Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung schlägt Alarm: China habe über 11.000 in Deutschland entwickelte Patente übernommen. Der Befund ist real — die Schlussfolgerungen sind es nicht. Denn die eigentlich aufschlussreiche Frage stellt die Studie gar nicht: Was genau wandert da ab? Und was sagt das über die Institutionen, die diese Frage nicht stellen?
Über 11.300 in Deutschland entwickelte Patente befinden sich heute in chinesischem Besitz — so lautet der Kernbefund der Anfang Juni 2026 veröffentlichten Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Um die Jahrtausendwende waren es praktisch keine. IW-Experte Oliver Koppel spricht von einem strukturellen Ungleichgewicht: China steuere Übernahmen im Westen geostrategisch, während der eigene Markt für ausländische Investoren weitgehend geschlossen bleibe. Europa müsse genauer prüfen, wohin strategisch relevante Technologien abwandern.
Der Befund klingt alarmierend. Er ist es — aber aus anderen Gründen, als die Studie nahelegt.
Was die Studie nicht fragt
Die entscheidende Frage fehlt vollständig: Um welche Art von Patenten handelt es sich? Inkrementelle Detailverbesserungen an ausgereiften Technologien oder Basispatente in Zukunftsfeldern? Ein Patent zur Abgasnachbehandlung im Dieselmotor zählt statistisch ebenso wie ein Grundlagenpatent in der Leistungselektronik. Die ökonomische Hebelwirkung könnte unterschiedlicher kaum sein.
Wer die Struktur der deutschen Patentlandschaft kennt, ahnt die Antwort. Der Maschinenbau stellt mit rund 40 Prozent den größten Anteil an deutschen Patentanmeldungen — gefolgt von Elektrotechnik und automobilen Anwendungen. Bosch führt die Anmelderstatistik mit deutlichem Abstand an, gefolgt von BMW und Mercedes-Benz. Es handelt sich überwiegend um inkrementelle Verbesserungen in ausgereiften Märkten. Was in chinesische Hände übergeht, ist damit zu erheblichen Teilen Optimierungswissen für Technologien, deren Lebenszyklus sich dem Ende zuneigt.
Das prominenteste Beispiel der Studie — Kuka, 2016 von Midea übernommen — bestätigt diese Lesart eher, als sie zu entkräften. Midea kaufte nicht primär wegen der Patente. Es kaufte Systemintegrationswissen, Kundenbeziehungen, Zertifizierungen — architectural knowledge im Sinne von Henderson und Clark: das implizite Wissen über Schnittstellen und Systemlogik, das mit dem expliziten Patentrecht mitübertragen wird, aber in keiner Patentdatenbank auftaucht. Die Patente kamen mit, waren aber der Nebeneffekt, nicht der Grund.
Welche Innovationen wirklich zählen
Während die Studie den Abfluss von Bestandstechnologie dokumentiert, vollzieht sich die eigentliche Innovationsverschiebung anderswo — und sie geht in die entgegengesetzte Richtung. China hält mittlerweile rund 70 Prozent aller weltweit erteilten KI-Patente. Der Anteil Europas ist auf unter drei Prozent gefallen. In Halbleitertechnologie, Batteriematerialien und synthetischer Biologie wachsen die US-amerikanischen und chinesischen Patentportfolios deutlich schneller als in allen klassischen Industriesektoren.
Das erzeugt eine analytische Paradoxie: Die 11.300 deutschen Patente, die China übernommen hat, könnten aus chinesischer Perspektive Abschlussarbeiten sein — nützlich für den laufenden Betrieb von Fertigungsstätten, die auf deutscher Maschinenbautechnologie basieren, aber kein strategischer Vorsprung für die nächste Dekade. China braucht diese Patente möglicherweise weniger dringend, als die Studie suggeriert — weil es in den Feldern, die wirklich zählen, längst selbst führt.
Die eigentlich aufschlussreiche Frage lautet deshalb nicht: Wie viele deutsche Patente hält China? Sie lautet: Wie oft greifen chinesische oder amerikanische Technologieunternehmen auf deutsche Patente zurück, wenn sie Produkte in Zukunftsfeldern entwickeln? Die Antwort dürfte ernüchternd sein.
Das selbstreferenzielle System
Wer tiefere Ursachen sucht, findet sie nicht in der chinesischen Übernahmestrategie, sondern in der deutschen Forschungsinfrastruktur selbst. Konzerne wie Bosch haben über Jahrzehnte enorme Kapazitäten in klassischer Mechatronik und Verbrennungstechnologie aufgebaut: Prüfstände, Simulationsumgebungen, hochspezialisiertes Personal. Diese Infrastruktur erzeugt einen inneren Zwang zur fortgesetzten Nutzung — selbst wenn die strategische Relevanz der Ergebnisse fraglich wird. Das Patent wird zum Rechtfertigungsdokument für Ressourcenbindung, nicht zum Wettbewerbsinstrument.
Verstärkt wird dieser Effekt durch ein selbstreferenzielles Zitiersystem: Deutsche Patente in traditionellen Feldern werden überwiegend von anderen deutschen Anmeldern in denselben Branchen zitiert. Interne Kohärenz wird mit externer Relevanz verwechselt. Das System bestätigt sich selbst — und bleibt strukturell blind für das, was außerhalb seiner eigenen Kategorien entsteht.
Was die Auftraggeber verraten
Hier beginnt die eigentlich aufschlussreiche Analyse — und sie richtet sich nicht auf China, sondern auf IW und Bertelsmann-Stiftung selbst.
Das IW ist das Forschungsinstitut der deutschen Arbeitgeberverbände. Es produziert Standortanalysen für einen Auftraggeber, dessen Mitgliedsunternehmen überwiegend in genau den Branchen tätig sind, die die Studie beschreibt: Maschinenbau, Automobil, klassische Elektrotechnik. Eine Analyse, die diese Branchen als strukturell überholt charakterisiert, wäre kein Reformauftrag mehr — sie wäre ein Abgesang. Den kann das IW institutionell nicht liefern.
Die Bertelsmann-Stiftung operiert im deutschen Reformdiskurs seit Jahrzehnten. Ihr Innovationsbegriff ist notwendig abstrakt und policy-orientiert, weil sie selbst nie etwas erfinden musste. Der Konzern, von dem die Stiftung lebt, hat seine letzte wirklich strategische Innovation — das Buchclub-Modell — in den 1950ern vollzogen. Seitdem: Akquisition, Restrukturierung, Verwaltung. Der kurze Moment, in dem Bertelsmann die digitale Transformation hätte mitgestalten können, war das frühe Internet. Man investierte massiv in AOL Europe und Online-Buchhandel — und zog sich nach dem Dotcom-Crash zurück, genau im falschen Moment. Amazon definierte den Buchmarkt neu. Bertelsmann baute Penguin Random House auf und verkaufte unter Kartellrechtsdruck wieder.
Eine Stiftung, die vom Erbe eines Konzerns lebt, der die digitale Transformation weitgehend verschlafen hat, beauftragt das Arbeitgeberinstitut mit einer Studie über Innovationskraft — und beide kommen zu dem Schluss, Deutschland sei noch gut aufgestellt, wenn man nur aufpasse, dass die Chinesen nicht zu viele Patente übernehmen. Das ist kein Erkenntnisproblem. Das ist Systemkohärenz.
Die falsche Frage als Symptom
Die kommunikative Verwertung von Patentstatistiken folgt einem Muster, das sich in der deutschen Standortdebatte regelmäßig beobachten lässt. Je fragiler die tatsächliche Wettbewerbsposition wird, desto intensiver werden Surrogatindikatoren betont, die das gewünschte Bild bestätigen. Patentmengen eignen sich dafür besonders: eindeutig messbar, international vergleichbar, positiv konnotiert. Dass sie über technologische Führerschaft in Wachstumsmärkten, Skalierbarkeit von Geschäftsmodellen oder Produktivitätseffekte keine Auskunft geben, bleibt in der Studie — und der medialen Rezeption — unerwähnt.
Das Muster ist bekannt. Agfa zählte bis zuletzt seine Filmrollen, während Fujifilm in Kosmetik und Pharmazie diversifizierte. Kodak optimierte seine Chemie, während die digitale Fotografie das gesamte Geschäftsmodell obsolet machte. Jedes dieser Unternehmen hatte hervorragende interne Kennzahlen — in den Kategorien, die seine eigene Vergangenheit beschrieben.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob Deutschland erfinderisch bleibt. Sie lautet, ob es das Richtige erfindet. Und die noch unbequemere Antwort: Ob die Institutionen, die diese Frage beantworten sollen, strukturell in der Lage sind, sie überhaupt zu stellen.
Ralf Keuper
Quellen:
IW-Studie / Primärberichterstattung
- Reuters/onvista: „Studie: China hat Tausende deutscher Patente übernommen“ (2. Juni 2026)https://www.onvista.de/news/2026/06-02-studie-china-hat-tausende-deutscher-patente-uebernommen-0-20-26517798
- Handelsblatt: „Studie: China hat Tausende deutscher Patente übernommen“ (2. Juni 2026)https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/studie-china-hat-tausende-deutscher-patente-uebernommen-01/100229685.html
- legal-patent.com: „China hat über 11.300 deutsche Patente übernommen: Was die IW-Studie für den Mittelstand bedeutet“ (2. Juni 2026) https://legal-patent.com/allgemein-tr/china-hat-ueber-11-300-deutsche-patente-uebernommen-was-die-iw-studie-fuer-den-mittelstand-bedeutet/
Patentstruktur Deutschland
- Handelsblatt: „Deutschland bei Patenten weltweite Nummer zwei nach USA“ (24. März 2025)https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/patente-deutschland-bei-patenten-weltweite-nummer-zwei-nach-usa/100116151.html
- ingenieur.de: „Diese deutschen Unternehmen melden am meisten Patente an“ (24. März 2025)https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/rekorde/diese-deutschen-unternehmen-melden-am-meisten-patente-an/
- DPMA – Jahresbericht 2024 https://www.dpma.de/jb2024/
KI-Patente / Internationale Verschiebung
- Statista: „Anteil der weltweit erteilten Patente für Künstliche Intelligenz nach Regionen“ (auf Basis Stanford AI Index Report 2025) https://de.statista.com/infografik/34530/anteil-der-weltweit-erteilten-patente-fuer-kuenstliche-intelligenz-nach-regionen
- Statista: „China holt bei Patenten auf“ (EPA-Daten) https://de.statista.com/infografik/27191/anzahl-der-patentanmeldungen-beim-europaeischen-patentamt-nach-ursprungslaendern
EconLittera-Hintergrund
- Ralf Keuper: „Patente ohne Zukunft: Was Deutschlands Erfindungsstatistik wirklich zeigt“ (16. Dezember 2025)https://econlittera.bankstil.de/patente-ohne-zukunft-was-deutschlands-erfindungsstatistik-wirklich-zeigt
