Der Bundesbank-Monatsbericht Juli 2026 liefert eine präzise bezifferte Antwort: Preisliche Wettbewerbsfähigkeit erklärt höchstens ein Viertel der jüngsten deutschen Exportschwäche. Der Rest bleibt eine unbenannte Restgröße – und genau hier zeigt sich eine tiefere Leerstelle: Weder die Panelmethodik der Bundesbank noch die makroökonomische Forschungspraxis in Deutschland insgesamt verfügen über ein Instrumentarium, um Cluster, Sektoreigenheiten oder die Architekturmacht der Leitbranchen Automobil, Maschinenbau und Chemie überhaupt als eigenständige Erklärungsebene zu fassen.


Der Befund in Kürze

Was heißt „real effektiv“?

Der Begriff der realen effektiven Aufwertung, an dem die gesamte Analyse hängt, ist breiter gefasst, als er auf den ersten Blick klingt – und meint nicht in erster Linie eine Euro-Aufwertung. „Effektiv“ heißt, dass nicht der Kurs gegenüber einer einzelnen Währung betrachtet wird, sondern ein handelsgewichteter Durchschnitt gegenüber allen relevanten Handelspartnern. „Real“ heißt, dass der Wechselkurs um Preis- bzw. Kostenunterschiede zwischen den Ländern bereinigt wird.

Eine reale effektive Aufwertung kann deshalb auf zwei ganz unterschiedlichen Wegen zustande kommen: erstens über den nominalen Kanal, wenn der Euro gegenüber den Partnerwährungen tatsächlich aufwertet – der klassische Währungseffekt. Zweitens aber auch über den Preis- bzw. Kostenkanal, ganz ohne dass sich am Euro-Kurs etwas ändert: Steigen die deutschen Preise oder Lohnstückkosten schneller als die der Handelspartner, werden deutsche Güter relativ teurer, und die preisliche Wettbewerbsfähigkeit verschlechtert sich rein kostenseitig.

Das erklärt, warum die Bundesbank im Aufsatz mehrere REER-Varianten parallel verwendet – auf Basis von Verbraucherpreisen, dem Gesamtabsatz-Deflator und Lohnstückkosten. Ausgerechnet der lohnstückkostenbasierte Indikator, der im Aufsatz den stärksten Erklärungsbeitrag liefert, hat mit dem Euro-Kurs praktisch nichts zu tun – er misst, dass deutsche Lohnstückkosten relativ zu den Wettbewerbern zugelegt haben, unabhängig vom nominalen Wechselkurs. Der PACE-Indikator geht noch weiter und bereinigt zusätzlich um Produktivitätsunterschiede: Eine reale Aufwertung im PACE-Sinn liegt vor, wenn das relative Preisniveau höher ausfällt, als es die relative Produktivität rechtfertigen würde.

Für die Einordnung der gesamten Analyse ist das nicht nebensächlich: „Preisliche Wettbewerbsfähigkeit“ ist in diesem Aufsatz überwiegend eine Kostenwettbewerbsfähigkeits-Frage (Löhne, Energiepreise, Produktivität), keine primär währungspolitische. Das verstärkt die weiter unten skizzierte Verschiebungslogik zusätzlich: Indem der Erklärungsanteil ausgerechnet bei den kostenseitigen, nicht bei den wechselkursseitigen Indikatoren am größten ausfällt, rückt die Verantwortung tendenziell von der Geldpolitik (die den Euro-Kurs beeinflusst) weg und hin zu Lohn-, Energiepreis- und Standortfaktoren – also erneut in Richtung derselben Fiskal- und Ordnungspolitik-Zuständigkeit, die auch die Struktur-These adressiert.

Die Methodik

Mittels Panelregression über mehr als 50 Länder seit 1980 schätzt die Bundesbank, wie stark reales Exportwachstum auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit reagiert – gemessen an vier Indikatoren, darunter der bankeigene, produktivitätsbereinigte PACE-Indikator. Der Zusammenhang ist statistisch robust: Eine reale effektive Aufwertung um 1 % dämpft das kumulierte Exportwachstum um 0,2 bis 0,4 Prozentpunkte, wobei diese Reaktionskoeffizienten aus dem gesamten Länderpanel geschätzt und anschließend als „durchschnittliche“ Exportreaktion auf Deutschland übertragen werden.

Um diesen Zusammenhang für Deutschland konkret nutzbar zu machen, konstruiert die Bundesbank ein Gegenfaktisches: Wie hätten sich die deutschen Exporte seit 2022 entwickelt, wenn sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit ab diesem Zeitpunkt nicht weiter verschlechtert hätte – bei ansonsten unveränderten Rahmenbedingungen, insbesondere gleicher Auslandsnachfrage? Als Referenzgröße dient der Vor-Corona-Trend: Zwischen 2015 und 2019 wuchsen die realen deutschen Exporte im Schnitt um 2,6 % pro Jahr; zwischen 2022 und 2025 schrumpften sie dagegen um durchschnittlich 1,3 % pro Jahr. Die Lücke zwischen beiden Werten – knapp 4 Prozentpunkte jährliches Wachstum – ist die zu erklärende Exportschwäche.

Von dieser 4-Prozentpunkte-Lücke schreibt die Analyse der verschlechterten preislichen Wettbewerbsfähigkeit, je nach zugrunde gelegtem Indikator, einen Erklärungsbeitrag von 6 % bis 24 % zu; am stärksten schlägt der auf Lohnstückkosten basierende reale effektive Wechselkurs zu Buche, am schwächsten das verbraucherpreisbasierte Maß. Höchstens ein Viertel der Lücke – rund 1 Prozentpunkt der jährlichen Wachstumsdifferenz – lässt sich damit preislich erklären. Die schwächere Nachfrage der Handelspartner, separat aus demselben Modell isoliert, erklärt im günstigsten Fall weitere 0,9 Prozentpunkte, also noch einmal rund ein Viertel. Beide Faktoren zusammengenommen – im jeweils günstigsten Fall addiert – erklären damit etwa die Hälfte der rund 4 Prozentpunkte Wachstumsdifferenz. Die andere Hälfte bleibt arithmetisch übrig. Diese Restgröße füllt der Aufsatz mit dem, was er „strukturelle Faktoren“ nennt: sektorale Kostenbelastungen, die Produktzusammensetzung der deutschen Exporte, heimische Standortbedingungen.

Das Problem: Struktur als Residuum, nicht als Messgröße

Genau hier beginnt die eigentlich interessante Frage, und sie ist keine ökonometrische, sondern eine erkenntnistheoretische. „Struktur“ wird in diesem Aufsatz nicht unabhängig gemessen, operationalisiert oder getestet. Sie erscheint ausschließlich als das, was übrig bleibt, nachdem zwei quantifizierbare Faktoren – Preise, Nachfrage – ihren Anteil abgezogen haben. Man weiß am Ende des Aufsatzes, was Struktur nicht ist (nicht primär Preis, nicht primär Nachfrage). Man weiß nicht mehr darüber, was sie ist, wie sie wirkt oder wie groß ihr Beitrag tatsächlich ist – die Bundesbank selbst schreibt lediglich, diese Faktoren „dürften“ eine Rolle gespielt haben.

Das ist an sich redliche Wissenschaft – eine Dekompositionsrechnung, die ihre eigenen Grenzen offenlegt. Problematisch wird es erst durch das, was mit dieser Restgröße im Fazit geschieht: Sie wird nahtlos in eine seit Jahrzehnten zirkulierende wirtschaftspolitische Diagnose übersetzt – Investitionsbedingungen, Bürokratieabbau, Digitalisierung, Innovationsfähigkeit. Diese Diagnose ist nicht neu. Sie ist im Kern die „Standort Deutschland“-Debatte der 1990er Jahre, in praktisch unveränderter Form seither im Umlauf. Was sich geändert hat, ist nicht die These, sondern ihre Verpackung: eine Panelregression über 57 Länder und vier Jahrzehnte verleiht ihr den Anschein neuer empirischer Fundierung, obwohl die Regression selbst über die inhaltliche Substanz der Struktur-These nichts aussagt – sie zeigt nur, dass die Struktur-These nicht durch Preis und Nachfrage widerlegt wird.

Warum die Restgröße spezifisch deutsch ist: die Leitbranchen-Hypothese

Rein modelltechnisch ist das Residuum nicht spezifisch deutsch – die Panelregression unterstellt für alle über 50 Länder einheitliche Preiselastizitäten, jedes Land im Datensatz hätte grundsätzlich eine vergleichbare Restgröße. Spezifisch deutsch ist aber der Inhalt, den diese Restgröße im deutschen Fall annimmt. Der Aufsatz liefert dafür bereits zwei Ansatzpunkte, ohne sie zu einem Erklärungsmodell zusammenzuführen: die besondere Kostenbelastung energieintensiver Branchen durch den international überdurchschnittlichen Energiepreisanstieg, und die Spezialisierung der deutschen Exportwirtschaft auf Gütergruppen mit schwacher Weltnachfrage. Beides bleibt unverbunden nebeneinander stehen.

Führt man diese Fäden zusammen, ergibt sich ein plausiblerer Kandidat als die generische Standort-These: die Erosion der Architekturmacht der deutschen Leitbranchen – Automobil, Maschinenbau, Chemie. Diese Branchen definieren traditionell nicht nur ihre eigene Wertschöpfung, sondern die Standards, Schnittstellen und den Marktzugang für den daran hängenden, stark exportorientierten Mittelstand. Was in den Hidden-Champion- und Wandlungskraft-Essays bereits herausgearbeitet wurde, gilt hier ebenso: Die vielbeschworene Resilienz vieler Hidden Champions war größtenteils geliehene Stabilität aus der Architekturmacht der Leitbranchen, nicht eigenständig erarbeitete Wettbewerbsfähigkeit. Erodiert diese Architekturmacht – wie in den Essays zu VW/Cariad, zur Verschiebung der Werkzeugmaschinen-Exportführerschaft nach China (Leibinger/Cincinnati-Milacron-Vergleich) oder zum Automobilzuliefererstress bei Bosch/Continental/Schaeffler beschrieben –, dann pflanzt sich dieser Effekt über die Zulieferverflechtung in die Breite der Exportwirtschaft fort.

Das würde erklären, warum Deutschland hier anders betroffen ist als vergleichbare Industrieländer, obwohl das Panel für alle Länder dieselben Preiselastizitäten unterstellt: Kein anderes großes europäisches Industrieland hat eine so hohe Konzentration seiner Exportbasis auf wenige, eng mit dem Mittelstand verzahnte Leitbranchen. Ein Land mit diversifizierterer Branchenstruktur hätte bei vergleichbarer Preisentwicklung vermutlich ein kleineres Residuum – nicht weil die Bundesbank-Koeffizienten falsch wären, sondern weil der Übertragungskanal vom Leitbranchen-Schock in die Breite der Exportwirtschaft in Deutschland strukturell stärker ausgeprägt ist als anderswo.

Diese Lesart bleibt allerdings selbst im hier verwendeten Maßstab vorläufig korroboriert, nicht mehr: Sie stützt sich auf die Konsistenz mit mehreren unabhängigen Fallanalysen (Automobilzulieferer, Werkzeugmaschinenbau, Hidden-Champion-Erosion), nicht auf einen direkten Test im Bundesbank-Modell selbst – dieses misst weder Architekturmacht noch Zulieferverflechtung, sondern lässt nur Raum für sie.

Warum das Modell dafür blind sein muss

Dass die Leitbranchen-Hypothese im Bundesbank-Modell nur als unaufgelöste Restgröße erscheinen kann, ist keine Nachlässigkeit der Autoren, sondern eine Konsequenz des gewählten Instrumentariums selbst. Die Bundesbank benennt die Einschränkung im methodischen Exkurs offen: Die Schätzung unterstellt für alle Länder einheitliche Preiselastizitäten, obwohl sich Länder etwa hinsichtlich Exportstruktur, Importabhängigkeit und sektoraler Spezialisierung unterscheiden. Diese Vereinheitlichung ist keine beiläufige Vereinfachung, sondern die Grundvoraussetzung der gewählten Panelmethodik: Nur wenn Länder als im Kern austauschbare Einheiten behandelt werden, die sich lediglich in Niveaus, nicht aber in Struktur unterscheiden, lässt sich aus fixen Länder- und Jahreseffekten überhaupt ein durchschnittlicher, verallgemeinerbarer Koeffizient schätzen.

Für Cluster, sektorale Eigenheiten oder Pfadabhängigkeiten – Kategorien, wie sie die Wirtschaftsgeographie (Porter) oder die evolutorische Ökonomik (Pfadabhängigkeitsforschung nach David/Arthur) als eigenständige Erklärungsebene behandeln würden – gibt es in diesem Instrumentarium schlicht keinen Platz. Sie können nur als nicht weiter aufgelöste Restgröße auftauchen, weil das Modell selbst keine Kategorie dafür vorsieht. Das ist kein singuläres Versäumnis dieses Aufsatzes: Es betrifft die makroökonomische, geldpolitisch orientierte Forschungspraxis in Deutschland insgesamt – Bundesbank, Sachverständigenrat, die großen Wirtschaftsforschungsinstitute – in der Cluster- und Pfadabhängigkeitsperspektiven strukturell nicht verankert sind. Eine solche Perspektive existiert in der deutschen Ökonomik durchaus, in der Wirtschaftsgeographie und der Cluster- und Regionalförderungspolitik, sitzt dort aber institutionell getrennt von der Forschung, die gesamtwirtschaftliche und geldpolitische Diagnosen liefert.

Das erklärt auch eine Beobachtung, die der Aufsatz selbst nahelegt, aber nicht einordnet: Er verweist auf frühere Bundesbank-Analysen zu sektoralen Marktanteilsverlusten – doch diese bleiben ergänzendes Begleitmaterial, statt zu einer systematischen Cluster- oder Sektorkategorie im Hauptmodell zu verdichten. Die Trennung zwischen gesamtwirtschaftlicher Hauptanalyse und sektoraler Zusatzbeobachtung ist damit selbst ein Symptom des zugrunde liegenden methodischen Instrumentariums, nicht nur eine redaktionelle Entscheidung dieses einen Aufsatzes.

Eine PR-Schere im Kleinen methodisch leistet (eine Dekomposition mit erheblicher Restunsicherheit, ehrlich als solche benannt), und dem, was das Fazit daraus macht (eine bestätigte Diagnose struktureller Standortschwäche mit klarer wirtschaftspolitischer Handlungsempfehlung), liegt eine bemerkenswerte Lücke. Der Aufsatz selbst ist in seiner Sprache vorsichtig – „dürften eine Rolle gespielt haben“, „deuten darauf hin“. Aber die Bewegung vom Befund zur Empfehlung überspringt genau die Stelle, an der die eigentliche Erklärungsarbeit hätte stattfinden müssen. Man hat nicht gezeigt, dass Bürokratie und Investitionsbedingungen die Exportschwäche erklären – man hat gezeigt, dass etwas anderes als Preis und Nachfrage sie erklären muss, und dann eine bereits vorhandene Kandidatenliste eingesetzt.

Timing als Indiz

Bemerkenswert ist der Kontext: Im selben Monatsbericht erscheint ein Aufsatz zu Ursache und Wirkung steigender Bürokratielasten im deutschen Unternehmenssektor. Zwei Aufsätze, die sich wechselseitig stützen – der eine entlastet die Kostenfaktoren (Löhne, Energiepreise, mithin auch Faktoren mit geldpolitischem Bezug), der andere liefert die Ersatzerklärung gleich mit. Das lässt sich als institutionell kohärente Erzählstrategie lesen: Verantwortung wird von Faktoren, die in die Nähe der eigenen Politik oder der Tarifpolitik rücken, hin zu Faktoren verschoben, die in der Zuständigkeit von Fiskal- und Ordnungspolitik liegen. Ob das intendiert ist oder schlicht der thematischen Aktualität geschuldet, lässt sich aus einem einzelnen Bericht nicht entscheiden – die Beobachtung bleibt vorläufig korroboriert, nicht mehr.

Fazit

Die Bundesbank-Analyse ist methodisch solide und in ihrer zentralen Zahl – maximal ein Viertel Erklärungsbeitrag der Preise – eine nützliche Korrektur an vereinfachenden Kostenwettbewerbsfähigkeits-Narrativen. Ihr Schwachpunkt liegt nicht in der Regression, sondern im Übergang vom Residuum zur Diagnose: Eine seit Jahrzehnten unveränderte Struktur-These wird nicht neu belegt, sondern lediglich durch Ausschlussverfahren freigehalten – und mit dem Gewicht einer Bundesbank-Modellierung neu verpackt in Umlauf gebracht.

Ralf Keuper


Quellen