Adam Tooze, britischer Wirtschaftshistoriker und Professor an der Columbia University, gehört zu den international einflussreichsten Kommentatoren zu Geopolitik und globaler Ökonomie; sein Newsletter „Chartbook“ und Bücher wie „Crashed“ und „Shutdown“ haben ihm auch über Fachkreise hinaus Gehör verschafft. Im ZEIT-Interview vom 29. Juli 2026 hat er nun eine Beobachtung formuliert, die inzwischen eine vertraute Note hat: China habe das deutsche Industrie-Playbook übernommen – Industriepolitik, Exportorientierung, staatlich flankierte Techniksprünge –, es aber konsequenter umgesetzt als der Erfinder selbst. Peking setzte auf Elektromobilität und technologische Souveränität, während Deutschland am Verbrenner-Modell festhielt.
Es ist bereits die zweite prominente Formulierung dieses Gedankens an dieser Stelle: Schon der Blick auf Friedrich List hatte gezeigt, dass China dessen Programm aus dem 19. Jahrhundert – Erziehungszoll, strategische Industriepolitik, Aufbau produktiver Kräfte – konsequenter verfolgt als das Land, das ihn hervorgebracht hat. Tooze liefert dieselbe Beobachtung ein zweites Mal, diesmal bezogen auf die Nachkriegsarchitektur von Industriepolitik und Exportmodell statt auf List‘ Frühwerk. Der wiederholte Befund verdient deshalb weniger eine erneute Ausführung als die Frage, warum sich dieses Muster so zuverlässig reproduziert.
Was neu ist: die Architekturfrage
Der eigentliche Mehrwert des Tooze-Interviews liegt nicht in der Wiederholung der Übernahme-These, sondern darin, sie als Frage nach Architekturmacht zu präzisieren, nicht als Frage nach Fleiß oder Tugend. Das deutsche Industriemodell der Nachkriegszeit war über weite Strecken kein Modell der Erfindung neuer Produktkategorien, sondern eines der überlegenen Systemintegration innerhalb einer bestehenden Architektur – des Verbrennungsmotors, seiner Zulieferketten, seiner Exportlogik. Genau diese Rolle als Architekt eines etablierten Systems hat China nicht kopiert, sondern für eine neue Architektur – Elektroantrieb, Batteriezellfertigung, softwaredefiniertes Fahrzeug – neu besetzt. Wer die Regeln eines neuen Systems schreibt, kontrolliert die Schnittstellen; wer nur die Komponenten innerhalb eines fremden neuen Systems optimiert, verwaltet einen Bestand, der zwangsläufig schrumpft. Diese Verschiebung deckt sich mit der wiederholt beschriebenen These vom Verlust geliehener Architekturmacht in Halbleiter- und Maschinenbau-Fällen – hier zeigt sie sich in einem weiteren Sektor, und mit einer neuen Facette: Architekturmacht kann nicht nur verloren gehen, sie kann von einem Nachahmer übernommen werden, der die ursprüngliche Blaupause konsequenter anwendet als ihr Urheber.
Bemerkenswert ist außerdem, wie Tooze die These vom deutschen Vorsprungsverspiel einordnet: nicht als individuelles Managementversagen, sondern als strategische Trägheit eines ganzen Systems. Das ist die strukturelle statt personalistische Lesart, die sich gegen die naheliegendere, aber ärmere Erzählung vom Versagen einzelner Vorstände richtet.
Eine Bestätigung von außen
Der zweite instruktive Teil des Interviews betrifft nicht China, sondern die deutsche Selbstverständigung darüber, was das eigentliche Problem sei. Tooze weist die vom Kanzler getragene Erzählung zurück, wonach mehr Arbeitsstunden und mehr Leistungsbereitschaft der Kern der Lösung seien. Sein Gegenpunkt: nicht mehr, sondern intelligenter arbeiten – organisatorisch, industriepolitisch, prioritätensetzend.
Diese Diagnose ist an dieser Stelle bereits im Januar 2026 ausführlich begründet worden, mit Rathenaus Wirkungsgrad-Argument, der Drucker’schen Unterscheidung von Effizienz und Effektivität sowie Lohnstückkosten- und Innovationsindikator-Daten. Bemerkenswert ist deshalb weniger die These selbst als der Umstand, dass ein außenstehender, international anerkannter Wirtschaftshistoriker sieben Monate später unabhängig zu derselben Unterscheidung kommt – direkt am konkreten Anlass der Merz-Kritik, nicht nur als abstrakte Beobachtung. Das macht die Kritik am Mehrarbeit-Narrativ nicht zwangsläufig richtiger, aber es entzieht dem Einwand, es handle sich um eine Außenseiterposition, einen Teil seiner Grundlage.
Diese Kritik reiht sich zugleich in ein wiederkehrendes Muster ein, das sich auch an anderer Stelle beobachten lässt: Sowohl die Lohnkosten-These als auch die These vom Versagen einer ganzen Managergeneration in der jüngsten Automobilkrise funktionieren als Ausweichbewegungen vor der eigentlichen strukturellen Frage. Das Mehrarbeit-Narrativ gehört in dieselbe Kategorie. Es hat den Vorzug, moralisch eindeutig und politisch billig zu sein – es verlangt niemandem in der bestehenden Industriearchitektur eine Kurskorrektur ab, sondern richtet den Blick auf die Beschäftigten.
Demokratie als Handlungsfrage, nicht als Systemfrage
Tooze‘ dritte These – Demokratien seien China nicht strukturell unterlegen, müssten aber strategischer und interventionistischer handeln – verdient Vorsicht, gerade weil sie so anschlussfähig an bestehende Erwartungen ist. Sie ist eine Handlungsaufforderung, keine empirisch geprüfte Aussage über die relative Leistungsfähigkeit demokratischer versus autoritärer Industriepolitik; als solche bleibt sie vorläufig korroboriert allenfalls durch das China-Beispiel selbst, nicht durch einen Vergleich mit anderen demokratischen Volkswirtschaften, die vor derselben Weichenstellung standen und anders reagierten. Genau diese Vergleichsgruppe – Südkorea, Japan, auch Teile der EU – wäre der eigentliche Testfall für die These, nicht das deutsch-chinesische Paar allein.
Einen historischen Anhaltspunkt liefert Galbraith. Er hatte in „The New Industrial State“ argumentiert, dass moderne Großindustrie – unabhängig vom politisch-ökonomischen System – zur Planung tendiert, weil technische Komplexität und Kapitalintensität eine Vorhersagbarkeit verlangen, die der freie Markt allein nicht liefert; sein Konvergenz-Gedanke sah amerikanische Konzernplanung und sowjetische Staatsplanung als strukturell verwandte Antworten auf dasselbe Problem. Interventionistische Industriesteuerung wäre demnach keine Frage des Regimetyps, sondern der organisatorischen Kapazität – eine Kapazität, die demokratische Systeme in der Nachkriegszeit (Wiederaufbauplanung, Rüstungsindustrie, Großkonzerne als Quasi-Planungsbehörden) durchaus besaßen, seit den 1980er Jahren aber zugunsten von Marktideologie abgebaut haben. Das stützt Toozes These in einer bestimmten Form: nicht dass Demokratien interventionistisch handeln können, sondern dass sie es konnten und es sich seither abtrainiert haben – was die deutsche Frage eher verschärft als beruhigt, weil daraus kein Fähigkeits-, sondern ein selbstgewähltes Verzichtsproblem würde.
Fazit: die Wiederholung als Befund
Dass sich die China-übernimmt-deutsches-Programm-Beobachtung nun zum zweiten Mal in derselben Konstellation zeigt – einmal an List, einmal an der Nachkriegsindustriearchitektur festgemacht –, ist selbst aufschlussreich. Es spricht dafür, dass es sich nicht um eine punktuelle Petitesse, sondern um ein strukturelles Muster handelt: Deutschland exportiert seine ökonomischen Ideen erfolgreicher, als es sie selbst anwendet. Die Mehrarbeit-Debatte ist der jüngste Fall einer verwandten Konstanz – eine über Jahrzehnte vertraute Erklärung, die auf ein neuartiges Problem angewendet wird, für das sie nicht gemacht wurde. Neu am Tooze-Interview ist nicht die Diagnose, sondern ihre Herkunft: Sie kommt jetzt auch von außen.
Ralf Keuper
Quellen:
Adam Tooze im Interview mit der ZEIT: „Das ist keine Übung“ (29. Juli 2026) https://www.zeit.de/2026/33/adam-tooze-china-exportueberschuesse-industriepolitik-deutschland
Auf EconLittera
Effektivität statt Mehrarbeit: Warum Friedrich Merz das Problem falsch diagnostizierthttps://econlittera.bankstil.de/effektivitaet-statt-mehrarbeit-warum-friedrich-merz-das-problem-falsch-diagnostiziert
Was würde Friedrich List zur deutschen Wirtschaftskrise sagen? https://econlittera.bankstil.de/was-wuerde-friedrich-list-zur-deutschen-wirtschaftskrise-sagen
Die Rathenau-Herausforderung: Deutschlands Existenzfrage im 21. Jahrhundert https://econlittera.bankstil.de/die-rathenau-herausforderung-deutschlands-existenzfrage-im-21-jahrhundert
Weiterführend
John Kenneth Galbraith: „Die moderne Industriegesellschaft“ (eigene Besprechung auf EconLittera)https://econlittera.bankstil.de/die-moderne-industriegesellschaft-von-john-kenneth-galbraith
