Eine Festival-Konzentrationsdebatte kreist um KKR, Waffeninvestitionen und Boykottaufrufe – und übersieht dabei die eigentliche Vorbedingung: Erst eine Branche, die strukturell nur knapp über der Rentabilitätsschwelle operiert, macht Konzentration zur naheliegenden Antwort. Ein Blick auf Southside, Sziget, Parookaville und die deutsche Festivallandschaft insgesamt zeigt, warum sich Ursache und Symptom hier leicht vertauschen lassen – und was das für die Forderungen nach Regulierung bedeutet.


Zwei Berichte, eine Ursache

Zwei Berichte, zwei Register: Der eine handelt von Private-Equity-Ethik, Waffenindustrie-Beteiligungen und Boykottaufrufen gegen KKR und Superstruct. Der andere zählt Bierpreise, Gagenanteile und Auslastungsschwellen auf einem einzelnen deutschen Festivalgelände. Gelesen als zwei Geschichten, bestätigen beide die naheliegende Erzählung: Kapital dringt in einen kulturellen Raum ein und verändert ihn zum Schlechteren. Gelesen als eine Geschichte, ergibt sich eine andere Reihenfolge der Ursachen.

Die 85-Prozent-Schwelle

Die Southside-Zahlen liefern den Befund, der in der Konzentrationsdebatte meist fehlt: Ein Festival arbeitet erst ab rund 85 Prozent verkaufter Tickets kostendeckend. Nur etwa 15 Prozent aller Festivals erwirtschaften überhaupt einen Gewinn, rund 30 Prozent schreiben Verluste. Der größte Ausgabenblock – die Künstlergagen – liegt bei rund der Hälfte des Budgets, die Gesamtkosten sind gegenüber der Vor-Corona-Zeit um etwa 45 Prozent gestiegen, ohne dass sich das vollständig an die Ticketpreise weiterreichen ließe. Das ist keine Randnotiz zur eigentlichen Geschichte der Marktkonzentration – das ist ihre Vorbedingung. Bemerkenswert dabei: Southside ist selbst kein unabhängiger Fall. Veranstalter FKP Scorpio gehört seit einer 2017 vom Bundeskartellamt genehmigten Übernahme zu 50,2 Prozent CTS Eventim – einem der vier europäischen Großkonzerne. Dass die Fixkosten-Fragilität selbst innerhalb dieser Konzernstruktur bestehen bleibt (CEO Stephan Thanscheidt öffentlich: die Ticketpreise seien „am Limit“, die Margen seit Corona „deutlich kleiner“), ist ein Hinweis darauf, dass Konzernzugehörigkeit die Fragilität nicht beseitigt, sondern lediglich abfedert.

Die Konsolidierung in Zahlen

Eine Branche, die strukturell nur knapp über der Rentabilitätsschwelle operiert, bei der ein verregnetes Wochenende oder ein abgesagter Headliner über Gewinn und Verlust des Jahres entscheidet, produziert von selbst einen Bedarf an Kapitalpuffer, Skaleneffekten und Portfoliodiversifikation. Die von Live DMA und dem Reset!-Netzwerk im Februar 2026 veröffentlichte Kartierung (Recherche: Matthieu Barreira) macht die Größenordnung dieser Konsolidierung auf europäischer Ebene greifbar: Zwischen 2022 und 2025 wuchs die Zahl der kartierten Festivals unter den vier dominanten Gruppen von 170 auf über 200 – ein Zuwachs von gut 22 Prozent. Dabei entwickelten sich die vier Akteure unterschiedlich: Live Nation von 74 auf 78 Festivals, CTS Eventim von 42 auf 51, AEG von 5 auf 10 – der mit Abstand größte Sprung entfällt jedoch auf KKR/Superstruct, von 34 auf 63. Genau dort, wo Private Equity und nicht ein branchennaher Konzern der Käufer ist, fällt die Konsolidierung am …