Die Forderung nach der 40-Stunden-Woche wird als Wettbewerbsfähigkeitsdebatte verkauft, ist aber eine Verteilungsdebatte im Kostüm der Standortlogik. Wer glaubt, VW verliere gegen Bratislava wegen der Wochenarbeitszeit, verwechselt Symptom und Ursache. Das eigentliche Problem liegt nicht auf der Zeitachse, sondern auf der Architekturachse.


Eine Debatte, die die falsche Frage stellt

Wenn Lars Brzoska, Rainer Dulger und Stefan Wolf im selben Sommer dieselbe Forderung erheben – zurück zur 40-Stunden-Woche, ohne Lohnausgleich –, dann ist das zunächst einmal eine bemerkenswerte Koalitionsbildung entlang von Interessen, nicht entlang von Erkenntnissen. Die Zahlen, die zur Untermauerung herangezogen werden, sind real: Lohnstückkosten 22 Prozent über dem Schnitt von 27 Vergleichsländern, Arbeitskosten von 45 Euro pro Stunde gegenüber 34,90 Euro im EU-Durchschnitt, eine um drei Prozent gesunkene reale Bruttowertschöpfung der Industrie seit 2018 bei gleichzeitig 18 Prozent gestiegenen Lohnstückkosten. Diese Zahlen sind nicht falsch. Sie sind nur die falsche Antwort auf die falsche Frage.

Die zitierten Institutionen – IW, Ifo, Arbeitgeberverbände – sind keine neutralen Beobachter, sondern Interessenträger mit einer erkennbaren Verteilungsagenda. Das disqualifiziert ihre Daten nicht, aber es verlangt, sie als das zu lesen, was sie sind: eine Seite einer Verhandlung, die sich als ökonomischer Sachzwang präsentiert. Wer die Gegenrechnung sucht – Produktivität pro Kopf versus pro Stunde, die Rolle des Kapitalstocks, die Investitionslücke bei Digitalisierung und Automatisierung – wird in dieser Debatte kaum fündig. Das ist die erste Verengung.

Die zweite, folgenreichere Verengung liegt tiefer: Selbst wenn man die Kostenlogik akzeptiert, beantwortet sie nicht, warum VW, Bosch und Mercedes gerade jetzt in dieser Form unter Druck geraten. Die Antwort liegt nicht auf der Zeitachse, sondern auf der Architekturachse.

Henderson/Clark: Wo die eigentliche Erosion stattfindet

Henderson und Clark unterschieden 1990 zwischen Component-Wissen und Architectural-Wissen – dem Wissen darüber, wie Komponenten zu einem funktionierenden Gesamtsystem verknüpft werden. Ihre zentrale Einsicht war, dass etablierte Unternehmen nicht an fehlendem Komponentenwissen scheitern, sondern daran, dass sich die Architektur verschiebt, während die Organisation in den alten Schnittstellen gefangen bleibt. Genau das lässt sich am Fall VW/Bosch beobachten.

Die Trennung von VW und Bosch beim autonomen Fahren – nach rund 1,5 Milliarden Euro Investition, weil die gemeinsam entwickelte Technik als nicht wettbewerbsfähig gilt – ist kein Randereignis. Sie ist ein Symptom dafür, dass die Architekturführerschaft im Fahrzeug der Zukunft nicht mehr bei den etablierten deutschen Zulieferer-OEM-Konstellationen liegt, sondern zunehmend bei Akteuren, die Software, Batterie und Fahrzeugarchitektur aus einer Hand kontrollieren. Der fast zeitgleiche, offiziell freiwillige Führungswechsel bei Bosch – Stefan Hartung geht zum 30. Juni, Christian Fischer übernimmt zum 1. Juli, mitten in der Zulieferkrise – lässt sich in derselben Lesart einordnen: als Reaktion auf den Verlust von Architekturposition, nicht auf eine zu teure Arbeitsstunde.

Wolfsburg konkurriert nicht mit Bratislava um die günstigere Wochenarbeitszeit. Wolfsburg konkurriert mit Unternehmen, die die Systemarchitektur des Fahrzeugs neu definiert haben, während deutsche OEMs und Zulieferer in der additiven Logik der Verbrennerzeit verharrten – ein Zusatzsteuergerät hier, eine Softwareschicht dort, aufgesetzt auf gewachsene, nicht neu gedachte Architekturen. Die Fünf-Antriebsstrang-Strategie, mit der BMW versucht, alle Optionen offenzuhalten, ist das Lehrbuchbeispiel für eine Organisation, die Komplexität mit Architekturkompetenz verwechselt.

Was die Arbeitszeit-Debatte leisten kann – und was nicht

Die Position von Fuest, Hüther und Schnitzer ist ökonomisch nicht beliebig: Wenn die tatsächliche Wochenarbeitszeit in Deutschland unter dem EU-Durchschnitt liegt, während Länder wie Griechenland, Bulgarien und Polen deutlich länger arbeiten, ist der Verweis auf ohnehin hohe deutsche Vollzeitstunden kein vollständiges Argument. Schnitzers Punkt – dass sich in 35 Stunden nicht dieselbe Leistung erbringen lässt wie in 40 – ist eine Identität, keine steile These.

Aber diese Rechnung löst kein einziges der Probleme, die VW, Bosch und Mercedes strukturell plagen. Mehr Arbeitsstunden bei gleicher Softwarearchitektur produzieren mehr Stunden derselben, unterlegenen Architektur. Sie verbessern die Kostenposition graduell, verändern aber nicht die Position im Wettbewerb um die Systemführerschaft. Das ist der Kern des Missverständnisses, das die aktuelle Debatte prägt: Sie behandelt ein Architekturproblem, als wäre es ein Kostenproblem – vermutlich, weil Kostenprobleme politisch adressierbar sind (Tarifverhandlung, Arbeitszeitregelung), während Architekturprobleme jahrzehntelange Pfadabhängigkeiten offenlegen, für die es keine schnelle Verhandlungslösung gibt.

Das erklärt auch, warum die Forderung gerade jetzt von Arbeitgeberseite mit solcher Verve vorgetragen wird. Eine Verteilungsdebatte – wer trägt die Kosten der Transformation, Kapital oder Arbeit – lässt sich mit Verweis auf internationale Lohnkostenvergleiche relativ bequem führen. Eine Debatte über verlorene Architekturmacht in Software, Batterietechnik und autonomem Fahren wäre unbequemer, weil sie Managemententscheidungen, Investitionsprioritäten und Organisationsstrukturen der letzten fünfzehn Jahre zur Disposition stellen müsste – nicht nur die Stundenzahl der Beschäftigten.

Fazit ohne Wohlfühlthese

Die 40-Stunden-Woche mag ökonomisch begründbar sein, sie mag sich in Tarifverhandlungen durchsetzen, sie mag die Lohnstückkosten spürbar senken. Was sie nicht leisten kann, ist die Wiederherstellung einer Architekturposition, die in den entscheidenden Feldern der Fahrzeugtechnik bereits erodiert ist. Wenn am 9. Juli der VW-Aufsichtsrat über den verschärften Sparkurs berät und über die Zukunft von Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm entscheidet, wird die Wochenarbeitszeit ein Faktor unter vielen sein – aber nicht der Faktor, der erklärt, warum diese Werke überhaupt zur Disposition stehen. Wer die Architekturfrage mit der Stundenfrage beantwortet, wird am Ende beides verloren haben: die Verteilungsdebatte und die Wettbewerbsfähigkeit.

Ralf Keuper