggeriert. Bezeichnend ist auch, wie stark die kursierenden Zahlen selbst schwanken – zwischen 1300 und gut 1600, je nach Quelle und Zähljahr –, was schon für sich genommen die Unschärfe der Kategorie offenlegt.

Zweitens die Substituierbarkeit. Ein erheblicher Teil der Hidden Champions sind Komponenten- und Zulieferbetriebe, insbesondere in der Automobilkette. Ob deren Position tatsächlich auf schwer replizierbarem Prozess-Know-how beruht oder eher auf einer inzwischen unter Druck geratenen Position in einer alten Wertschöpfungsarchitektur, ist eine Verteilungsfrage, die von Branchensegment zu Branchensegment unterschiedlich ausfällt – und die durch die bloße Zählung von „Weltmarktführern“ nicht beantwortet wird.

Der eigentliche Kategorienfehler: die falsche Frage

Der tiefere Einwand geht aber über Definitionsfragen hinaus. Selbst wenn die Zählung methodisch sauberer wäre, bliebe ungeklärt, ob sie überhaupt die relevante Frage beantwortet. Das Hidden-Champion-Modell beruht auf tiefer Spezialisierung innerhalb bestehender, oft jahrzehntealter Wertschöpfungsketten – Maschinenbau, Präzisionstechnik, Automobilzulieferung. Genau diese Kompetenz, Nischentiefe in einer etablierten Architektur, ist etwas anderes als das, was in neu entstehenden Technologiefeldern über Führerschaft entscheidet: Batteriezellen, Systemintegration softwaredefinierter Fahrzeuge, KI-Infrastruktur, Halbleiterfertigung im führenden Knoten. Dort zählen kapitalintensive Skalierung und Plattformkontrolle, nicht Nischentiefe.

Die Batteriezelle liefert dafür ein besonders klares Beispiel. CATL hält allein rund 37 Prozent, BYD etwa 16 Prozent des globalen Marktanteils. Der größte Teil der Batterien für deutsche Elektrofahrzeuge kommt weiterhin aus Asien, während der Aufbau eigener Fertigungskapazitäten stockt – im Februar 2026 wurde das ACC-Werk in Kaiserslautern geschlossen, mehrere Zellhersteller mussten ihre Ausbaupläne zurückfahren. Kein einziger der 1612 gezählten Hidden Champions hat daran etwas geändert, und keiner musste es: Sie waren für diese Auseinandersetzung nie zuständig. Das ist der eigentliche Kategorienfehler des Arguments – Bestandsstärke in der alten industriellen Architektur wird als Beleg gegen Substanzverlust in der neuen verwendet, obwohl beide Räume kaum überlappen.

Wo es um reine Produktion geht: die Fab und die Batteriezelle

Am schärfsten zeigt sich der Kategorienfehler, wenn man auf die beiden Produktionskonzepte blickt, die Industrie, Fertigung und Wertschöpfung in ihrer reinsten Form verkörpern: die Halbleiterfabrik und die Batteriezellfertigung. Hier geht es nicht um Marke, Dienstleistung, Forschungsanteil oder Systemintegration im übertragenen Sinn, sondern um den physischen Produktionsprozess selbst – Hunderte bis über tausend Prozessschritte, Reinräume, Anlagenparks im Milliardenwert. Und in beiden Fällen spielt Deutschland keine relevante Rolle.

Bei der Halbleiterfabrik hält Deutschland zwar mit Zeiss SMT und Trumpf jeweils rund 100 Prozent Weltmarktanteil bei EUV-Optik beziehungsweise -Lasern – ohne Zweitanbieter. Das ist jedoch Komponentenlieferung, nicht Fabbetrieb. Die eigentliche Prozessintegration, also der Betrieb der Fab selbst mit ihren rund 90 Fertigungsschichten und weit über tausend Prozessschritten, liegt bei TSMC. Selbst dort, wo TSMC im Ausland investiert, bleibt die modernste Technologie zunächst in Taiwan; Vorstandschef C. C. Wei hat das wiederholt bestätigt. Das Dresdner ESMC-Werk (TSMC 70 Prozent, Bosch/Infineon/NXP je 10 Prozent) fertigt entsprechend nur ausgereifte, nicht die aktuellsten Prozessknoten. Intels eigenes Fab-Projekt in Magdeburg ist gescheitert. Eine eigene, technologisch führende Fab besitzt Deutschland damit schlicht nicht.

Bei der Batteriezelle wiederholt sich dasselbe Muster mit umgekehrten Vorzeichen: Hier fehlt selbst die Komponentenmacht. CATL und BYD zusammen halten rund 53 Prozent des globalen Marktanteils; deutsche Zellfertigungsprojekte wie ACC in Kaiserslautern wurden eingestellt, VWs PowerCo in Salzgitter bleibt ein Gegenbeispiel unter vielen gescheiterten Versuchen, kein Beleg für eine tragfähige eigene Position.

In beiden Fällen – Fab wie Batteriezelle – geht es um genau jene Stufe der Wertschöpfungskette, die am wenigsten durch Marketing, Marke oder nachgelagerte Dienstleistung kompensierbar ist: die physische Fertigung des komplexesten und wertschöpfungsintensivsten Bauteils selbst. Wer dort keine Rolle spielt, kann durch Stärke in vor- oder nachgelagerten Bereichen (Anlagenbau, Optik, Software, Vertrieb) einen Teil des Bildes aufhellen – ändert aber nichts daran, dass an der Stelle, an der die eigentliche industrielle Wertschöpfung entsteht, eine andere Volkswirtschaft die Kontrolle hat.

Die zweite fehlende Produktionskonzeption: die Plattformökonomie

Neben der Fab gibt es ein zweites Produktionskonzept, das die Gegenwart und die absehbare Zukunft prägt und bei dem sich dasselbe Muster wiederholt: die Plattformökonomie, konkret die Cloud- und KI-Infrastruktur, auf der digitale Wertschöpfung heute aufsetzt. Amerikanische Hyperscaler wie Amazon, Microsoft, Google und Meta investieren zusammen jährlich weit über 400 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur. Eine gleichwertige Größenordnung existiert in Deutschland oder Europa nicht, und der Rückstand wird als solcher auch breit wahrgenommen: 71 Prozent der deutschen Unternehmen beziehen ihre Cloud-Dienste derzeit aus den USA, während nur 8 Prozent das tatsächlich bevorzugen würden. 85 Prozent halten Deutschland inzwischen für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern – ein Anteil, der binnen eines Jahres von 78 auf 85 Prozent gestiegen ist –, und 43 Prozent der Unternehmen geben an, für ihre konkreten Cloud-Anforderungen gebe es derzeit keine gleichwertige europäische Alternative.

Die deutsche Antwort darauf, die im Mai 2026 vergebene souveräne KI-Cloud des Bundes (T-Systems/SAP/StackIT, ausdrücklich ohne US-Hyperscaler-Beteiligung), hat ein Auftragsvolumen von 250 Millionen Euro – eine Zahl, die neben den jährlichen Infrastrukturausgaben der US-Hyperscaler im dreistelligen Milliardenbereich kaum ins Gewicht fällt. Auch hier wiederholt sich das Muster von Fab und Batteriezelle: Deutschland verfügt über anerkannte Stärken in angrenzenden Schichten – SAP in Unternehmenssoftware, T-Systems in IT-Dienstleistung, dazu vereinzelte Beteiligungen wie an Aleph Alpha –, aber nicht in der Plattformschicht selbst, die die Bedingungen für alle anderen setzt. Wie bei der Fab hält Deutschland damit erneut die Komponenten- oder Dienstleistungsebene, während die eigentliche Infrastruktur der Gegenwart und Zukunft von anderen betrieben wird.

Was verloren geht, kommt nicht einfach zurück

Am schwersten wiegt schließlich ein Mechanismus, der in der Debatte selten benannt wird: die Irreversibilität erodierender Cluster. Industrielle Cluster funktionieren über verdichtete Netzwerke aus spezialisierten Zulieferern, einen lokalen Pool passend ausgebildeter Fachkräfte und, vor allem, implizites Erfahrungswissen, das über Jahrzehnte durch Werksnähe und informellen fachlichen Austausch entstanden ist. Dieses Wissen ist nicht kodifiziert und lässt sich nicht einfach zukaufen.

Schließt ein Werk, verstreuen sich die Facharbeiter, Zulieferer verlieren ihre kritische Nachfragemasse und verschwinden mit. Kehrt die Nachfrage später zurück, lässt sich das Kapital vergleichsweise schnell erneuern – das über Generationen akkumulierte Netzwerk aus Erfahrungswissen nicht. Ein aggregierter Industrieanteil, der sich in einigen Jahren wieder erholt, ist deshalb nicht notwendig dasselbe industrielle Gewebe, das er einmal war.

Fazit

Die Gegenrechnung zur Niedergangsrhetorik enthält richtige Elemente – Deutschland ist nicht der „kranke Mann Europas“ von 1999, schon weil es sich um eine andere, ungünstigere Problemkategorie handelt: 1999 war im Kern eine Kostenfrage, lösbar durch Reform bei weiterhin vorhandener Nachfrage; heute fehlt die Nachfrage selbst, während die architektonische Kontrolle über die entscheidenden Technologiefelder bei anderen liegt – ein Zustand, den kein Gesetzespaket zurückholen kann. Aber die Belege, die für die heutige Beruhigung herangezogen werden, allen voran die Hidden-Champions-Zahl, tragen weniger, als ihnen zugetraut wird, und selbst die schlichte Wachstumsbilanz der vergangenen Jahre liefert eher zusätzlichen Erklärungsbedarf als Entwarnung: teils, weil ihre Zähllogik auf einer methodisch fragwürdigen, oft unternehmensdefinierten Marktabgrenzung beruht; vor allem aber, weil sie eine Frage beantworten, die mit der eigentlich entscheidenden – Führerschaft in den Technologiefeldern von morgen – nur wenig zu tun hat. Am deutlichsten zeigt sich das dort, wo Industrie und Wertschöpfung am reinsten auftreten, in der Fab und in der Batteriezellfertigung, sowie bei der digitalen Entsprechung dazu, der Plattformökonomie: Dort spielt Deutschland jeweils keine relevante Rolle, unabhängig davon, wie viele Hidden Champions in vor- oder nachgelagerten Bereichen gezählt werden. Diese Einordnung ist als vorläufig korroboriert zu verstehen, nicht als abschließend verifiziert; sie beruht auf den hier zusammengetragenen Einzelbelegen, nicht auf einer systematischen Untersuchung aller Branchensegmente.

Ralf Keuper


Quellen: