„Aufruhr im Zwergenreich Europa“ – so titelte die WirtschaftsWoche am 1. Dezember 1989 ihren Report über das JESSI-Programm (Joint European Submicron Silicon Initiative). 36 Jahre später, im Juli 2025, verkündete Intel die endgültige Absage seines Magdeburger Chipfabrik-Projekts – des Flaggschiffs des EU Chips Act. Die Parallelen zwischen beiden Epochen sind frappierend und werfen fundamentale Fragen über die strukturelle Lernfähigkeit europäischer Industriepolitik auf.

Diese Analyse vergleicht die Halbleiter-Initiativen von 1989 und 2022 systematisch und identifiziert wiederkehrende Muster, die erklären könnten, warum Europa im Halbleitersektor trotz erheblicher öffentlicher Investitionen strukturell zurückfällt. Die These: Es handelt sich nicht um unglückliche Zufälle oder externe Schocks, sondern um systemische Defizite der europäischen Innovationsgovernance, die sich über Jahrzehnte reproduzieren.


JESSI 1989: Der erste große Anlauf

Ausgangslage und Ambition

Die Lage Ende der 1980er Jahre war für Europa bedrohlich. Wie die WirtschaftsWoche dokumentierte, hatten japanische Hersteller 1988 einen Marktanteil von 90 Prozent bei 1-Megabit-Speicherchips erreicht. Unter den zehn größten Halbleiterproduzenten der Welt befand sich kein einziges europäisches Unternehmen. Europa war, in den Worten des Artikels, ein „Zwergenreich“ der Mikroelektronik.

Das JESSI-Programm sollte diesem Zustand ein Ende bereiten. Mit einem Budget von acht Milliarden Mark über acht Jahre (1989-1996) war es das ambitionierteste europäische Technologieprojekt seiner Zeit. Das Ziel: Bis 1996 einen 64-Megabit-Speicherchip zu entwickeln, dessen Kapazität „den Informationsgehalt einer ganzen Reihe von Taschenbüchern verdauen“ könnte. Beteiligte Unternehmen waren Siemens, Philips, SGS-Thomson sowie Anwenderunternehmen wie ABB, BMW, Bosch, Daimler-Benz und Krupp Atlas.

Die zeitgenössische Kritik

Bemerkenswert ist, dass bereits 1989 fundamentale Zweifel an der gewählten Strategie formuliert wurden. Professor Hans-Joachim Queisser vom Max-Planck-Institut für Festkörperforschung kritisierte die politischen Weichenstellungen scharf:

Hätten wir in den vergangenen Jahren zehn Prozent der Steinkohleförderung für den Aufbau einer modernen Chipindustrie ausgegeben, stünden wir heute besser da.

Professor Bernhard Korte von der Universität Bonn brachte einen noch grundsätzlicheren Einwand: „Ich bin mehr für Köpfe und weniger für Geld.“ Seine Kooperation mit IBM war durch Zufall entstanden – ein IBM-Ingenieur hatte ihm von Problemen mit einem neuartigen Prozessor erzählt, die Kortes Institut mit kombinatorischer Optimierung löste. Korte betonte:

Das Europa der Forscher kann man nicht von oben nach unten verordnen. Das Europa der Forscher muss von unten herauf entstehen.

Der…