Deutschland verliere an Innovationskraft, heißt es erneut – diesmal in einer Analyse der ARD-Finanzredaktion, gestützt auf das Institut der deutschen Wirtschaft und das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft. Beide Erklärungen sind plausibel, beide treffen einen realen Kern – und beide teilen dieselbe unausgesprochene Prämisse: dass eine Aufholjagd innerhalb des bestehenden Innovationssystems das Problem lösen könnte. Genau diese Prämisse verdient einen genaueren Blick.
Die immer gleiche Meldung
Die Grundmelodie ist bekannt, und sie wiederholt sich in kurzen Abständen: Ende November 2025 verkündete der Innovationsindikator von BDI und Roland Berger, Deutschland verharre auf Platz 12, während USA, Großbritannien und Frankreich aufholten. Wenige Monate später liefert die ARD-Finanzredaktion dieselbe Diagnose in neuem Gewand – diesmal mit Patentzahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und einer Einordnung durch das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft (IAO). Rückläufige Patentanmeldungen, ein Rückstand in 13 von 14 Industriebranchen, nur der Maschinenbau behauptet sich. Die Automobilindustrie wird, wieder einmal, als Fallbeispiel bemüht: stark beim Verbrenner, abgehängt bei Batterie und Software.
Was in der Berichterstattung fehlt, ist eine Frage, die eigentlich vorausgehen müsste: Wer spricht hier eigentlich, und in wessen Interesse liegt die jeweilige Ursachenzuschreibung?
Zwei Erklärungen, zwei Interessen
IW-Patentforscher Oliver Koppel verortet das Problem in der Menge: zu wenige Forschungsausgaben im internationalen Vergleich, dazu hohe Energiepreise und Arbeitskosten, die Unternehmen zur Verlagerung von Forschung ins Ausland bewegten. Das ist die klassische Standortkosten-Erzählung – und sie passt exakt zum Auftrag des IW. Das Institut ist ein eingetragener Verein, dessen Trägervereine die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der BDI sind, finanziert über Mitgliedsbeiträge von rund hundert Wirtschafts- und Arbeitgeberverbänden. Über seine Tochter, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, betreibt es explizit PR-Arbeit im Sinne arbeitgeberpolitischer Positionen. Eine Erklärung, die auf Standortkosten und Regulierung verweist, ist für diese Trägerstruktur die naheliegende – nicht notwendig die falsche, aber die strukturell bevorzugte.
Katharina Hölzle vom Fraunhofer IAO widerspricht dieser Lesart implizit: Es fehle nicht an Wissen, sondern am Tempo der Erprobung. Deutschland könne Technologie „besser denken“, komme aber zu spät zur Marktreife – etwa beim autonomen Fahren. Diese Erklärung verschiebt die Verantwortung weg von der Forschung selbst und hin zu Regulierung, Testfreiräumen und unternehmerischer Umsetzung. Auch das ist keine beliebige Setzung: Fraunhofer holt nach eigener Darstellung mindestens zwei Drittel seines Budgets wettbewerblich ein, überwiegend aus Vertragsforschung mit der Industrie. Eine Organisation mit diesem Finanzierungsmodell hat einen strukturellen Anreiz, sich selbst als Quelle marktreifer Exzellenz darzustellen, der lediglich äußere Umstände im Weg stehen.
Was an dieser Stelle bereits diagnostiziert wurde
Diese Konstellation ist keine neue Beobachtung. Im September 2025 wurde hier die These entwickelt, dass die deutschen Forschungsgesellschaften – Fraunhofer, Helmholtz, Leibniz – mehr Problem als Lösung geworden seien: ein System, das Forscher nach Publikationen und Drittmittelvolumen bewertet statt nach Innovationsoutput, optimiert systematisch am eigentlichen Zweck vorbei. Im Dezember 2025 folgte die Strukturanalyse der deutschen Patentstatistik: Rund 40 Prozent der Anmeldungen entfallen auf den Maschinenbau, angeführt von Bosch, BMW und Mercedes-Benz – überwiegend inkrementelle Verbesserungen ausgereifter Technologien, nicht die Erschließung neuer Wachstumsfelder. Auffällig dabei: Deutsche Patente in traditionellen Feldern werden vorwiegend von anderen deutschen Anmeldern in denselben Branchen zitiert – ein selbstreferenzielles System, das interne Kohärenz mit externer Relevanz verwechselt.
Im Juni 2026 wurde dieselbe Argumentation auf eine IW-Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung angewandt, die vor massenhafter chinesischer Übernahme deutscher Patente warnte. Auch dort fehlte die entscheidende Frage nach der Art der Patente – und die Analyse der Auftraggeberstruktur legte offen, warum weder IW noch Bertelsmann die eigentlich naheliegende Schlussfolgerung ziehen konnten, ohne ihre eigene Position infrage zu stellen. Wenige Tage später bestätigte sich die Fraunhofer-These auf andere Weise: Die Gesellschaft kündigte den Abbau von rund 1.200 Vollzeitstellen an, ausgelöst nicht durch strategische Einsicht, sondern durch ausbleibende öffentliche Drittmittelaufträge. Bezeichnend die Reaktion – für die Reform der eigenen Zentralverwaltung wurde die Unternehmensberatung Roland Berger engagiert. Eine Institution, die sich selbst als führende Instanz für Wissenstransfer versteht, ließ sich extern erklären, wie sie sich organisieren solle.
Eine Diagnose, die sich seit Jahrzehnten nicht ändert
Die Hölzle-These selbst ist dabei nicht neu, sondern seit Jahrzehnten fester Bestandteil der deutschen Standortdebatte: exzellent im Forschen, schwach in der Übersetzung in marktfähige Produkte. Diese Formel wurde bereits im Kontext der Lissabon-Strategie bemüht, seither in nahezu jedem Bericht von BDI, Stifterverband oder OECD wiederholt – meist mit denselben Beispielen, meist ohne dass sich am Grundmuster etwas ändert. Eine Diagnose, die über drei Jahrzehnte konstant bleibt, ist selbst ein Befund – nicht über den Zustand der deutschen Innovationskraft, sondern über die Institutionen, die diese Diagnose stellen. Wenn Fraunhofer seit Jahrzehnten „wir forschen exzellent, der Transfer hakt“ sagt, ohne dass sich am Transfer strukturell etwas ändert, handelt es sich nicht um einen wiederkehrenden Missstand, sondern um ein stabiles Gleichgewicht – eines, das für die forschende Institution offenbar funktional genug ist, um es nicht aufzulösen. Das Muster ist immer dasselbe: Forschungsauftrag eingeworben, Umsetzung scheitert, nächster Auftrag wird akquiriert, das Ergebnis ähnlich. Solange der institutionelle Erfolgsindikator Drittmittelvolumen und Publikationsoutput bleibt, ist ausbleibender Markttransfer keine Fehlfunktion des Systems, sondern für die Institution neutral bis irrelevant. Fraunhofer hatte nie einen strukturellen Anreiz, sich selbst als Teil des Transferproblems zu begreifen, weil das eigene Geschäftsmodell nicht am Transfererfolg hängt, sondern an der fortgesetzten Auftragsakquise.
Der berechtigte Kern der IW-Position
Gegen den Vorwurf der reinen Interessenrhetorik lässt sich beim IW allerdings ein Einwand machen: Der Hinweis, andere Länder legten gezielte Schwerpunkte bei Zukunftstechnologien und förderten Unternehmen entsprechend, während Deutschland breiter und weniger strategisch fördere, trifft einen realen Befund – und passt auffällig wenig zur sonstigen IW-Linie, die eher gegen aktive Industriepolitik und für Marktlösungen argumentiert. Das spricht dafür, dass dieser eine Punkt tatsächlich beobachtet und nicht primär interessengeleitet konstruiert ist. CHIPS Act und Inflation Reduction Act in den USA, „Made in China 2025“ und die gezielte KI-Förderung in China, sektoral geframte Programme in Frankreich – dem steht in Deutschland eine tatsächlich breitere, technologieneutralere Förderlandschaft gegenüber, vom Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand bis zu diversen Fraunhofer-Leitprojekten.
Die gemeinsame, unausgesprochene Prämisse
Damit zeigt sich, worin beide Erzählungen trotz unterschiedlicher institutioneller Interessen übereinstimmen: Sowohl „wir müssen den Transfer beschleunigen“ als auch „wir müssen strategischer fördern“ unterstellen, eine Aufholjagd innerhalb desselben Paradigmas – mehr Forschungsausgaben, schnellerer Transfer, gezieltere Förderung – könne das Problem lösen. Genau diese Denkfigur wird durch die Strukturanalyse der deutschen Patentstatistik infrage gestellt: Wenn die eigentliche Verschiebung nicht graduell, sondern strukturell ist – wenn Deutschland exzellent optimiert, was gerade an Bedeutung verliert, während USA und China längst in anderen Technologiepfaden führen –, dann ist „Aufholen“ die falsche Metapher. Aufholen setzt voraus, dass alle auf derselben Strecke laufen und Deutschland nur langsamer ist. Die naheliegendere Beschreibung wäre: Deutschland läuft auf einer anderen, auslaufenden Strecke sehr schnell. Weder IW noch Fraunhofer haben einen Anreiz, diese Unterscheidung zu treffen, weil beide ihre Legitimation aus der Fortsetzung des bestehenden Innovationssystems beziehen, nicht aus dessen Infragestellung.
Ein Muster, kein Einzelfall
Der aktuelle ARD-Beitrag reproduziert damit ein Muster, das sich über mehrere Anlässe hinweg wiederholt: Institutionen mit einem strukturellen Interesse an einer bestimmten Ursachenzuschreibung werden als neutrale Sachverständige zitiert, ohne dass ihre Trägerstruktur oder ihr Finanzierungsmodell benannt würde. Die zugrundeliegenden Zahlen – Patentrückgang, internationale Aufholbewegung, Rückstand in Zukunftsfeldern – sind dabei nicht falsch. Was fehlt, ist die zweite Frage, die die Diagnose erst einordnen würde: nicht ob Deutschland an Innovationskraft verliert, sondern wessen Interesse durch die jeweils angebotene Erklärung bedient wird – und ob „Aufholen“ überhaupt die richtige Kategorie ist, um das Problem zu beschreiben.
Als strukturelle These lässt sich das bislang nur als vorläufig korroboriert bezeichnen – gestützt durch mehrere unabhängige Anlässe seit Herbst 2025, aber ohne dass eine systematische Prüfung der gesamten deutschen Innovationsberichterstattung vorläge. Der Befund verdichtet sich mit jedem neuen Fall. Verifiziert ist er damit noch nicht.
Ralf Keuper
Quellen:
ARD-Finanzredaktion (Michelle Goddemeier): „Junge Forschende sind innovativer“ / Analyse zur deutschen Innovationskraft, tagesschau.de
BDI / Roland Berger: „Innovationsindikator 2025: Deutschland tritt auf der Stelle – Wettbewerber überholen“ (25.11.2025) https://bdi.eu/de/articles/presse/innovationsindikator-2025-deutschland-tritt-auf-der-stelle-wettbewerber-ueberholen
Institut der deutschen Wirtschaft: Über uns / Studien https://www.iwkoeln.de/institut.html
Institut der deutschen Wirtschaft – Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Institut_der_deutschen_Wirtschaft
Fraunhofer-Gesellschaft: Finanzen https://www.fraunhofer.de/de/ueber-fraunhofer/profil-struktur/zahlen-und-fakten/finanzen.html
taz: „Finanzierung der Fraunhofer-Gesellschaft: Zoff um eine Milliarde Euro“ (29.06.2023) https://taz.de/Finanzierung-der-Fraunhofer-Gesellschaft/!5942478/
EconLittera-Hintergrund:
Ralf Keuper: „Die deutsche Forschungslandschaft: Problem statt Lösung“ (15.09.2025)https://econlittera.bankstil.de/die-deutsche-forschungslandschaft-problem-statt-loesung
Ralf Keuper: „Patente ohne Zukunft: Was Deutschlands Erfindungsstatistik wirklich zeigt“ (16.12.2025)https://econlittera.bankstil.de/patente-ohne-zukunft-was-deutschlands-erfindungsstatistik-wirklich-zeigt
Ralf Keuper: „Die blinden Wächter der Innovationsstatistik“ (03.06.2026) https://econlittera.bankstil.de/die-blinden-waechter-der-innovationsstatistik
Ralf Keuper: „Fraunhofer schrumpft — und versteht immer noch nicht warum“ (05.06.2026)https://econlittera.bankstil.de/fraunhofer-schrumpft-und-versteht-immer-noch-nicht-warum
