Rupert Murdoch gilt in Teilen der Medienöffentlichkeit als mächtigster Meinungsmacher der Welt[1]Superreich und skrupellos: Wer ist die Familie Murdoch? | ZDFinfo Doku. Diese Einschätzung ist nicht nur übertrieben — sie ist kategorial falsch. Sie misst Macht mit dem Maßstab einer vergangenen Epoche.

Der Beweis liegt in einem einzigen Vorgang: 2005 kaufte Murdoch MySpace für 580 Millionen Dollar. 2011 verkaufte er es für 35 Millionen. Zur selben Zeit baute Mark Zuckerberg mit Facebook eine soziale Infrastruktur auf, die Murdochs Verlegerlogik strukturell überholte. Es war keine operative Niederlage — es war ein Paradigmenwechsel.

Die Akteure, die heute strukturelle Macht im globalen Kommunikationssystem ausüben, heißen Zuckerberg, Cook, Pichai, Bezos, Ellison und Musk. Sie sind nicht durch Inhalte mächtig geworden, sondern durch Plattformarchitekturen: Zugangskontrolle, Algorithmushoheit, Datenarchitektur, physische Infrastruktur. Apple kontrolliert den Zugangspunkt zur digitalen Welt. Google kontrolliert die Auffindbarkeit von Wissen. Meta kontrolliert soziale Sichtbarkeit. X kontrolliert politische Echtzeit-Kommunikation. AWS und Oracle kontrollieren die digitale Infrastruktur. Starlink beginnt, Kommunikationsinfrastruktur in privater Hand zu zentralisieren.

Murdoch hatte nichts davon. Er hatte redaktionelle Kontrolle — eine reale, aber qualitativ schwächere Machtform, die mit dem Verlegermodell des 20. Jahrhunderts endet.

Die eigentliche Frage ist nicht, wer die Meinung macht. Sie ist, wer die Infrastruktur kontrolliert, auf der Meinungsbildung überhaupt stattfindet.


I. Murdoch als Symptom begrifflicher Rückständigkeit

In Teilen der Medienöffentlichkeit kursiert die Einschätzung, Rupert Murdoch sei der mächtigste Meinungsmacher der Welt. Diese Aussage ist nicht nur übertrieben — sie ist kategorial falsch. Sie misst Macht mit dem Maßstab einer vergangenen Epoche und verfehlt damit das Wesentliche: dass der Ort, an dem strukturelle Macht im globalen Kommunikationssystem sitzt, sich grundlegend verschoben hat.

Murdoch ist dabei kein unbedeutender Akteur. Fox News hat das politische Klima der USA über zwei Jahrzehnte mitgeprägt, The Sun und die britischen Murdoch-Blätter haben Wahlkämpfe beeinflusst, und der Brexit wäre ohne das systematische Framing der Murdoch-Presse schwerer durchsetzbar gewesen. Das ist real. Aber es ist die Macht eines Verlegers — eines Akteurs, der innerhalb des Mediensystems operiert und von dort aus auf andere gesellschaftliche Systeme einwirkt. Es ist keine Plattformmacht.

Dass ausgerechnet Murdoch als Projektionsfläche für den Begriff des „mächtigsten Meinungsmachers“ dient, ist symptomatisch: Es reproduziert eine Vorstellung von Medienmacht, die in der Welt der Tageszeitungen, Kabelsender und Nachrichtenagenturen wurzelt — und die spätestens mit dem Aufstieg der Plattformökonomie strukturell überholt ist.

Manche gehen noch weiter und bezeichnen die Murdochs als mächtigste Familie der Welt überhaupt[2]Die mächtigste Familie der Welt[3]Rupert Murdoch — Der gefährlichste Mann der Welt | Biografische Dokumentation. Auch das ist nicht haltbar. Die Waltons (Walmart) verfügen über ein Familienvermögen, das das der Murdochs um ein Vielfaches übersteigt. Die Al Saud kontrollieren einen Staat mit Ölreserven, Streitkräften und geopolitischem Gewicht — eine qualitativ andere Machtform als Medienkontrolle. Die Ambanis in Indien, die Mars-Familie, die Hermès-Erben bewegen sich in Dimensionen, die Murdoch vermögensstrukturell weit hinter sich lassen. Was diese Überhöhung erklärt, ist das Medium, in dem sie kursiert: Klassische Medien und Medienkommentatoren neigen dazu, Medienbesitz als Machtform zu überschätzen — weil es die Machtform ist, die ihr eigenes Feld definiert. Es ist feldspezifische Selbstüberschätzung, kein analytischer Befund.

Wieder andere bezeichnen Murdoch als gefährlichsten Mann der Welt oder als Königsmacher, der Wahlen entscheidet. Auch diese These hält einer näheren Prüfung nicht stand. Die Königsmacher-These setzt voraus, dass Murdoch Wahlergebnisse kausal herbeiführt — nicht nur begleitet. Empirisch ist das kaum zu belegen. Murdoch bewirtschaftet politische Prädispositionen, er erzeugt sie nicht. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Gefährlicher für demokratische Deliberation sind strukturell jene Akteure, die algorithmische Infrastruktur kontrollieren — Zuckerberg, Musk —, weil ihr Einfluss tiefer eingebaut und weit weniger sichtbar ist als der eines erkennbaren Verlegers mit Namen und politischer Position. Hier liegt das eigentliche Paradox der Murdoch-Debatte: Er ist so präsent in der Kritik an Medienmacht, weil er sichtbar ist — ein Gesicht, eine Haltung, ein Imperium mit klaren Konturen. Die strukturell deutlich mächtigeren Akteure hingegen operieren unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle. Medienmachtkritik tendiert dazu, sichtbare Akteure zu überhöhen und unsichtbare Infrastruktur zu ignorieren — und reproduziert damit genau das Machtverständnis, das sie zu kritisieren vorgibt.


II. MySpace: Das Lehrstück eines paradigmatischen Scheiterns

Der Moment, in dem die Grenzen des Murdoch’schen Machtmodells am schärfsten sichtbar wurden, war nicht der Abhörskandal des News of the World, nicht der Rückzug aus dem Executive Chairman-Amt 2023 — es war MySpace.

2005 kaufte Murdoch die damals größte Social-Media-Plattform der Welt für 580 Millionen Dollar. 2011 verkaufte er sie für 35 Millionen — ein Wertverlust von über 95 Prozent in sechs Jahren. Gleichzeitig hatte Mark Zuckerberg mit Facebook das übernommen, was MySpace hätte sein können.

Was Murdoch falsch gemacht hat, war kein operatives Versagen. Es war ein konzeptioneller Kategorienfehler: Er hat eine Plattform mit Verlegerlogik behandelt. Redaktionelle Kontrolle statt Netzwerkdynamik. Content-Vermarktung statt Nutzerdatenarchitektur. Werbeflächen statt algorithmischer Bindungsmaximierung.

Zuckerberg hingegen hatte verstanden, was die Ökonomen Rochet und Tirole sowie Parker und Van Alstyne als Kern der Plattformökonomie beschreiben: Plattformen sind zweiseitige Märkte, deren Wert nicht aus Inhalten, sondern aus Netzwerkeffekten entsteht. Je mehr Nutzer, desto attraktiver für Werbetreibende — und je mehr Werbetreibende, desto mehr Ressourcen für Nutzerbindung. Dieser selbstverstärkende Mechanismus ist strukturell unvereinbar mit der Verlegerlogik, die auf kuratorische Kontrolle und lineare Wertschöpfung setzt.

MySpace war Murdochs Demütigung durch Zuckerberg — und gleichzeitig das klarste Signal, dass eine neue Machtklasse entstand, für die das Verlegermodell keine Orientierung mehr bot.


III. Plattformmacht: Eine Begriffsklärung

Plattformmacht im hier verwendeten Sinne bezeichnet die Fähigkeit, als Intermediär zwischen verschiedenen Nutzergruppen zu agieren und dabei die Bedingungen ihrer Interaktion zu kontrollieren. Diese Macht hat mehrere Dimensionen:

Gatekeeping: Wer entscheidet, welche Akteure Zugang zur Plattform erhalten und zu welchen Konditionen?

Algorithmushoheit: Wer bestimmt, was sichtbar ist, was verstärkt wird, was im Rauschen verschwindet?

Datenarchitektur: Wer sammelt die Verhaltensdaten der Nutzer und kann daraus wirtschaftliche und politische Handlungsfähigkeit ableiten?

Infrastrukturkontrolle: Wer kontrolliert die physischen und digitalen Schichten, auf denen Plattformen überhaupt operieren?

Murdoch hatte keine dieser Dimensionen. Er hatte redaktionelle Kontrolle — die Fähigkeit, Inhalte zu selektieren und zu rahmen. Das ist eine reale, aber qualitativ andere und strukturell schwächere Form von Macht als Plattformmacht.


IV. Die neue Machtklasse: Eine Typologie

1. Zugangskontrolle: Apple

Apple nimmt in dieser Typologie eine besondere Stellung ein, weil das Unternehmen eine Machtform ausübt, die analytisch von sozialen Plattformen zu unterscheiden ist: die Kontrolle über den Zugangspunkt zur digitalen Welt.

Das iPhone ist nicht nur ein Konsumprodukt — es ist das Interface, durch das Milliarden Menschen überhaupt erst auf Plattformen, Inhalte und Kommunikationsinfrastruktur zugreifen. Der App Store ist ein Torwächter-Modell: Apple entscheidet, welche Anwendungen existieren dürfen, zu welchen Konditionen sie distribuiert werden und welche Provisionen anfallen. Wer als Plattform oder Medienunternehmen Nutzer erreichen will, die ein iPhone besitzen, muss Apples Bedingungen akzeptieren. Das ist eine Machtposition sui generis — sie sitzt eine Ebene unterhalb aller anderen Plattformen.

iTunes hat dabei historisch eine wichtige Vorläuferrolle gespielt: Es hat die Musikindustrie nicht nur digitalisiert, sondern ihre Wertschöpfungsarchitektur vollständig neu geordnet — weg vom Album als Produkt, hin zum Song als atomarer Einheit, mit Apple als zentralem Distributor. Murdoch und die klassischen Medienverleger haben diesen Strukturbruch nicht herbeigeführt, sondern erlitten.

2. Soziale Infrastruktur: Meta/Zuckerberg

Meta — Facebook, Instagram, WhatsApp — ist die direkteste Verkörperung des Übergangs vom Verlegermodell zur Plattformlogik. Zuckerberg hat nicht nur MySpace besiegt und damit Murdochs Plattformambitionen zunichte gemacht — er hat eine soziale Infrastruktur aufgebaut, die in vielen Ländern des globalen Südens mit dem Internet selbst gleichgesetzt wird.

Die politische Reichweite dieser Infrastruktur übersteigt die jedes klassischen Medienunternehmens bei weitem: nicht weil Meta Meinungen produziert, sondern weil es die algorithmischen Bedingungen kontrolliert, unter denen Meinungen sich verbreiten, verstärken oder marginalisieren. Das ist eine andere Qualität von Einfluss als Murdochs Fox News — weniger sichtbar, aber tiefer in die Kommunikationsstruktur eingebaut.

3. Informationsinfrastruktur: Google

Google ist in seiner Doppelrolle als Suchmaschine und Android-Betreiber die vielleicht weitreichendste Plattformmacht überhaupt. Die Suchmaschine entscheidet, was gefunden wird — und was faktisch nicht existiert, weil es nicht auffindbar ist. Android ist das mobile Betriebssystem für den überwiegenden Teil der Weltbevölkerung außerhalb des Apple-Ökosystems. Wer beide Ebenen kontrolliert — die Informationsfindung und das Betriebssystem —, kontrolliert die epistemische Infrastruktur der digitalen Gesellschaft.

4. Algorithmische Mobilisierungsebene: X/Musk

X/Twitter nimmt eine Sonderstellung ein. Die Plattform ist ökonomisch fragil und in ihrer Gesamtreichweite deutlich kleiner als Meta oder Google. Aber sie hat eine politische Funktionsspezifität entwickelt, die einzigartig ist: Sie ist die Echtzeit-Infrastruktur für politische Elitenkommunikation.

Was Musk nach der Übernahme 2022 getan hat, ist analytisch präzise zu beschreiben: Er hat das Algorithmusdesign als politisches Instrument eingesetzt — Amplifikation bestimmter politischer Frames, Reichweitenreduktion anderer, direkte persönliche Intervention in öffentliche Debatten in Echtzeit. Die US-Präsidentschaftswahl 2024 ist der empirische Beleg: Ohne X als Mobilisierungsinfrastruktur hätte Trumps Kampagne eine entscheidende Kommunikationsebene gefehlt, die kein klassisches Murdoch-Medium hätte ersetzen können.

5. Physische Infrastrukturebene: Bezos, Ellison, Musk (Starlink)

Jeff Bezos hat mit Amazon Web Services eine Infrastruktur aufgebaut, auf der ein erheblicher Teil des globalen Internets läuft. Wer AWS kontrolliert, kontrolliert eine Schicht unterhalb aller Plattformen und Inhalte — die Bedingungen, unter denen digitale Kommunikation überhaupt möglich ist.

Larry Ellison ist in der deutschen Öffentlichkeit weniger präsent, aber institutionenökonomisch nicht weniger relevant: Oracle dominiert die Datenbankinfrastruktur von Großunternehmen und Behörden weltweit. Wer die Datenbanken kontrolliert, kontrolliert das institutionelle Gedächtnis von Organisationen.

Musks Starlink schließlich ist der erste ernsthafte Versuch, Satellitenkommunikationsinfrastruktur in privater Hand zu zentralisieren. In Regionen ohne terrestrische Internetversorgung — und in Konfliktzonen, wie der Ukraine-Krieg gezeigt hat — ist Starlink keine Ergänzung zur Infrastruktur, sondern die Infrastruktur selbst.

6. Kulturelle Reichweite ohne Plattformmacht: Netflix

Netflix ist in diesem Tableau eine lehrreiche Gegenfolie. Der Streaming-Dienst übt erhebliche kulturelle Macht aus — über Narrative, globale Stoffentscheidungen, die Verbreitung bestimmter Weltbilder. In gewissem Sinne ist Netflix der direkteste Erbe des klassischen Verleger- und Studiomodells: kuratorische Macht, Agenda-Setting durch Selektion, Kontrolle über Inhalte.

Aber Netflix besitzt keine Plattformmacht im hier entwickelten Sinne. Es gibt keine algorithmische Steuerung mit politischer Mobilisierungsabsicht, keine Gatekeeping-Funktion gegenüber Drittanbietern, keine Infrastrukturkontrolle. Netflix ist mächtig im Kulturellen — und genau deshalb ein gutes Argument dafür, dass Reichweite über Inhalte allein keine strukturelle Plattformmacht erzeugt.

7. Kognitive Infrastruktur: OpenAI, Google Gemini, Anthropic

Während die bisherigen Machtebenen — Zugangskontrolle, soziale Infrastruktur, Informationsinfrastruktur, physische Infrastruktur — in den vergangenen zwei Jahrzehnten entstanden sind, bildet sich gegenwärtig eine neue, qualitativ eigenständige Schicht heraus: kognitive Infrastruktur.

OpenAI (GPT-Modelle), Google DeepMind (Gemini) und Anthropic (Claude) entwickeln KI-Basismodelle, die zunehmend zur Voraussetzung für wirtschaftliche und kommunikative Handlungsfähigkeit werden. Diese Modelle sind keine Plattformen im Sinne zweiseitiger Märkte — sie sind Synthesemaschinen, die Wissen verarbeiten, verdichten und kommunizieren. Wer die Basismodelle kontrolliert, auf denen Tausende von Anwendungen aufsetzen, bestimmt mit, welche Denk- und Argumentationsmuster als Standard gelten, welche Wissensquellen bevorzugt gewichtet werden und wie Sprache geformt wird.

Das ist strukturell näher an Google Search als an AWS — aber eine Ebene abstrakter, weil es nicht nur Auffindbarkeit, sondern Syntheseleistung betrifft. Wo Google entscheidet, was gefunden wird, entscheiden KI-Basismodelle zunehmend, wie gefundenes Wissen interpretiert, gewichtet und kommuniziert wird. Das ist eine neue Form epistemischer Infrastrukturmacht.

Besonders aufschlussreich ist die Eigentümer- und Investitionsstruktur: Microsoft ist tief in OpenAI investiert, Google ist mit Gemini selbst Anbieter, und Amazon hat massiv in Anthropic investiert — womit AWS und Anthropic strukturell verknüpft sind. Die kognitiven Infrastrukturanbieter sind damit teilweise identisch mit den Cloud-Infrastrukturanbietern der vorherigen Ebene. Es entsteht eine vertikale Integration von physischer und kognitiver Infrastruktur, die regulatorisch noch kaum erfasst ist: Wer die Cloud betreibt, auf der KI-Modelle trainiert und inferiert werden, und gleichzeitig die Modelle selbst kontrolliert, hält zwei aufeinander aufbauende Infrastrukturschichten in einer Hand.

Für die Machtanalyse bedeutet das: Die Schichtung von Plattformmacht wird tiefer und komplexer. Murdochs Verlegermodell, das auf der Oberfläche von Inhalten operierte, liegt nicht nur eine, sondern mittlerweile mehrere Infrastrukturebenen entfernt von dem, wo strukturelle Macht heute akkumuliert wird.


V. Tofflers Antizipation: Machtverschiebung und Supersymbolwirtschaft

Was sich in der beschriebenen Typologie empirisch zeigt, hat Alvin Toffler bereits 1990 in Powershift konzeptionell antizipiert — ohne die konkreten Akteure zu kennen, aber mit bemerkenswerter struktureller Präzision.

Tofflers Kernthese ist eine Theorie der Machtverschiebung: Macht in menschlichen Gesellschaften basiert auf drei Grundformen — Gewalt, Reichtum und Wissen —, die in historischer Abfolge dominant werden, ohne die jeweils vorherigen vollständig zu ersetzen. Die entscheidende Einsicht ist, dass diese Verschiebungen nicht graduell verlaufen, sondern diskontinuierlich: als Machtbeben, die bestehende institutionelle Ordnungen in kurzer Zeit destabilisieren.

Murdoch ist in diesem Raster eindeutig zu verorten: Er ist ein Akteur der zweiten Machtform — Reichtum kombiniert mit Medienkontrolle, eingesetzt zur politischen Einflussnahme. Das ist das klassische Modell des Medienkapitalisten des 20. Jahrhunderts. Die Plattformakteure — Zuckerberg, Pichai, Cook, Bezos — operieren bereits auf der dritten Ebene: Ihre Macht gründet nicht primär auf Reichtum, sondern auf der Kontrolle von Informationsflüssen, Netzwerkstrukturen und Wissensarchitekturen. Reichtum ist die Folge dieser Kontrolle, nicht ihre Grundlage.

Die KI-Basismodelle von OpenAI, Gemini und Anthropic markieren in Tofflers Logik eine Zuspitzung der dritten Machtform, die er selbst mit dem Begriff der Supersymbolwirtschaft beschrieben hat. In der dritten Welle, so Toffler, wird symbolische Verarbeitung zur primären Wertschöpfungsform: Wissen ersetzt Kapital und physische Arbeit als dominanten Produktionsfaktor. Wer die Produktionsmittel der Wissensverarbeitung kontrolliert, kontrolliert die Grundlage der gesamten Wertschöpfung.

KI-Basismodelle sind die institutionelle Verkörperung dieser Supersymbolwirtschaft: Sie industrialisieren kognitive Synthese. Nicht einzelne Wissensarbeiter produzieren symbolische Verarbeitung, sondern skalierbare Infrastrukturen, die von wenigen Akteuren kontrolliert werden. Das ist der Schritt, den Toffler konzeptionell vorbereitet hat, ohne ihn technologisch konkretisieren zu können.

Ein kritischer Vorbehalt ist angebracht: Toffler war Zivilisationstheoretiker, kein Institutionenökonom. Seine Kategorien sind heuristisch stark — sie benennen Richtungen und Diskontinuitäten mit großer Treffsicherheit —, aber analytisch unscharf. Sie erklären nicht, wie Machtverschiebungen institutionell stabilisiert werden, welche Organisationsformen sie hervorbringen und warum bestimmte Akteure die Transition gewinnen und andere verlieren. Für diese Fragen braucht es ergänzende Instrumente. Toffler liefert den zivilisationstheoretischen Rahmen — Chandler, Rochet/Tirole und die Institutionenökonomie liefern die analytische Substanz.


VI. Der Chandler-Moment: Infrastrukturkontrolle als historisches Muster

Was sich hier zeigt, ist historisch nicht ohne Präzedenz. Alfred Chandler hat beschrieben, wie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eine neue Unternehmensklasse entstand, die nicht durch die Kontrolle von Produkten, sondern durch die Kontrolle von Infrastrukturen wirtschaftliche und politische Macht akkumulierte: Eisenbahn, Telegraf, Energieversorgung.

John D. Rockefeller ist die treffendere Vergleichsfolie für Bezos oder Ellison — nicht William Randolph Hearst. Hearst war der mächtigste Medienmogul seiner Zeit, analog zu Murdoch. Rockefeller kontrollierte die Pipeline-Infrastruktur, durch die der Treibstoff einer ganzen Wirtschaftsepoche floss. Wer die Pipeline kontrolliert, kontrolliert mehr als wer die Schlagzeilen setzt.

Der Vermögensvergleich ist dabei kein Selbstzweck, aber ein valider struktureller Indikator: Musks Vermögen liegt rund fünfzehnmal höher als Murdochs, Bezos‘ etwa zehnmal. Diese Größenordnungsdifferenz spiegelt nicht persönlichen Erfolg, sondern die unterschiedliche Skalierbarkeit der zugrundeliegenden Machtmodelle. Verlegerrenditen sind linear begrenzt. Plattform- und Infrastrukturrenditen folgen Potenzgesetzen — weil Netzwerkeffekte und Skalenvorteile sich gegenseitig verstärken.


VII. Was Plattformmacht institutionenökonomisch bedeutet

Die klassischen Regulierungsinstrumente des 20. Jahrhunderts — Medienrecht, Presserecht, Rundfunkregulierung — sind auf den Verleger als Machtakteur zugeschnitten. Sie setzen an Inhalten an, an Marktanteilen im Mediensystem, an publizistischer Konzentration.

Für Plattformmacht im hier beschriebenen Sinne sind sie strukturell blind. Wie reguliert man algorithmische Sichtbarkeitssteuerung mit Presserecht? Wie begrenzt man App-Store-Gatekeeping mit Rundfunkregulierung? Wie erfasst man die politische Wirkung einer Cloud-Infrastruktur mit Medienkonzentrationsrecht?

Die regulatorische Antwort — europäischer Digital Markets Act, US-amerikanische Kartellverfahren gegen Google und Apple — ist noch im Entstehen und operiert weitgehend mit wettbewerbsrechtlichen Instrumenten, die für Plattformmärkte nur begrenzt geeignet sind. Plattformmonopole haben eine andere ökonomische Logik als Produktmonopole: Ihre gesellschaftliche Funktion macht sie schwer zerlegbar, ohne den Nutzen zu zerstören, den sie stiften.


VIII. Offene Frage statt Fazit

Rupert Murdoch hat das konservative Mediensystem des anglophonen Raums über Jahrzehnte geprägt. Das ist historisch bedeutsam. Aber er ist kein Maßstab für Macht in der Gegenwart — er ist ein Maßstab für Macht in einer abgelaufenen Epoche.

Die Akteure, die heute strukturelle Macht im globalen System ausüben, haben eines gemeinsam: Sie sind nicht durch Inhalte, sondern durch Plattformarchitekturen mächtig geworden. Apple kontrolliert den Zugang. Google kontrolliert die Auffindbarkeit. Meta kontrolliert die soziale Sichtbarkeit. X kontrolliert die politische Echtzeit-Kommunikation. AWS und Oracle kontrollieren die digitale Infrastruktur. Starlink beginnt, die physische Kommunikationsinfrastruktur in privater Hand zu zentralisieren. Und OpenAI, Gemini und Anthropic bauen gerade eine kognitive Infrastrukturschicht auf, die alle anderen Ebenen mit Syntheseleistung durchdringt — und deren Machtimplikationen noch kaum verstanden sind.

Die eigentliche Frage, die sich stellt, ist keine medienpolitische, sondern eine institutionenökonomische und verfassungstheoretische: Sind demokratische Gesellschaften in der Lage, Plattformmacht so zu regulieren, dass die Bedingungen öffentlicher Kommunikation nicht dauerhaft in privater Hand konzentriert bleiben? Oder erleben wir gerade die Herausbildung einer neuen Form struktureller Abhängigkeit, für die das politische Instrumentarium des 20. Jahrhunderts keine Antwort bereithält?

Murdoch als „mächtigsten Meinungsmacher der Welt“ zu bezeichnen, beantwortet diese Frage nicht. Es verhindert, sie überhaupt zu stellen.

Dabei erfüllt Murdoch eine funktionale Rolle, die über seine tatsächliche Machtposition weit hinausgeht: Er dient den klassischen Medien und ihren Vertretern als Projektionsfläche. Ihn als den mächtigen Bösewicht zu inszenieren ist für traditionelle Journalisten und Medienhäuser eine Form feldinterner Selbstbehauptung — wer gegen den angeblich Mächtigsten kämpft, beweist die eigene Relevanz. Dass Murdoch diese Rolle anscheinend bereitwillig annimmt, ist strukturell erklärbar: Der Mythos des gefährlichsten Mannes der Welt nützt ihm objektiv, weil er seine Bedeutung perpetuiert, lange nachdem die reale Machtbasis erodiert ist.

Doch der Mythos hat ein biologisches Ablaufdatum. Murdoch ist 95 Jahre alt. Sein Einfluss ist weitgehend an seine Person gebunden — nicht an eine institutionelle Struktur, die nach ihm trägt. Lachlan Murdoch ist kein Rupert Murdoch. Sobald die Person wegfällt, fällt auch die Projektionsfläche weg. Das unterscheidet ihn fundamental von Zuckerberg, Bezos oder Pichai, deren Machtstrukturen längst personenunabhängig institutionalisiert sind und Generationen überdauern werden. Der Murdoch-Mythos stirbt mit Murdoch. Die Plattformmacht stirbt nicht.

Ralf Keuper