Wenn eine Gründungsinvestorin eines Quantencomputer-Start-ups zum Wirtschaftswunder aufruft, lohnt der zweite Blick. Ann-Kristin Achleitners Plädoyer für Deutschland als „Leitmarkt“ des Quantencomputings verbindet ökonomische Dringlichkeit mit einem unausgesprochenen Eigeninteresse – und stützt sich dabei auf Beratungszahlen, deren Herkunft selten hinterfragt wird. Ein Essay über die Architektur eines Aufholnarrativs.


Der Markt, der noch nicht da ist

Es gibt einen wiederkehrenden Dreischritt in der deutschen Debatte um Zukunftstechnologien: eine Krisendiagnose, eine Technologie als Ausweg, eine internationale Aufholjagd-Rhetorik. Wasserstoff hat ihn durchlaufen, Künstliche Intelligenz durchläuft ihn gerade, und nun folgt Quantencomputing demselben Muster – mit denselben rhetorischen Bausteinen: die Executive Order aus Washington, der chinesische Fünfjahresplan, die Ankündigung der Bundesregierung, 2,2 Milliarden Euro für Quantentechnologien bereitzustellen.

Ann-Kristin Achleitners Beitrag folgt diesem Muster fast lehrbuchhaft. Deutschland, so die These, dürfe sich nicht mit der Rolle des Leitanbieters begnügen – also der Position bei Hardware, Software und Standards –, sondern müsse zum Leitmarkt werden: einem Ort, an dem Quantencomputing früh und produktiv in den eigenen Leitindustrien eingesetzt wird, in Chemie, Pharma, Finanzen, Logistik.

Die Unterscheidung klingt griffig. Bei näherem Hinsehen bleibt sie aber eher rhetorisch als analytisch. Was genau würde „früh anwenden“ von den Pilotprojekten unterscheiden, die es längst gibt – BASF, Boehringer Ingelheim und Merck experimentieren seit Jahren mit Quantenalgorithmen? Der Text nennt keine einzige konkrete deutsche Fallstudie und keinen Vergleich mit der Anwenderseite in den USA oder China. Die Leitmarkt-These bleibt damit an ihrer entscheidenden Stelle unbelegt – sie wird behauptet, nicht gezeigt.

Die Zahlen, die niemand prüft

Zentrales Beweisstück ist eine McKinsey-Schätzung: 1,3 bis 2,7 Billionen Dollar ökonomisches Potenzial bis 2035, davon bis zu 800 Milliarden in der Chemie- und bis zu 400 Milliarden in der Pharmaindustrie. Diese Zahlen werden im Text als Faktenbasis behandelt, nicht als das, was sie tatsächlich sind: Szenario-Extrapolationen einer Unternehmensberatung, die selbst kommerziell an der Quantencomputing-Beratung verdient.

Solche Bandbreiten – von 1,3 bis 2,7 Billionen reicht ein Faktor von mehr als dem Doppelten – sind typisch für eine Beratungsliteratur, die seit Jahren vergleichbare Zahlen zu jeder aufkommenden Technologie produziert, von KI über Wasserstoff bis eben Quantencomputing. Die Methodik dahinter bleibt regelmäßig intransparent. Wer solche Zahlen unkommentiert übernimmt, übernimmt auch ihre Funktion: die eines Dringlichkeitssignals, das eine Kosten-Nutzen-Abwägung durch ein Aufholnarrativ ersetzt.

Hinzu kommt eine zeitliche Unschärfe, die im Text selbst angelegt ist. Als politisches Ziel wird genannt, bis 2030 „mindestens zwei fehlerkorrigierte Quantencomputer auf europäischem Spitzenniveau“ zugänglich zu machen. Wenige Sätze später ist von Wertschöpfungspotenzialen für 2035 die Rede – ohne dass benannt würde, dass fehlertolerantes Quantencomputing in industriellem Maßstab nach überwiegender Experteneinschätzung frühestens in den frühen bis mittleren 2030er Jahren technisch reif sein dürfte, wenn überhaupt in diesem Zeitraum. Die als Brücke angebotenen „quanteninspirierten Verfahren“ auf klassischer Hardware werden nicht eingeordnet, obwohl ihr tatsächlicher Wertbeitrag in der Fachdiskussion umstritten ist und sich in manchen Anwendungsfällen kaum von klassischer Optimierung unterscheiden lässt.

Die Position, die nicht benannt wird

Der wohl auffälligste Befund liegt jedoch nicht im Text selbst, sondern in seinem Rahmen. Die Autorenzeile weist Achleitner als Gründungsinvestorin von PlanQC aus, einem Unternehmen, das Quantencomputer herstellt. Das ist ein direkter materieller Interessenkonflikt: Wer für mehr staatliche Förderung, mehr Unternehmensnachfrage und eine frühe, breite Anwendung der eigenen Zukunftstechnologie plädiert, plädiert zugleich für den eigenen Absatzmarkt.

Diese Konstellation ist nicht per se ein Vorwurf – Marktteilnehmer dürfen und sollen sich politisch äußern. Problematisch wird es dort, wo die Position nicht als solche kenntlich gemacht wird, sondern als volkswirtschaftliche Notwendigkeit auftritt, die scheinbar allein aus Wachstumslogik folgt. Der Text benennt seinen eigenen Interessenkonflikt an keiner Stelle im Fließtext. Die Leitmarkt-These erscheint dadurch als überparteiliche ökonomische Diagnose, obwohl sie zugleich – und vielleicht in erster Linie – eine unternehmerische Position ist.

Ein bekanntes Muster mit einer unbekannten Variable

Dass Deutschland sich in einem internationalen Technologiewettlauf befindet und dass frühe Anwendungserfahrung in Zukunftstechnologien ökonomisch relevant sein kann, ist als Beobachtung nicht falsch. Fraglich ist, ob dieser spezifische Text die Evidenz liefert, die er beansprucht. Was bleibt, ist ein Argumentationsmuster, das strukturell bekannt vorkommt – Krisendiagnose, Technologie als Hebel, internationaler Vergleich, Forderung nach mehr Engagement –, gefüllt mit Zahlen, deren Herkunft selten hinterfragt wird, und vorgetragen von einer Stimme, deren ökonomisches Interesse am Ausgang der Debatte offenzulegen gewesen wäre.

Ralf Keuper


Quellen: