Die Otto Wolff-Gruppe war mehr als ein Kölner Handelskonzern. Sie war ein Verdichtungspunkt deutscher Wirtschaftsgeschichte: Gründerzeit, Arisierung, Rüstungswirtschaft, Wirtschaftswunder, Osthandel und Strukturkrise — alles in einer einzigen Unternehmensbiographie. Ihr letzter Patriarch Otto Wolff von Amerongen organisierte in Lissabon Wolfram für die Wehrmacht und wurde wenige Jahre später zum „heimlichen Osthandelsminister“ der Bundesrepublik. Sein Erbe endete 1990 mit dem Verkauf an Thyssen. Dazwischen liegt eine Geschichte über Macht, Loyalität, strategisches Versagen und die erstaunliche Kontinuität deutscher Wirtschaftseliten.
I. Die Gründung und ihr vergessener Mitgründer
Am 25. Juni 1904 gründeten Otto Wolff und Ottmar Edwin Strauß in Köln eine Eisenwarengroßhandlung, die zunächst durch den Aufkauf von Industrieanlagen zur Schrottverwertung von sich reden machte. Strauß, jüdischer Herkunft und mit einem Anteil von 42,5 Prozent gleichgewichtiger Mitinhaber, war kein stiller Teilhaber. Er war das kaufmännische Rückgrat des frühen Unternehmens: Er akquirierte 1908 den Abbruch einer Luftschiffhalle in Düren und 1909 die Demontage der Kölner Festungswerke. Im Ersten Weltkrieg wurde er als Geheimer Regierungsrat mit der Lieferung von Munition an das verbündete Osmanische Reich betraut. Nach dem Krieg gehörte er zu den führenden Industriellen der Weimarer Republik und gründete die Strauss-Stiftung zur Unterstützung notleidender Mitbürger.
Diese Leistung wurde konsequent ausgeblendet. Die NS-Diktatur erzwang das Ausscheiden von Strauß aus dem Unternehmen: Er musste seinen Anteil weit unter Wert an Otto Wolff verkaufen, seine bedeutende Kunstsammlung versteigern lassen, um die Ausreise zu finanzieren, und emigrierte am 29. Dezember 1936 in die Schweiz. Er starb dort völlig verarmt. Dass im Mai 2024 drei chinesische Porzellanvasen aus seiner zwangsweise veräußerten Sammlung als NS-Raubkunst an seine Erben zurückgegeben wurden, zeigt: die materielle Aufarbeitung dieses Unrechts dauert bis heute an.
Der WDR widmete diesem Vorgang 2005 eine Dokumentation unter dem Titel „Das Erbe der Väter — Wie der Otto Wolff-Konzern arisch wurde“. Die Unternehmensgeschichte, wie sie der Konzern selbst erzählte, ließ Strauß weitgehend im Dunkel.
II. Rüstungswirtschaft und die Lissabonner Jahre
Mit dem Tod des Firmengründers 1940 übernahm der 22-jährige Otto Wolff von Amerongen nominell die Leitung des Konzerns, stand aber zunächst ohne eigene Entscheidungsbefugnis. Sein Berater war Erwin Planck, Sohn des Physikers Max Planck und später Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944. Nach Fronteinsätzen in Russland und einer Verwundung wurde Wolff von Amerongen 1942 vom Fronteinsatz beurlaubt und zur Otto Wolff oHG abgeordnet — um Lieferverträge für kriegswichtige Produktion zu verhandeln.
Was er in Lissabon tat, ist heute gut dokumentiert, auch wenn er selbst es zeitlebens herunterzuspielen versuchte: Er organisierte den Kauf des Schwermetalls Wolfram für die deutsche Rüstungsindustrie. Portugal war damals der einzige Staat, der dem Deutschen Reich diesen Rohstoff lieferte — unverzichtbar für die Härtung von Kanonenrohren und die Herstellung panzerbrechender Munition. Die NZZ beschrieb seine Lissabonner Jahre treffend: Er konnte dank guter Kontakte zur deutschen Spionageabwehr die brenzligen Kriegsjahre im „Agenten-Mekka“ Lissabon verbringen — und verstand sich selbst lediglich als „Briefträger“.
Die Recherchen der Journalisten Ingolf Gritschneder und Werner Rügemer, dokumentiert in der WDR-Sendung „Hehler für Hitler“ (2001), gingen weiter: Gestützt auf Akten der US-Militärregierung und des sowjetischen KGB belegten si…

