Europa setzt erneut auf Open Source als Instrument digitaler Souveränität. Doch die eigentliche Frage wird nicht gestellt: Wenn quelloffene Software der Schlüssel zu digitaler Wettbewerbsfähigkeit wäre – warum hat sie Europa in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht längst zurück ins Spiel gebracht?
Das Versprechen der Verfügbarkeit
Die Europäische Kommission startet eine neue Konsultation zur Stärkung des Open-Source-Sektors. Open Source als öffentliches Gut, als Alternative zu proprietären Lösungen, als Instrument der Unabhängigkeit von US-Tech-Riesen. Die Formulierungen variieren, die Grundannahme bleibt konstant: Die Verfügbarkeit quelloffener Software wird als strategischer Vorteil präsentiert, der Europas digitale Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen könne.
Diese Annahme beruht auf einer bemerkenswerten historischen Amnesie. Open Source ist keine neue Entwicklung, kein unverhofftes Geschenk, das Europa plötzlich strategische Optionen eröffnet. Linux wurde 1991 veröffentlicht, die Free Software Foundation bereits 1985 gegründet. Apache dominiert seit den späten 1990er Jahren den Webserver-Markt. Die größten Open-Source-Projekte der digitalen Ära – von MySQL über PostgreSQL bis zu Kubernetes und TensorFlow – stehen seit Jahren oder Jahrzehnten zur Verfügung. Europa hatte unbeschränkten Zugang zu diesen Technologien. Es hatte die gleichen Ausgangsbedingungen wie amerikanische oder chinesische Akteure.
Die Frage ist nicht, warum Europa jetzt auf Open Source setzen sollte. Die Frage ist: Warum hat Open Source Europa in den vergangenen dreißig Jahren nicht zu digitaler Dominanz verholfen?
Die falsche Dichotomie
August-Wilhelm Scheer, Informatikprofessor und Gründer mehrerer Softwareunternehmen, formuliert in einem Interview mit Econlittera das Problem mit der Klarheit des Praktikers: „Der Erfolg von Software oder Softwareprojekten wird nicht dadurch garantiert, dass man auf Open Source – oder Closed Source – Software setzt. Das ist nicht der springende Punkt. Sondern die Kriterien für erfolgreiche Software sind ihre Eigenschaften wie die Qualität, die Skalierbarkeit, eine gute Entwicklungsstrategie und die Stabilität.“
Diese Beobachtung trifft den Kern der europäischen Fehldiagnose. Die EU behandelt die Wahl zwischen Open Source und proprietärer Software als strategische Entscheidung von fundamentaler Bedeutung. Scheer zeigt: Es ist eine technische Entscheidung, die von Kontextfaktoren abhängt. Qualität, Skalierbarkeit, Entwicklungsstrategie, Stabilität – das sind die Variablen, die über Erfolg entscheiden. Die Lizenzform ist bestenfalls sekundär.„Von vielen Unternehmen, die zunächst hauptsächlich auf Open Source gesetzt haben, sind viele wieder zurück gekommen, weil sie gemerkt haben, dass die Entwicklungsstrategie bei Open Source sehr schwierig und nicht transparent ist“, ergänzt Scheer. Die Praxis widerlegt die Ideologie. Open Source ist kein Selbstläufer, keine automatische Lösung. Es ist ein Organisationsmodell mit spezifischen Vor- und Nachteilen, die je nach Kontext unterschiedlich wirken.
Europas Technologiepolitik betreibt das, was Scheer „ideologische Kämpfe“ nennt. Statt pragmatisch zu fragen, welche Lösungen in welchen Kontexten funktionieren, wird Open Source zum Prinzip erhoben. Das ist nicht Technologiepolitik, sondern Glaubenssatz.
Die Verwechslung von Zugang und Fähigkeit
Open Source bedeutet die Verfügbarkeit von Quellcode. Es bedeutet nicht die Fähigkeit, diesen Code in funktionierende Geschäftsmodelle, skalierbare Plattformen oder dominante Ökosysteme zu transformieren. Die Geschichte der digitalen Ökonomie ist voll von Beispielen, die diese Unterscheidung illustrieren.
Linux dominiert die Server-Infrastruktur der Welt – kontrolliert wird diese Dominanz von amerikanischen Hyperscalern wie Amazon, Google und Microsoft, die Linux als Grundlage ihrer Cloud-Dienste nutzen. Android basiert auf Open Source – Google kontrolliert das Ökosystem durch Dienste, Zertifizierung und Marktmacht. Kubernetes ist Open Source und wurde zum Standard für Container-Orchestrierung – entwickelt wurde es von Google, dominiert wird der Markt von amerikanischen Cloud-Anbietern.
Das Muster ist eindeutig: Open Source ist kein Wettbewerbsvorteil per se, sondern ein Rohstoff, den derjenige am effektivsten nutzt, der über die Fähigkeit zur Skalierung, Kommerzialisierung und Ökosystembildung verfügt. Europa fehlt nicht der Zugang zu Technologie – es fehlt die institutionelle und ökonomische Infrastruktur, diese Technologie in Marktmacht zu übersetzen.
Die strukturellen Defizite
Die Dominanz amerikanischer Tech-Konzerne beruht nicht auf proprietärer Software oder technologischem Geheimwissen. Sie beruht auf vier strukturellen Faktoren, die Europa systematisch fehlen:
Erstens: Risikokapital in einer Größenordnung und mit einer Risikobereitschaft, die schnelle Skalierung ermöglicht. Während europäische Investoren Profitabilität und Geschäftsmodellvalidierung fordern, finanzieren amerikanische VCs jahrelanges Wachstum auf Kosten kurzfristiger Gewinne. Amazon brauchte neun Jahre bis zum ersten Quartalsgewinn, Uber noch länger. Diese Geduld ist in Europa institutionell nicht vorhanden.
Zweitens: Ein einheitlicher Binnenmarkt mit 330 Millionen Konsumenten, einer Sprache, homogenen Zahlungssystemen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Europa hat 450 Millionen Einwohner, aber 24 Amtssprachen, unterschiedliche Rechtssysteme, fragmentierte Zahlungsinfrastrukturen und kulturelle Barrieren, die jeden Skalierungsversuch komplizieren.
Drittens: Eine Unternehmenskultur, die Scheitern als Lernprozess akzeptiert statt als persönliches Versagen stigmatisiert. Die Biographie gescheiterter Gründer wird in Silicon Valley als Kompetenznachweis gelesen, in Deutschland als Warnsignal. Diese kulturelle Differenz ist nicht durch Förderprogramme zu überwinden.
Viertens: Die Konzentration von Talent, Kapital und Infrastruktur in wenigen geografischen Clustern, die Netzwerkeffekte erzeugen. Boston, San Francisco, Seattle – nicht durch regionale Strukturpolitik geschaffen, sondern durch die – mehr oder weniger – spontane Agglomeration von Universitäten, Unternehmen und Investoren[1]vgl. dazu: Regional Advantage . Europas Versuch, vergleichbare Cluster durch staatliche Planung zu schaffen, scheitert an der Logik spontaner Ordnung.
Die Genealogie der Fehldiagnose
Die Fixierung auf Open Source ist die neueste Iteration eines wiederkehrenden Musters: Europa identifiziert technologische Artefakte als Ursache amerikanischer Dominanz und versucht, diese Artefakte zu replizieren. In den 2000er Jahren war es die Suchtechnologie – daraus entstand Quaero, ein deutsch-französisches Projekt, das in Bedeutungslosigkeit versank. In den 2010er Jahren waren es Cloud-Infrastrukturen – daraus entstand Gaia-X, ein Konsortium, das nie über Absichtserklärungen hinauskam. Nun ist es Open Source.
Diese Fehldiagnosen haben eine gemeinsame Struktur: Sie verwechseln sichtbare technologische Merkmale mit zugrunde liegenden strukturellen Ursachen. Google dominiert nicht, weil es bessere Suchalgorithmen hat – es dominiert, weil es früher als andere verstand, wie Suchmaschinen zu zweiseitigen Märkten werden, die Werbetreibende und Nutzer zusammenführen. Amazon dominiert nicht, weil es bessere Logistiksoftware hat – es dominiert, weil Jeff Bezos und seine Investoren bereit waren, ein Jahrzehnt lang Verluste zu akzeptieren, um Marktanteile zu gewinnen und Infrastruktur aufzubauen.
Open Source zu fördern, ohne diese strukturellen Bedingungen zu schaffen, ist wie der Versuch, die Autoindustrie durch kostenlose Bereitstellung von Konstruktionsplänen zu beleben. Die Pläne sind nicht das Problem – die Fähigkeit zur Produktion, Distribution und Marktetablierung ist es.
Die Temporalität der Illusion
Die neue Open-Source-Initiative der EU wird bis Februar 2025 konsultiert, die finale Strategie erscheint im ersten Quartal 2026. Bis dahin haben amerikanische und chinesische Tech-Konzerne weitere Iterationen ihrer Plattformen veröffentlicht, neue Märkte erschlossen, ihre Ökosysteme erweitert. Die Zeit politischer Strategieentwicklung ist asynchron zur Zeit digitaler Innovation.
Aber das ist nicht das Kernproblem. Das Kernproblem ist, dass diese Strategien eine Illusion aufrechterhalten: die Illusion, Europa könne durch kluge Technologiepolitik aufholen, ohne die fundamentalen institutionellen und ökonomischen Strukturen zu transformieren, die seine Rückständigkeit bedingen. Open Source wird nicht helfen. Es hat in dreißig Jahren nicht geholfen, weil es nie das Problem war.
Die Alternative zur Selbsttäuschung
Was Europa braucht, ist keine neue Open-Source-Strategie. Es braucht eine ehrliche Analyse seiner strukturellen Defizite und die Bereitschaft, diese anzugehen – was politisch weitaus schwieriger ist als die Ankündigung neuer Förderprogramme.
Es braucht einen echten digitalen Binnenmarkt, nicht nur für Waren, sondern für Dienstleistungen, Zahlungen, Daten. Es braucht Risikokapital, das bereit ist, Verluste über Jahre zu finanzieren. Es braucht eine Insolvenzkultur, die Scheitern nicht stigmatisiert. Es braucht die Konzentration von Ressourcen auf wenige strategische Bereiche statt der Streuung über zahllose Initiativen, Konsortien und Pilotprojekte. Es braucht die Bereitschaft, nationale Souveränität dort aufzugeben, wo sie Innovation verhindert.
Nichts davon wird durch Open-Source-Förderung erreicht. Nichts davon steht auf der Agenda der EU-Konsultation. Stattdessen wird ein weiteres Mal die Illusion bedient, dass technologische Artefakte politische und strukturelle Probleme lösen können.
Die Persistenz des Scheiterns
Die Open-Source-Initiative wird scheitern. Nicht im Sinne kompletter Wirkungslosigkeit – es werden Fördermittel ausgeschüttet, Projekte initiiert, Berichte verfasst. Aber sie wird scheitern in ihrem eigentlichen Versprechen: Europa digitale Souveränität zu verschaffen.
Sie wird scheitern, weil sie das falsche Problem adressiert. Europa fehlt nicht der Zugang zu Technologie. Europa fehlt die Fähigkeit, Technologie in Marktmacht zu transformieren. Diese Fähigkeit lässt sich nicht durch Konsultationen erzeugen, nicht durch Strategiepapiere, nicht durch Förderprogramme. Sie erfordert eine fundamentale Transformation institutioneller Strukturen, ökonomischer Anreizsysteme und kultureller Einstellungen.
Bis diese Transformation stattfindet – und nichts deutet darauf hin, dass sie bevorsteht – bleibt Open Source, was es immer war: ein frei verfügbarer Rohstoff, den andere besser nutzen als Europa. Die neue Initiative ist nicht der Beginn der Lösung, sondern die Fortsetzung des Problems unter neuem Namen.
Quellen
1. European Commission: Call for Evidence on Open-Source Digital Ecosystems (2026)
https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/news/commission-opens-call-evidence-open-source-digital-ecosystems
Offizielle EU-Konsultation zur neuen Open-Source-Strategie. Die Primärquelle dokumentiert die aktuellen Pläne der EU-Kommission zur Stärkung des Open-Source-Sektors und die Zielsetzung, europäische technologische Souveränität durch quelloffene Software zu erreichen.
2. Gaia-X – Chronicle of a Failure Foretold (EuroStack Directory Project, 2025)
https://euro-stack.com/blog/2025/2/gaia-x-failure
Fundamentale Analyse des Scheiterns von Gaia-X als europäisches Cloud-Infrastrukturprojekt. Die Quelle zeigt exemplarisch, wie frühere digitale Souveränitätsinitiativen an strukturellen Defiziten scheiterten – ein Muster, das sich bei der Open-Source-Initiative wiederholen könnte.
3. Interview mit Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer (EconLittera, 2021)
http://econlittera.bankstil.de/es-geht-von-hardware-ueber-die-software-zum-content-interview-mit-prof-dr-august-wilhelm-scheer
Pragmatische Perspektive eines IT-Pioniers und Unternehmers auf Open Source und digitale Souveränität. Scheer warnt vor „ideologischen Kämpfen“ und betont, dass Softwareerfolg nicht von Lizenzmodellen abhängt, sondern von Qualität, Skalierbarkeit und Entwicklungsstrategie.
4. European Ambitions Captured by American Clouds: Digital Sovereignty through Gaia-X? (Taylor & Francis, 2025)
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1369118X.2025.2516545
Wissenschaftliche Analyse des Widerspruchs zwischen digitaler Souveränität als politischem Ziel und der praktischen Einbeziehung der dominierenden US-Hyperscaler in europäische Initiativen. Zeigt die strukturellen Dilemmata europäischer Technologiepolitik.
5. Brussels Plots Open Source Push to Pry Europe off Big Tech (The Register, 2026)
https://www.theregister.com/2026/01/11/eu_open_source_consultation/
Kritische journalistische Einordnung der neuen EU-Initiative. Der Artikel kontextualisiert das Open-Source-Versprechen mit der Realität, dass 70-90% moderner Software bereits Open-Source-Komponenten nutzt – und dennoch amerikanische Tech-Konzerne den Markt dominieren.
Weitere Informationen
Die Atmosphäre der Innovation – Warum Startup-Ökosysteme nicht geplant werden können https://econlittera.bankstil.de/die-atmosphaere-der-innovation-warum-startup-oekosysteme-nicht-geplant-werden-koennen
Heilbronn und die Grenzen der Machbarkeit: Wie der „Mensch-und-KI“-Park zwischen Macht, Symbolik und Realität balanciert https://econlittera.bankstil.de/heilbronn-und-die-grenzen-der-machbarkeit-wie-der-mensch-und-ki-park-zwischen-macht-symbolik-und-realitaet-balanciert
Silicon Valley vs. Route 128: Zwei Entwicklungsmodelle von Technologieregionen https://bankstil.de/silicon-valley-vs-route-128-zwei-entwicklungsmodelle-von-technologieregionen/
Pioniere des Risikokapitals: Georges Doriot und die American Research and Development Corporation https://bankstil.de/pioniere-des-risikokapitals-georges-doriot-und-die-american-research-and-development-corporation/
References
| ↑1 | vgl. dazu: Regional Advantage |
|---|

