Als die Lufthansa 2016 ihr 90-jähriges Bestehen hätte feiern können, blieb die große Jubiläumsinszenierung aus. Der Grund liegt in einem Buch, das im selben Jahr erschien: Lutz Budrass‘ Unternehmensbiografie Adler und Kranich, die erste durchgehende Geschichte der Deutschen Lufthansa AG von der Gründung 1926 bis zum ersten Nachkriegsflug 1955. Budrass‘ zentraler Befund ist unbequem – nicht weil er neue Fakten zur NS-Verstrickung des Unternehmens liefert, sondern weil er zeigt, wie sehr die zweite Lufthansa der jungen Bundesrepublik von genau jenen Personen geprägt wurde, die die erste gegründet und durch das NS-Regime gesteuert hatten. Das wirft eine Frage auf, die über den Einzelfall hinausreicht: Wie überlebt eine institutionelle Funktionslogik einen politischen Systembruch, während die Personen, die sie tragen, formal unter einem völlig anderen Regime arbeiten?

Der Befund reicht dabei weit über den von Budrass untersuchten Zeitraum hinaus. Er lässt sich, wie sich zeigen wird, bis in die Gegenwart verfolgen: über die von Anfang an mitgestaltende Rolle der Deutschen Bank (in Gestalt von Kurt Weigelt und Emil Georg von Stauß) neben der Ministerialbürokratie, über den letzten Politiker an der Spitze des noch staatlichen Unternehmens, Heinz Ruhnau, über die vorübergehende vollständige Privatisierung, bis zur Rückkehr des Staates in der Corona-Krise 2020 und dem Auftreten zweier unternehmerischer Großaktionäre, Heinz Hermann Thiele und Klaus-Michael Kühne, die eine Rolle wiederbeleben, die im Ursprungsbefund selbst bereits angelegt ist – die des privaten Kapitals als Gegenkraft zur staatsnahen Steuerung.


Zwei Legitimationsquellen für ein strukturelles Defizit

Der Ausgangspunkt ist ökonomisch banal, aber folgenreich: Die Lufthansa war zu keinem Zeitpunkt ihrer frühen Geschichte ein wirtschaftlich tragfähiges Unternehmen. Sie flog dauerhaft mit Verlust und war auf staatliche Subventionen angewiesen. Ein Unternehmen, das strukturell nicht aus eigener Kraft überlebensfähig ist, braucht eine zusätzliche Begründung für seine Existenz – eine Erzählung, die den Mittelabfluss rechtfertigt, ohne das Wirtschaftsunternehmen als Fassade offenzulegen. Budrass benennt zwei solcher Begründungen, die sich historisch ablösten, aber im Kern dieselbe Funktion erfüllten: die Tarnung der verbotenen Wiederaufrüstung in der Weimarer Zeit und, eng verwandt, die Einbindung in die nationalsozialistische Luftmacht-Ambition ab 1933; und, davon nicht sauber zu trennen, die Vorstellung einer nationalen und gesellschaftlichen Utopie der „Luftgeltung“, die dem Unternehmen unabhängig von seiner Bilanz Bedeutung verlieh.

Diese doppelte Legitimationskonstruktion ist der eigentliche Kern des Falls. Sie erklärt, warum das Unternehmen 1933 nicht unterging, obwohl es an der Wende zum Jahr wirtschaftlich am Ende war: Mit Hitler als Reichskanzler und Göring als Luftfahrtminister erhielt die Luft Hansa eine neue, diesmal parteipolitisch verankerte Existenzberechtigung, die die alte staatlich-bürokratische ablöste, ohne sie zu ersetzen. Und sie erklärt, warum das Muster nach 1945 nicht endete, sondern fortgesetzt wurde – nur ohne die NS-Komponente, aber mit derselben Grundspannung zwischen ökonomischer Uneigenständigkeit und dem Bedürfnis nach übergeordneter Rechtfertigung.

Personelle statt formaler Kontinuität

Das eigentlich Bemerkenswerte an Budrass‘ Befund ist nicht die Existenz staatlicher Subventionierung als solche – das ist bei Verkehrsflaggschiffen historisch eher die Regel als die Ausnahme. Bemerkenswert ist, dass die Strategie der Lufthansa über Jahrzehnte hinweg mehrheitlich von Ministerial- und Regierungsbeamten bestimmt wurde, die formal die Interessen ihrer jeweiligen Ressorts vertraten, tatsächlich aber dynamische, schwer entschlüsselbare Koalitionen bildeten – und dass diese Beamtengruppe sich zwar personell wandelte, aber Auftrag und Habitus über den Bruch von 1945 hinweg unverändert blieben. Namen wie Hans Bongers oder Kurt Weigelt stehen für eine Kontinuität, die formal-institutionell nicht hätte bestehen dürfen: Die zweite Lufthansa der Bundesrepublik war eine Neugründung, keine Rechtsnachfolgerin. Dass sie dennoch bis in die 1960er Jahre von Männern mitgeprägt wurde, die das Unternehmen bereits 1926 gegründet hatten, zeigt, das…