Zum Kanzlerbesuch in Tokio hat die WirtschaftsWoche sieben Felder aufgelistet, in denen Deutschland von Japan lernen soll. Als Materialsammlung ist die Liste brauchbar. Die wichtigere Frage lässt sie offen: Unter welchen Bedingungen wirken Japans Instrumente, und stünden sie Deutschland überhaupt zur Verfügung?


I. Ein Katalog ohne Bedingungen

Zum ersten Besuch von Friedrich Merz in Tokio als Bundeskanzler haben Martin Fritz und Max Biederbeck in der WirtschaftsWoche (28.10.2026) zusammengestellt, was Deutschland von der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt lernen könne: Kernfusion, KI, Halbleiter, Rohstoffsicherung, die Beschäftigung Älterer, die Begrenzung der Sozialausgaben und die Förderung der Elektromobilität. Das Muster ist durchgehend dasselbe. Japan hat ein Instrument, Deutschland keines oder ein kleineres. Nicht gefragt wird, warum das Instrument dort wirkt, was es kostet und ob es sich verpflanzen lässt.

Dabei verweist die Redaktion im selben Text auf einen eigenen Beitrag, nach dem Japans Schuldenlast unter Premierministerin Sanae Takaichi bedenklich steigt und Anleger ihrem Kurs misstrauen. Das gehört zur Beschreibung des Vorbilds, taucht in der Lernliste aber nicht auf. Auch beim Ausgangspunkt schwankt der Text: Die Bildunterschrift nennt Japan die drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt, im Text heißt es, Japan sei die viertgrößte.

Das Genre ist nicht neu. 1991 erschien Günter Ederers „Das leise Lächeln des Siegers. Was wir von Japan lernen können“. Der langjährige ARD-Korrespondent in Tokio hielt Japans Erfolg für programmiert und las die explodierenden Bodenpreise als Zeichen der Prosperität, während der Immobiliencrash bereits einsetzte. Dass Deutschland Japan 2023 als drittgrößte Volkswirtschaft ablöste, obwohl es mit rund 84 Millionen deutlich weniger Einwohner hat als Japan mit rund 123 Millionen, ist mehr als ein Rangplatz. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt je Einwohner liegt nach IMF- und Weltbankdaten seit 2013 durchgehend über dem japanischen, 2025 nominal bei rund 60.400 gegenüber rund 36.000 US-Dollar und kaufkraftbereinigt bei rund 74.000 gegenüber rund 56.900 internationalen Dollar. Das widerspricht der Lesart eines überlegenen japanischen Modells. Es widerlegt aber nicht, was die WirtschaftsWoche über die Gegenwart sagt: Japans Wirtschaft wuchs 2025 mit 1,2 Prozent schneller als die deutsche mit 0,2 Prozent. Niveau und Dynamik sind verschiedene Aussagen, und keine von beiden ersetzt die Frage nach den Instrumenten. Für die Lernliste bleibt daher die Frage, ob sie ein Instrument samt seinen Bedingungen beschreibt oder eine Momentaufnahme zum Gesetz erhebt.

II. Zahlen, die nicht nebeneinanderpassen

Mehrere der Vergleiche stellen Größen gegenüber, die nicht gleichartig sind.

Kernfusion. Deutschland investiere bis 2029 zwei Milliarden Euro, Japan wolle bis 2040 knapp 18 Milliarden Euro an privaten Investitionen mobilisieren. Die japanische Fusions-Roadmap vom 21. Juli 2026 nennt dagegen 3,1 Billionen Yen als öffentlich-private Gesamtinvestition bis zum Fiskaljahr 2040. Die Größenordnung entspricht dem Artikel, aber es handelt sich nicht um private Mittel, und der Zeithorizont ist ein Vielfaches länger. Ein Faktor von etwa neun sagt über die Anstrengung beider Länder deshalb wenig.

Rapidus. Das Chip-Unternehmen erhalte allein 16 Milliarden Euro an Subventionen. Die staatliche Forschungs- und Entwicklungsunterstützung beläuft sich nach Angaben des Industrieministeriums METI auf 2,354 Billionen Yen. Bloomberg beziffert Förderung und Beteiligung des Staates zusammen auf 2,6 Billionen Yen oder 16,3 Milliarden US-Dollar bis Ende März 2027. Die Zahl im Artikel ähnelt auffällig der Dollar-Angabe und mischt Subvention und Eigenkapital.

Noetra. Zu dem von SoftBank, Sony, NEC und Honda getragenen KI-Konsortium nennt der Artikel 2,2 Milliarden Euro und bis zu knapp sechs Milliarden über fünf Jahre. Das deckt sich mit den 387,3 Milliarden Yen für das laufende Haushaltsjahr und der erwarteten Förderung von bis zu einer Billion Yen über die fünf Projektjahre 2026 bis 2030. Dass diese Summe eine Obergrenze unter laufender Prüfung ist, zeigt die Projektstruktur: Ministerium und die Förderagentur NEDO kontrollieren den Fortschritt über ein Governing Board und einen Prüfausschuss nach dem Stage-Gate-Verfahren, dazu kommt eine vierteljährliche Fortschrittsprüfung durch Fachleute. Der im Artikel genannte Start im April 2027 entspricht eher dem Baubeginn der mit Nvidia geplanten Rechenfabrik, deren Betrieb für Juni 2028 vorgesehen ist; die Entwicklungsarbeit selbst begann im Sommer 2026.

III. Eingaben, keine Ergebnisse

Der Artikel misst Japans Politik an Förderhöhen und Absichten. Was bisher herausgekommen ist, wird kaum geprüft.

Rapidus hat die Serienfertigung der 2-Nanometer-Chips für das Jahr 2027 angekündigt. Nach einer Einschätzung liegt das Unternehmen dann rund zwei Jahre hinter TSMC und Samsung, die 2025 mit der Produktion begonnen haben. Im Februar sprach Rapidus mit mehr als 60 möglichen Kunden und hatte etwa zehn Angebote abgegeben. Ob daraus Aufträge werden, entscheidet über die Auslastung der Fabrik.

Bei den Rohstoffen ist die staatliche Agentur JOGMEC (Japan Organization for Metals and Energy Security) das stärkste Beispiel. Sie hält Notvorräte und beteiligt sich an Förderern und Raffinerien im Ausland. Der Anlass war die chinesische Exportbeschränkung von 2010. Nach japanischen Angaben sank Chinas Anteil an den Importen Seltener Erden danach von rund 90 auf etwa 60 Prozent. Bei Seltenerdmetallen nach Gewicht lag er 2024 mit 63 Prozent aber höher als 2018 (rund 50 Prozent), und bei schweren Seltenen Erden blieb nach japanischen Medienberichten über METI-Statistiken die Abhängigkeit vollständig. Das ist eine Wirkung, aber nach anderthalb Jahrzehnten eine begrenzte, und nach Jiji Press gilt die weitere Absenkung als schwierig, weil manche Seltenen Erden nur in China zu haben sind. Wie eng die Grenzen sind, zeigt das Jahr 2026. Seit Chinas Ausfuhrverbot für Güter mit doppeltem Verwendungszweck an japanische Militärnutzer vom Januar importierte Japan im ersten Halbjahr nach Zahlen des Finanzministeriums, über die die Nikkei berichtet, nur 13 Tonnen Dysprosium-Eisen-Legierung, 82 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2024. Die Einfuhren von Yttriumoxid fielen um 74 Prozent auf 204 Tonnen. Nach chinesischen Zolldaten gingen von November 2025 bis Mai 2026 keine Lieferungen von Dysprosium- und Terbiumoxid nach Japan. Die Lynas-Produktion von Dysprosium und Terbium belief sich im ersten Quartal nach Angaben von Reuters auf rund acht Tonnen, gegenüber durchschnittlich 14 Tonnen, die China 2024 monatlich nach Japan lieferte.

Bei der Elektromobilität ist die Prämienlogik wirksam: Der Verkauf wächst, der Toyota bZ4X kam im ersten Halbjahr 2026 auf rund 13.800 Fahrzeuge. Das ist ein Anfang, aber noch kein Massenmarkt.

Das ist keine Kritik an den Instrumenten. Der Artikel behandelt aber Ausgaben als Beleg für Erfolg, solange der Ertrag offen ist. Das ist vorläufig die schwächste Stelle seiner Argumentation.

IV. Was sich übertragen ließe

Zwei Instrumente verdienen genauere Betrachtung, weil sie über die Summen hinaus eine Logik haben.

Die Prämie mit Standortbedingung. Die japanische Kaufprämie für Elektroautos hängt davon ab, wie viel ein Hersteller im Land für Ladeinfrastruktur, Service, Lieferketten und Recycling tut. Der Toyota bZ4X erhält bis zu 1,3 Millionen Yen, Teslas Model Y 1,27 Millionen, BYDs Modelle 150.000 Yen. Die Regeln begünstigen inländische Produktion und Lieferketten, formal ist das Verfahren aber herkunftsneutral, und METI verweist auf ein Punktesystem. Die Prämie koppelt Klimapolitik an Industriepolitik. Ob Deutschland oder die EU ein solches Instrument rechtlich überhaupt einführen könnten, ist eine offene Frage; Beihilfe- und Binnenmarktrecht dürften enge Grenzen setzen. Der Artikel nennt die Konstruktion „geschickt“ und stellt diese Frage nicht.

Die Rohstoffagentur. Der Maschinenbauverband VDMA fordert für Deutschland eine Stelle nach dem Muster von JOGMEC. Der Artikel beschreibt den deutschen Rohstofffonds, der erst zwei Projekte fördert und von der Bundesregierung auf 1,5 Milliarden Euro aufgestockt wurde. Der Unterschied liegt weniger in den Summen als in der Dauer: JOGMEC ist eine Institution mit Vorräten, Beteiligungen und Fachpersonal, die aus einem Schock heraus entstand und danach über Jahre arbeiten konnte.

Unter der Konsortialebene bleibt eine weitere Frage offen. In einem früheren Beitrag zu Rapidus und den Physical-AI-Allianzen ergab sich, dass die kleinen und mittleren Unternehmen, die 99 Prozent der japanischen Betriebe stellen, an keinem der Konsortialtische sitzen. Der WiWo-Katalog fragt gar nicht, wer von den Programmen profitiert.

V. Der Zeitfaktor

Ein früherer Beitrag zum Vergleich beider Länder hat gezeigt, dass Japan die Stagnation von einem sehr hohen Produktivitäts- und Vermögensniveau aus durchlaufen hat und dadurch Jahrzehnte der langsamen Erosion abfedern konnte. Wer heute von Japan lernen will, übernimmt dessen Instrumente, nicht dessen Puffer. Das gilt auch für die fiskalische Seite: Japan finanziert Vorhaben wie Noetra über Anleihen, doch der in der WirtschaftsWoche verlinkte Beitrag beschreibt, dass die Schuldenlast dabei bedenklich steigt.

Ähnlich ist es bei den Älteren. Die Erwerbsquote der 65- bis 69-Jährigen liegt in Japan bei 53,6 Prozent, die der über 65-Jährigen insgesamt bei 25,7 Prozent gegenüber 9,3 Prozent in Deutschland (2024). Der Befund ist belegt. Offen lässt der Artikel, ob es sich um gewollte Teilhabe oder um wirtschaftliche Notwendigkeit handelt. Bei den Frauen ist der Abstand nach den Angaben des Artikels (75,3 gegenüber 74 Prozent) kaum erwähnenswert (die japanische Zahl entspricht den OECD-Daten).

Vorläufiger Befund

Die vorläufige Lesart: Die Lernliste der WirtschaftsWoche benennt richtige Felder, vergleicht aber Größen, die sich nicht vergleichen lassen, verwechselt Eingaben mit Ergebnissen und fragt nicht nach den Voraussetzungen der Instrumente. Übertragbar erscheinen am ehesten zwei Dinge: eine dauerhafte Rohstoffinstitution mit eigenen Beständen und eine Förderlogik, die Prämien an Standortengagement bindet. Beides setzt Entscheidungen voraus, die in Deutschland politisch und rechtlich erst noch getroffen werden müssten. Ob sie sich als tragfähig erweisen, ist offen.

Ralf Keuper


Quellen