Die Bilanz des Verlags E. Holterdorf aus Oelde für das Jahr 2023[1]Bilanz des Holterdorf Verlags zum 31.12.2023 im Unternehmensregister (eingestellt im April 2025 – die Bilanz für 2024 dürfte in den nächsten Monaten veröffentlicht werden) ist auf den ersten Blick nur eine weitere Zahl in der langen Reihe ernüchternder Geschäftsergebnisse deutscher Regionalverlage. Der Jahresüberschuss brach um 71 Prozent auf gerade einmal 287.000 Euro ein, die Kassenbestände schrumpften um drei Millionen, die Eigenkapitalquote liegt bei mageren 16,3 Prozent. Die Glocke, seit 1880 ein westfälisches Traditionshaus in vierter Familiengeneration, kämpft – wie viele andere Regionalzeitungen auch – mit erodierenden Margen, explodierenden Zustellkosten und einer Auflagenerosion, die sich nicht mehr aufhalten lässt.


Doch die eigentliche Geschichte erzählen die Zahlen nicht. Sie steht zwischen den Zeilen: Die strategische Zange, die sich um das Unternehmen schließt. Die Westfälische Medien Holding von Aschendorff, die systematisch den Korridor zwischen Münster, Bielefeld und Oelde konsolidiert. Die Generationenfrage zweier Gesellschafter im Rentenalter ohne sichtbare Nachfolge. Die Investition in eine neue Druckmaschine, die zwar technisch richtig, aber finanziell kaum noch zu stemmen war. Die Glocke steht vor dem Verkauf – wenn nicht heute, dann morgen.

Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Die eigentliche Geschichte ist weitaus bitterer: Die Konsolidierung, die die Glocke und andere Regionalverlage zu retten verspricht, ist genau das, was sie zerstört. Funke, Madsack, Aschendorff, Ippen – die großen Konzerne, die durch Übernahmen und Fusionen zu regionalen Quasi-Monopolisten werden – glauben, durch Standardisierung, Zentralisierung und Synergien zu überleben. Sie kaufen Traditionstitel auf, integrieren sie in ihre Content-Fabriken, heben die Kosten, stabilisieren die Margen.

Und merken nicht, dass sie damit ihren eigenen Ast absägen. Dass austauschbare Mantelinhalte, zentral gesteuerte Redaktionen und generische Digitalplattformen genau den letzten Wettbewerbsvorteil zerstören, den Regionalzeitungen noch haben: ihre authentische lokale Verankerung. Wenn die Westfälischen Nachrichten, die Ahlener Zeitung, die Münstersche Zeitung und die Glocke alle dieselben Inhalte bringen – nur unter verschiedenen Logos –, warum sollte dann noch jemand bezahlen?

Die Regionalzeitungen sterben nicht an der Digitalisierung. Nicht an veränderten Lesegewohnheiten. Nicht an mangelnder Zahlungsbereitschaft. Sie sterben an ihrer eigenen Konsolidierungsstrategie. An einer Effizienzlogik, die kurzfristig rational ist, langfristig aber das Produkt entwertet. An einem Teufelskreis aus Kostensenkung, Qualitätsverlust, Relevanzeinbruch und beschleunigter Erosion, dem niemand mehr entkommen kann.

Die Glocke ist kein Ausreißer. Sie ist exemplarisch für eine Branche, die sich selbst zerstört – im festen Glauben, sich zu retten.

Die Zahlen sind gnadenlos

Die verkaufte Auflage deutscher Tageszeitungen ist von 27,3 Millionen Exemplaren im Jahr 1991 auf 10,2 Millionen im zweiten Quartal 2024 gefallen – eine Halbierung binnen drei Jahrzehnten. Bei den Regionalzeitungen ist der Einbruch noch dramatischer: von 18 Millionen Exemplaren 1995 auf nur noch acht Millionen 2024. Die Zahl der erscheinenden Tageszeitungen schrumpfte von 158 Titeln (1991) auf 114 (2018), Tendenz weiter sinkend.

Der Umsatz der Regionalzeitungen lag 2023 bei 5,6 Milliarden Euro – ein Rückgang um mehr als 500 Millionen Euro gegenüber 2013. Die jährliche Auflagenerosion bewegt sich branchenweit zwischen sechs und neun Prozent. Selbst erfolgreiche Titel wie Die Glocke, die mit minus 2,5 Prozent besser abschneiden als der Durchschnitt, können die langfristige Abwärtsspirale nicht durchbrechen. Bei diesem Tempo verliert die Branche alle sieben bis zehn Jahre die Hälfte ihrer Leserschaft.

Das E-Paper-Geschäft wächst zwar um 16 Prozent jährlich, kompensiert die Print-Verluste aber nicht annäher…

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1 Bilanz des Holterdorf Verlags zum 31.12.2023 im Unternehmensregister (eingestellt im April 2025 – die Bilanz für 2024 dürfte in den nächsten Monaten veröffentlicht werden