Wer heute von Siemens und Halbleitern spricht, denkt an Infineon, und das gehört längst nicht mehr zum Konzern. Dass Siemens einmal zu den Häusern zählte, die in Europa früh und mit eigener Forschung an Halbleitern arbeiteten, ist weitgehend vergessen. Dabei begann diese Arbeit in den 1920er Jahren im Zentrallaboratorium von Siemens & Halske (S&H), der Schwachstromseite des Hauses, und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in einem leerstehenden Schloss 30 Kilometer nördlich von Erlangen fortgesetzt. Wie es danach weiterging, behandelt ein Folgebeitrag. Hier geht es um die Anfänge.
Drei Physiker prägen sie. Walter Schottky, ein Theoretiker, dessen Name bis heute in der Schottky-Diode steckt, kam 1927 als festangestellter Mitarbeiter zu S&H. Eberhard Spenke arbeitete lange mit ihm zusammen und baute nach 1945 die Forschungsgruppe in Pretzfeld auf. Heinrich Welker leitete ab 1951 die Abteilung Festkörperphysik im Allgemeinen Laboratorium der Siemens-Schuckertwerke (SSW), der Starkstromseite des Konzerns, und brachte dort neue Halbleiterwerkstoffe ein. Erzählt wird die Geschichte meist als die dieser Erfinder. Das Kapitel „Wissenschaft in der Industrie: Frühe Halbleiterforschung bei Siemens“ in dem Buch Wissenschaft für Macht und Markt. Kernforschung und Mikroelektronik in der Bundesrepublik Deutschland von Michael Eckert und Maria Osietzki erzählt sie anders. Es zeigt eine Forschungsgruppe, deren Fortbestand zu jedem Zeitpunkt davon abhing, dass sie der Konzernleitung einen Zweck nachweisen konnte. Die wissenschaftlichen Entscheidungen, etwa für Germanium, für die III/V-Verbindungen oder für Silizium, waren immer auch Entscheidungen über die Existenz des Labors.
Das ist die These dieses Beitrags, und sie ist vorläufig: Die Halbleiterforschung bei Siemens folgte weniger einer technischen Logik als der Frage, wo sich für ein grundlagenorientiertes Labor innerhalb eines Konzerns ein tragfähiger Platz finden ließ. Dass dabei am Ende ein eigenes Profil entstand, war eher Folge als Absicht.
Forschung im Dienst des Produkts
Am Anfang steht keine Wissenschaft, sondern ein Mitbringsel. Im Frühjahr 1926 brachte ein Siemens-Mitarbeiter von einer Reise zur Westinghouse Electric & Manufacturing Company in Pittsburgh einige Exemplare eines Kupferoxydul-Gleichrichters mit. Das Unternehmen setzte daraufhin die zuständigen Forschungsstellen ein, um ähnliche Gleichrichter zu entwickeln, und erhoffte sich zusätzlich, durch tieferes Verständnis der Funktionsprinzipien seine Position in bevorstehenden Lizenzverhandlungen zu stärken. Forschung war hier ein Verhandlungsinstrument gegenüber einem Konkurrenten.
In dieser Lage kam der Physiker Walter Schottky ins Spiel. Er hatte schon von 1915 bis 1923 für Siemens gearbeitet, war dann Professor in Rostock gewesen und wurde 1927 als festangestellter Mitarbeiter in das Zentrallaboratorium von Siemens & Halske (S&H) geholt. Für Schottky war der Wechsel attraktiv, weil das agrarisch geprägte Mecklenburg wenig Interesse an theoretischer Physik zeigte. Die Industrie bot ihm da…
