Bitkom meldet eine frohe Botschaft: Der IT-Fachkräftemangel hat sich binnen drei Jahren fast halbiert. Doch eine sinkende Vakanzzahl ist für sich genommen kein gutes Zeichen – sie sagt nichts darüber, ob mehr Stellen besetzt wurden oder schlicht weniger gebraucht werden. Wer statt Unternehmenseinschätzungen harte Beschäftigungs- und Code-Daten heranzieht, findet Hinweise auf Letzteres – und stößt nebenbei auf einen Widerspruch in Bitkoms eigenen Erhebungen.


Der Digitalverband Bitkom vermeldete Anfang September 2026 eine auf den ersten Blick beruhigende Zahl: 79.000 unbesetzte IT-Stellen in Deutschland, gegenüber 149.000 im Jahr 2023 – eine Halbierung der Lücke binnen drei Jahren. Zugleich betont der Verband, Künstliche Intelligenz baue bislang kaum Stellen ab: Nur 10 Prozent der Unternehmen, die KI in der IT einsetzen, hätten dadurch vereinzelt Positionen gestrichen, 85 Prozent gar keine. Die Botschaft klingt nach Entwarnung an zwei Fronten zugleich – der Mangel schrumpft, und KI ist kein Jobkiller. Beide Teile dieser Erzählung verdienen einen zweiten Blick.

Eine Befragung von Absichten, keine Beschäftigungsstatistik

Die Bitkom-Zahlen beruhen auf einer telefonischen Befragung von Unternehmen zu deren Selbsteinschätzung – nicht auf einer Auswertung tatsächlicher Beschäftigungsverläufe. Das ist methodisch relevant, weil die Vakanzzahl rechnerisch nichts anderes ist als die Differenz aus Personalbedarf und besetzten Stellen. Eine sinkende Vakanzzahl ist damit für sich genommen kein eindeutiges Signal in die eine oder andere Richtung: Sie kann aus mehr erfolgreichen Besetzungen resultieren – oder daraus, dass der Bedarf selbst zurückgeht, etwa weil eine Aufgabe, für die vorher eine Stelle ausgeschrieben worden wäre, nun von einem KI-Werkzeug erledigt wird. Dieser zweite Fall taucht in der Befragung nirgends auf: „Wir haben keine neue Stelle ausgeschrieben“ wird nicht als Stellenabbau durch KI gezählt, obwohl er die Vakanzzahl genauso senkt wie eine Kündigung. Die Bitkom-Erhebung kann zwischen beiden Fällen nicht unterscheiden, sie fragt schlicht nicht danach – und die Pressemitteilung rahmt den Rückgang von 149.000 auf 79.000 dennoch unmissverständlich als gute Nachricht („hat sich … halbiert“), ohne diese Unterscheidung zu treffen.

Der Widerspruch im eigenen Haus

Aufschlussreich ist ein Vergleich mit einer anderen Bitkom-Erhebung aus demselben Jahr. Die separate Bitkom-KI-Studie 2026, ebenfalls auf Basis einer repräsentativen Unternehmensbefragung, kommt zu dem Ergebnis, dass bereits 19 Prozent der Unternehmen Stellen wegen KI abgebaut haben – nahezu das Doppelte der 10 Prozent aus der Fachkräftemangel-Studie. Beide Erhebungen stammen vom selben Verband, aus demselben Jahr, mit vergleichbarer Methodik. Der Unterschied liegt vermutlich in der Fragestellung: Wird konkret nach IT-Stellen und KI-bedingtem Abbau gefragt, oder allgemeiner nach Stellenabbau im Zusammenhang mit KI-Einsatz insgesamt. Dass ein und derselbe Verband im gleichen Jahr zu derart unterschiedlichen Werten kommt, ist ein Hinweis darauf, dass die Antwort stark von der Rahmung der Frage abhängt – und weniger von einer stabilen Realität, die sich eindeutig beziffern ließe.

Was sich hart messen lässt

Wo sich Effekte direkt an der Quelle statt über Selbstauskünfte messen lassen, zeigt sich ein deutlicheres Bild. Eine im Fachjournal Science veröffentlichte Studie des Complexity Science Hub hat über 30 Millionen Python-Beiträge von rund 160.000 GitHub-Entwicklern ausgewertet: Der Anteil KI-geschriebenen Codes stieg in den USA von 5 Prozent im Jahr 2022 auf 29 Prozent Ende 2025, in Deutschland auf 23 Prozent. Für 2026 gehen Branchenschätzungen von rund 40 Prozent aus.

Parallel dazu zeigen mehrere unabhängige Untersuchungen einen Rückgang der Beschäftigung junger Fachkräfte in KI-exponierten Rollen: Eine Stanford-Auswertung findet einen Rückgang der Beschäftigung 22- bis 25-jähriger Softwareentwickler um rund ein Fünftel seit Ende 2022. Der jobs.ch KI-Report 2026 (Schweiz, Basis 7,3 Millionen Stellenanzeigen) beziffert den Rückgang von Juniorstellen in KI-exponierten Bereichen, darunter IT, auf 16 Prozent gegenüber dem Vor-KI-Zeitraum, während Seniorprofile um 26 Prozent zulegten. Für Großbritannien und die USA melden Adzuna und Indeed einen Rückgang der Einstiegsstellen für Hochschulabsolventen um 32 respektive 33 Prozent seit Einführung von ChatGPT; SignalFire beziffert den Rückgang bei Big-Tech-Neueinstellungen von Hochschulabsolventen seit 2023 auf 25 Prozent.

Wie groß der Sprung im Einzelfall ausfallen kann, illustriert – mit der gebotenen Vorsicht gegenüber einer Stichprobe von n=1 – der Selbstversuch des Softwarearchitekten David Tielke: Er ersetzte ein 18 Jahre altes, selbst genutztes Administrationssystem binnen 45 Arbeitstagen durch eine Neuentwicklung mit Microservice-Architektur, lokaler KI und Workflow-Engine – nach eigener Rechnung mit der 93-fachen üblichen Entwicklungsgeschwindigkeit. Belastbar macht den Fall nicht die Kennzahl selbst, die unabhängig nicht überprüfbar ist, sondern dass das Ergebnis nach Tielkes eigener Aussage seine bereits nach oben korrigierte Erwartung noch übertraf. Als Beleg für ein flächendeckendes Phänomen taugt ein Selbstbericht nicht; als Illustration dessen, was an der oberen Grenze des in den Code-Statistiken gemessenen Trends bereits möglich ist, ergänzt er das Bild.

Diese Zahlen sind nicht direkt mit den deutschen IT-Vakanzzahlen vergleichbar, deuten aber in dieselbe Richtung: Der Effekt zeigt sich zuerst und am deutlichsten bei Berufseinsteigern – also genau dort, wo Umfragen unter Unternehmen ihn am leichtesten übersehen, weil „wir stellen weniger Berufseinsteiger ein“ seltener als „Stellenabbau durch KI“ verbucht wird.

Eine Bifurkation statt eines Mangels

Damit lässt sich auch die scheinbar widersprüchliche Erwartungshaltung der Unternehmen einordnen: 76 Prozent rechnen mit einem sich verschärfenden Mangel, während zugleich Junior-Stellen abgebaut werden. Der Widerspruch löst sich auf, sobald man den IT-Arbeitsmarkt nicht als homogene Größe behandelt, sondern als zwei Segmente, die sich gegenläufig entwickeln: Nachgefragt werden KI-Spezialisten, Cybersecurity-Fachkräfte und erfahrene Architekten; abgebaut werden Routinetätigkeiten und Einstiegspositionen. Beide Bewegungen finden gleichzeitig statt und heben sich in der aggregierten Vakanzzahl gegenseitig teilweise auf, ohne dass die Zahl selbst diese innere Spaltung sichtbar macht. Der Fachkräftemangel der Zukunft wäre demnach nicht quantitativ, sondern qualitativ – ein Mangel an den richtigen Fähigkeiten zur richtigen Zeit, nicht an Menschen generell.

Die gewagte Erwartung

Bemerkenswert zurückhaltend sollte man schließlich mit der im Bitkom-Papier enthaltenen Erwartungsabfrage umgehen: 76 Prozent der Unternehmen rechnen für die kommenden Jahre mit einer weiteren Verschärfung des Fachkräftemangels. Das ist eine Stimmungsabfrage bei genau jenen Unternehmen, die aktuell selbst Besetzungsprobleme melden (97 Prozent) – ein klassischer Anker-Effekt, kein empirisch hergeleiteter Trend. Zudem widerspricht die Erwartung der im selben Papier vertretenen These, KI entlaste IT-Fachkräfte und übernehme Routineaufgaben: Wenn das zuträfe, müsste der Personalbedarf tendenziell sinken oder stabil bleiben, nicht weiter wachsen. Hinzu kommt die Interessenlage des Verbands: Die Studie mündet direkt in politische Forderungen – Fachkräfteeinwanderung, Aufweichung der Höchstarbeitszeit, Reform des Statusfeststellungsverfahrens für Selbstständige –, für die eine Erzählung vom sich verschärfenden Mangel die naheliegendere Begründung liefert als die eigene gute Nachricht der halbierten Lücke.

Vorläufiges Fazit

Die These, dass KI den IT-Arbeitsmarkt bislang kaum verändert, ist durch die vorliegenden Daten allenfalls vorläufig korroboriert – und das auch nur, solange man sich auf Selbstauskünfte von Arbeitgebern zu explizitem Stellenabbau beschränkt. Sobald man auf härtere Indikatoren wechselt – Code-Anteil an der Quelle, Beschäftigungsverläufe nach Altersgruppe, Einstiegsstellen-Statistiken –, verdichtet sich ein Bild, das der optimistischen Verbandserzählung eher widerspricht als sie stützt. Die zwei Bitkom-Zahlen zum KI-bedingten Stellenabbau (10 versus 19 Prozent) sind dabei selbst ein Symptom: Sie zeigen, wie sensibel das Ergebnis auf die Frageformulierung reagiert, und mahnen zu Vorsicht gegenüber jeder einzelnen Prozentzahl, die aus einer solchen Befragung stammt.

Rafl Keuper


Quellen