Eine unerwartete Verbindung
1975 veröffentlichte Frederick Brooks „The Mythical Man-Month“ – eine Analyse gescheiterter Softwareprojekte, die zum Klassiker wurde. Fünfzig Jahre später zeigt der Schöpfer von Claude Code, wie er mit 15 parallelen KI-Instanzen arbeitet. Auf den ersten Blick haben beide nichts miteinander zu tun.
Auf den zweiten Blick zeigt sich: Chernys Workflow ist die erste praktische Umsetzung dessen, was Brooks theoretisch forderte – nur mit Mitteln, die 1975 nicht existierten.
Brooks‘ Problem
Brooks leitete in den 1960er Jahren die Entwicklung des IBM System/360, eines der größten Softwareprojekte seiner Zeit. Aus dieser Erfahrung destillierte er ein Gesetz, das bis heute ignoriert wird:
Brooks‘ Law: Wer einem verspäteten Softwareprojekt mehr Personal hinzufügt, macht es noch später.
Das klingt paradox, aber die Logik ist zwingend. Softwareentwicklung ist keine Weizenernte, bei der doppelt so viele Arbeiter die Arbeit in halber Zeit erledigen. Sie besteht aus Aufgaben, die aufeinander aufbauen. Neue Teammitglieder brauchen Einarbeitung. Der Kommunikationsaufwand wächst nicht linear, sondern kombinatorisch: Bei 20 Beteiligten entstehen 190 bilaterale Beziehungen, die koordiniert werden müssen.
Brooks formulierte es so: Der größte Teil der Kosten entfällt auf Kommunikation und die Korrektur von Missverständnissen.
Brooks‘ Lösung: Das Chirurgenteam
Aus diesem Dilemma entwickelte Brooks ein Organisationsmodell, das er dem Chirurgenteam entlehnte. Die Idee: Statt dass alle gleichberechtigt am Problem arbeiten, übernimmt einer die eigentliche konzeptuelle Arbeit, während die anderen ihn unterstützen und seine Effektivität steigern.
Der „Chirurg“ – ein erfahrener Entwickler – definiert die Spezifikationen, entwirft das System, schreibt den Code, testet und dokumentiert. Um ihn herum arbeiten Spezialisten:
- Der Copilot als Sparringspartner für Designentscheidungen
- Der Toolsmith für die Werkzeuge
- Der Tester als Qualitätssicherer
- Der Editor für die Dokumentation
- Der Program Clerk für die Verwaltung aller Aufzeichnungen
So lassen sich 200 Personen auf ein Problem ansetzen, während nur 20 die konzeptuellen Entscheidungen treffen – die Chirurgen der einzelnen Teams. Die Koordinationskomplexität wird durch zehn geteilt.
Das Modell blieb weitgehend Theorie. In der Praxis scheiterte es an der Verfügbarkeit qualifizierten Unterstützungspersonals und an der Schwierigkeit, die Rollen sauber zu trennen.
Chernys Praxis: Das Modell realisiert
Fünfzig Jahre später beschreibt Boris Cherny seinen Arbeitsalltag: Er betreibt 10 bis 15 parallele KI-Instanzen, die unterschiedliche Aufgaben bearbeiten. Eine schreibt Tests, eine andere überarbeitet Code, eine dritte erstellt Dokumentation. Spezialisierte Sub-Agenten übernehmen Qualitätsprüfung, Architekturberatung, Vereinfachung.
Das ist Brooks‘ Chirurgenteam – nur dass die Unterstützungsrollen von KI-Instanzen ausgefüllt werden.
- Der Mensch als Chirurg: Cherny trifft die konzeptuellen Entscheidungen. Er definiert die Ziele, bewertet die Pläne, gibt die Richtung vor. Die KI-Instanzen implementieren – aber innerhalb seines Rahmens.
- KI als Copilot: Im Plan-Modus fungiert die KI als Sparringspartner. Cherny iteriert mit ihr, bis der Plan stimmt. Genau die Funktion, die Brooks dem Copiloten zuschrieb: Gesprächspartner und Bewerter von Designideen.
- KI als Toolsmith, Tester, Editor: Die spezialisierten Sub-Agenten entsprechen den Unterstützungsrollen des Chirurgenteams. Sie steigern die Effektivität des Chirurgen, ohne selbst konzeptuelle Entscheidungen zu treffen.
Warum das funktioniert: Brooks‘ Law umgangen
Das entscheidende Detail: KI-Instanzen erzeugen nicht die kombinatorische Explosion der Kommunikation, die Brooks beschrieb.
Ein menschliches Team von 15 Personen erzeugt 105 bilaterale Beziehungen. Jedes neue Mitglied muss eingearbeitet werden, jeder muss mit jedem koordinieren. Ein Mensch mit 15 KI-Instanzen hat dagegen eine Stern-Topologie: Er ist der zentrale Knoten, alle Kommunikation läuft durch ihn.
Die KI-Instanzen brauchen keine Einarbeitung im menschlichen Sinn. Sie haben kein Ego, das befriedigt werden will. Sie konkurrieren nicht um Anerkennung. Sie suboptimieren nicht für eigene Ziele.
Brooks warnte vor einem typischen Verfallsmuster: Teammitglieder sehen sich als Teilnehmer eines Wettbewerbs, die Punkte sammeln, statt als Erbauer eines gemeinsamen Produkts. Jeder optimiert für seine eigenen Ziele; wenige denken über die Gesamtwirkung nach.
KI-Instanzen haben dieses Problem nicht. Sie haben keine eigenen Ziele.
Die CLAUDE.md als Architekturdokument
Brooks unterschied strikt zwischen Architektur und Implementation. Die Architektur definiert, was das System tut – die Philosophie, die Prinzipien, die Benutzerschnittstelle. Die Implementation beschreibt, wie das erreicht wird.
Konzeptuelle Integrität, so Brooks, ist die wichtigste Erwägung im Systemdesign. Es ist besser, ein System zu haben, das bestimmte Features auslässt, aber einen kohärenten Satz von Designideen reflektiert, als eines, das viele gute, aber unkoordinierte Ideen enthält.
Chernys CLAUDE.md ist genau ein solches Architekturdokument. Sie kodifiziert:
- Die Philosophie des Projekts
- Die Regeln, die eingehalten werden müssen
- Die Fehler, die nicht wiederholt werden sollen
- Die konzeptuelle Einheit, innerhalb derer die Implementation stattfindet
Jede KI-Instanz arbeitet innerhalb dieses Rahmens. Die konzeptuelle Integrität wird durch das Dokument gesichert, nicht durch ständige menschliche Aufsicht jedes einzelnen Schritts.
Warum autonome Agenten scheitern
Diese Analyse erklärt auch, warum vollautonome KI-Agenten regelmäßig versagen. Sie verletzen Brooks‘ Prinzip der konzeptuellen Integrität.
Ein Agent ohne menschlichen Architekten hat niemanden, der die Philosophie definiert, die Richtung vorgibt, die Kohärenz sichert. Er produziert, was Brooks ein System aus vielen guten, aber unabhängigen und unkoordinierten Ideen nannte.
Multi-Agenten-Systeme ohne zentrale menschliche Kontrolle reproduzieren genau das Problem, das Brooks beschrieb: kombinatorische Kommunikationskomplexität ohne konzeptuelle Führung. Sie scheitern aus denselben Gründen, aus denen große, unstrukturierte menschliche Teams scheitern.
Der Erfolg liegt nicht in der Autonomie, sondern in der Orchestrierung. Nicht in der Ersetzung des Menschen, sondern in der Verstärkung seiner Effektivität.
Die Pointe
KI-Agenten ermöglichen erstmals die praktische Umsetzung eines Organisationsmodells, das theoretisch seit 1975 bekannt ist. Was am Mangel qualifizierten Unterstützungspersonals scheiterte, wird durch KI realisierbar.
Aber – und das ist der entscheidende Punkt – nur unter einer Bedingung: Der Mensch bleibt der Chirurg. Er definiert die Architektur, sichert die konzeptuelle Integrität, trifft die Entscheidungen, die nicht delegiert werden können.
Wer KI-Agenten als Ersatz für menschliche Architekten einsetzt, wiederholt den Fehler, den Brooks vor fünfzig Jahren beschrieb. Wer sie als Verstärkung einsetzt – als Chirurgenteam aus der Maschine –, kann Produktivitätsgewinne realisieren, die bisher nicht möglich waren.
Die Technologie ist neu. Die Organisationslogik ist alt. Der Erfolg hängt davon ab, ob man die alte Logik versteht.
Quellen
Frederick P. Brooks Jr.: „The Mythical Man-Month: Essays on Software Engineering“ (1975, Jubiläumsausgabe 1995)
Boris Cherny: X/Twitter-Thread zum Claude Code Workflow (2. Januar 2026)
https://twitter-thread.com/t/2007179832300581177
VentureBeat: „The creator of Claude Code just revealed his workflow“ (6. Januar 2026)
https://venturebeat.com/technology/the-creator-of-claude-code-just-revealed-his-workflow-and-developers-are
Auf Econlittera
Warum mehr Personal verspätete Projekte weiter verzögert

