Deutschland baut kaum noch Containerschiffe, Tanker oder Massengutfrachter – diesen Markt beherrscht China mit einem Anteil von rund 70 Prozent. Und doch meldete der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) für 2025 einen historischen Rekord bei den Neubauaufträgen. Beide Sätze sind richtig, und genau in diesem scheinbaren Widerspruch liegt der eigentliche Befund: Die deutsche Werftenindustrie hat sich nicht gegen die chinesische Volumendominanz behauptet, sondern sich aus deren Wirkungsbereich herausbewegt – in Segmente, in denen Stückzahl keine Rolle spielt und die Werft selbst Systemhersteller bleibt, statt zum Zulieferer eines fremden Systems zu werden. Wie unterschiedlich diese Position im Einzelnen ausfällt, zeigt sich erst im Vergleich: Neben den Großwerften und Konzernstrukturen der Marine- und Kreuzfahrtindustrie bestehen ein eigenständiger, familiengeführter Spezialschiffbau-Mittelstand, ein eigenes Muster im Yachtbau und, mit umgekehrter Verwundbarkeit, der Binnenschiffbau fort – vier Wege, Systemhersteller zu bleiben, mit vier unterschiedlichen Lehren für andere Branchen, die vor derselben Frage stehen.
Vom Massenmarkt zur Spezialisierung
Wer von „deutschem Schiffbau“ spricht, meint inzwischen etwas anderes als noch vor zwanzig Jahren. Rund 130 Werften, etwa 18.200 Beschäftigte im engeren Schiffbau, ein Auftragsbestand von rund 15,4 Milliarden Euro und ein Umsatz von 7,45 Milliarden Euro (2025) beschreiben keine Massenfertigung, sondern ein Portfolio aus Spezialschiffen: Kreuzfahrtschiffe, Marineschiffe, Forschungsschiffe, Offshore-Plattformen. Rund 70 Prozent der hier gebauten Schiffe gehen in den Export – nicht weil deutsche Werften billiger produzieren, sondern weil sie Schiffstypen bauen, für die es kaum alternative Anbieter gibt.
Das ist ein anderes Muster als in der Automobilzulieferindustrie oder, aktueller, in der Frage nach deutscher Beteiligung an Chinas Robotik-Standardisierung. Dort lautet die wiederkehrende Frage, ob deutsche Unternehmen Zulieferer eines fremden Systems werden oder Architekten – OEM im eigentlichen Sinn – eines eigenen bleiben. Im Schiffbau stellt sich diese Frage in umgekehrter Richtung: Deutschland ist im Massensegment gar nicht mehr Zulieferer, sondern schlicht nicht mehr präsent. Was bleibt, sind Segmente, in denen die Werft selbst die Systemarchitektur liefert – vom Antriebskonzept bis zur Sensorik der Marineschiffe.
Dass sich Werften anpassen oder untergehen, ist dabei keine neue Erfahrung. Die Hamburger Schlieker-Werft stieg in der Wirtschaftswunderzeit binnen weniger Jahre zu einer der modernsten Werften Europas auf – und ging bereits 1962 in Konkurs, als die Investitionen für den internationalen Großschiffbau ihre Möglichkeiten überstiegen. Auch Blohm & Voss, einst mit dem größten zusammenhängenden Werftgelände der Welt, verlor diese Eigenständigkeit über Jahrzehnte graduell: 2005 lief dort das letzte Schiff im traditionellen Stapellauf vom Helgen, das Geschäft verlagerte sich zunehmend auf Reparatur und Umbau, und 2017 ging die Werft schließlich in der Lürssen-Gruppe auf. Die gegenwärtige Spezialisierung ist damit weniger eine neue Erfindung als die jüngste Runde eines wiederkehrenden Anpassungsdrucks, den nicht alle Werften überlebt haben – ein Kontext, vor dem die heutige Systemhersteller-Position umso bemerkenswerter ist.
Wo die Systemkompetenz sitzt
Die Struktur der Branche macht diesen Unterschied sichtbar. Meyer Werft in Papenburg, die größte zivile Werft des Landes, ist über Großaufträge – unter anderem von MSC – langfristig ausgelastet und baut Schiffstypen, deren Komplexität (Passagierkapazität, Sicherheitsauflagen, Antriebstechnik) den Markteintritt für Wettbewerber hoch hält. Dass diese Position keineswegs krisenfest ist, zeigte sich bereits 2024: Vorpandemisch geschlossene Kreuzfahrtschiff-Verträge ohne Anpassung an die seither gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise brachten die Werft in eine existenzbedrohende Finanzierungslücke von rund 2,8 Milliarden Euro bis Ende 2027 – verschärft durch die branchenübliche Zahlungsstruktur, bei der Reedereien erst 80 Prozent des Kaufpreises bei Ablieferung zahlen. Bund und Land Niedersachsen retteten das Unternehmen 2024 mit einer Kapitalspritze von 400 Millionen Euro (je rund 40 Prozent der Anteile) sowie Bürgschaften von zusammen 2,6 Milliarden Euro – auch mit Verweis auf ein strategisches Intere…
