Ein Barometer steigt, die Nachrichtenagenturen melden „überraschende“ Aufhellung – und ein zweiter Blick auf dieselbe Pressemitteilung zeigt, dass fast jede einzelne Komponente, die den Anstieg trägt, im Widerspruch zu etwas steht, das entweder im selben Text steht oder sich mit einer Minute Recherche verifizieren lässt. Der Fall taugt als Lehrstück dafür, wie ein methodisch fragiler Erwartungsindex zur Konjunkturgeschichte wird, obwohl die Belastungsfaktoren, die er eigentlich abbilden müsste, in dieselbe Zeit fallen.


Der gemeldete Befund

GfK und das Nürnberg Institut für Marktentscheidungen (NIM) melden für September ein Konsumklima von minus 26,6 Punkten, ein Plus von 2,8 Zählern gegenüber dem Vormonat – mehr, als Experten erwartet hatten. Getragen wird der Anstieg vor allem von der Einkommenserwartung, die um 16,2 Zähler auf 1,7 Punkte springt, den höchsten Wert seit einem halben Jahr. Auch die Konjunkturerwartungen legen den vierten Monat in Folge zu, wenn auch nur leicht. Die Sparneigung ist „leicht gesunken“. Einzig die Anschaffungsneigung – der Indikator, der tatsächliche Kaufbereitschaft misst statt bloßer Erwartung – bewegt sich seit rund vier Jahren unverändert um die minus zehn Punkte und wird von den Forschern selbst als „wie festgefroren“ beschrieben.

Der Widerspruch im eigenen Datensatz

Schon die Pressemitteilung enthält das Gegenargument zu ihrer eigenen Schlagzeile. Im selben Absatz, der den Sprung der Einkommenserwartung feiert, steht, dass das reale Lohnwachstum wegen der Inflation infolge des Iran-Kriegs von 1,8 respektive 1,9 Prozent in den beiden Vorquartalen auf rund 1,5 Prozent abgebremst hat. Die Erwartung schießt nach oben, während die harte Zahl in die andere Richtung zeigt. Und die privaten Konsumausgaben – nach Einschätzung der GfK selbst der am stärksten erklärungskräftige Bezugspunkt für den gesamten Index – legten im Frühjahr trotz drei aufeinanderfolgender Wachstumsquartale nur um 0,1 Prozent zu, praktisch Stillstand. Wachstum und Konsumklima laufen damit auseinander, nicht zusammen.

Was in der Meldung nicht vorkommt, verschärft dieses Bild zusätzlich. Die Sozialabgabenlast erreicht 2026 mit rund 42,3 Prozent des Bruttoverdienstes einen historischen Höchststand – der durchschnittliche Zusatzbeitrag zur Krankenversicherung steigt auf 2,9 Prozent, die Beitragsbemessungsgrenzen werden angehoben. Von sinkenden Abgaben kann keine Rede sein. Parallel hat die EZB im Juni 2026 die Leitzinsen erstmals seit September 2023 angehoben, ausdrücklich mit Verweis auf den Inflationsdruck durch den Iran-Krieg, und hält sich für die kommenden Sitzungen weitere Schritte bis auf 2,75 Prozent offen. Das verteuert Konsumentenkredite und Baufinanzierungen zusätzlich zur ohnehin eingefrorenen Anschaffungsneigung. Ein Konsumklima, das gerade in dieser Konstellation aus höheren Abgaben, teureren Krediten und einer nur zäh wachsenden Realökonomie eine steigende Einkommenserwartung meldet, hätte diese Spannung zumindest benennen müssen – die Pressemitteilung tut es nicht.

Ein Blick unter die Motorhaube

Der zweite, tiefer liegende Einwand betrifft den Index selbst. Das Konsumklima basiert auf einer monatlichen Befragung von rund 2.000 Personen, seit 2019 online statt face-to-face – eine für bundesweite Aussagen eher schmale Stichprobe, deren Ergebnisse zudem nicht nach Einkommensgruppen ausgewiesen werden. Wer stärker unter der gestiegenen Abgabenlast leidet, verschwindet im Gesamtsaldo. Konstruktionslogisch handelt es sich um einen reinen Saldenindex: Der Anteil negativer Antworten wird von den positiven abgezogen und so skaliert, dass der langjährige Durchschnitt bei null liegt. Formulierungen wie „höchster Wert seit einem halben Jahr“ sind damit relativ zu einer historisch gewachsenen Nulllinie zu lesen, nicht als harte ökonomische Schwelle.

Der entscheidende Befund findet sich im Wikipedia-Eintrag zum Index selbst: Die Korrelation zwischen dem Konsumklima-Gesamtwert und den tatsächlichen privaten Konsumausgaben war im ersten Jahrzehnt der 2000er nur schwach, und der Index gilt als „recht revisionsanfällig“ – die Erstmeldung wird häufig nachträglich korrigiert. Von den Teilkomponenten hat ausgerechnet die Anschaffungsneigung die höchste Erklärungskraft für die tatsächlichen Ausgaben – also genau jener Indikator, der in der aktuellen Meldung unverändert im Keller verharrt und der eher am Rande erwähnt wird. Hinzu kommt eine gewisse Intransparenz in der Zusammensetzung: Verschiedene Quellen benennen unterschiedliche Teilmengen der fünf Subindikatoren (Konjunktur-, Preis-, Einkommenserwartung, Anschaffungs-, Sparneigung) als Grundlage des Gesamtwerts, die genaue Gewichtungsformel – laut einer Quelle eine Regression mit den Konsumausgaben als abhängiger Variable – wird in der laufenden Berichterstattung nie offengelegt. Der Leser kann den gemeldeten Sprung nicht nachrechnen, sondern muss ihn glauben.

Was das bedeutet – und was offenbleibt

Keiner dieser Punkte belegt eine vorsätzliche Falschdarstellung. Die zitierten Rohdaten scheinen korrekt wiedergegeben, und der Bericht nennt sogar selbst einige der Gegenargumente – das abgebremste Reallohnwachstum, die eingefrorene Anschaffungsneigung, ein skeptisches Ökonomenzitat, das die eigene Schlagzeile im Grunde konterkariert. Das eigentliche Problem liegt tiefer: Ein erwartungsbasierter Stimmungsindex mit bekannt schwacher Vorhersagekraft für tatsächliches Konsumverhalten, intransparenter Gewichtung und ohne Aufschlüsselung nach Einkommensgruppen wird als Beleg für eine Konjunkturwende gelesen, während die realwirtschaftlichen Rahmendaten – Rekord-Abgabenlast, steigende Zinsen, eine durch Kriegsfolgen erhöhte Inflation – in dieselbe Richtung weisen wie der einzige Verhaltensindikator im Datensatz: nach unten beziehungsweise auf der Stelle. Ob sich die gestiegene Einkommenserwartung im Herbst als Vorbote einer echten Wende erweist oder als Fehleinschätzung korrigiert wird, lässt sich aus einer einzelnen Monatszahl nicht entscheiden – dafür bräuchte es mehrere Folgemonate und, im Idealfall, einen Blick auf die nach Einkommensgruppen aufgeschlüsselten Rohdaten, die GfK und NIM öffentlich nicht bereitstellen.

Ralf Keuper 


Quellen: