Ein Bericht des Stanford-Ökonomen Neale Mahoney und des Ökonomen Chad Maisel vom Groundwork Collaborative schätzt die jährlichen Kosten alltäglicher Frustrationen für US-Haushalte auf mindestens 165 Milliarden US-Dollar – rund 650 Dollar pro Haushalt. Darunter fallen sogenannte Junk Fees (ca. 90 Mrd. USD), Zeitverluste durch Robocalls (8 Mrd. USD) und der bürokratische Overhead im Gesundheitswesen (21,6 Mrd. USD). Der Begriff „Annoyance Economy“ benennt damit eine Struktur, die jenseits individueller Unternehmensstrategie liegt: Es handelt sich um ein systemisches Phänomen, bei dem absichtlich erzeugte Transaktionsreibung zur Einnahmequelle wird.


Quellenprüfung

Bevor analytische Schlüsse gezogen werden, verdient die Studie selbst kritische Betrachtung. Das Groundwork Collaborative ist eine progressive Policy-Organisation mit erklärtem regulatorischen Anliegen – das beeinflusst die Rahmung, nicht notwendigerweise die Methodik, aber es ist zu notieren. Die Quantifizierung von Zeitverlusten als monetäre Größe folgt Opportunitätskostenlogik: Jede als „verlorene Zeit“ klassifizierte Minute wird mit einem Lohnsatz multipliziert. Dieses Vorgehen ist in der Wohlfahrtsökonomie etabliert, aber nicht unumstritten – es setzt voraus, dass die verlorene Zeit alternativer produktiver Nutzung zugängig wäre, was empirisch nicht in jedem Fall gilt. Die kritische Einschätzung, die Schätzung sei übertrieben, ist daher methodisch nachvollziehbar, auch wenn sie politisch instrumentalisiert werden kann. Mit dieser Einschränkung bleibt die Größenordnung plausibel genug, um ernst genommen zu werden.

Reibung als strategisches Design

Der analytisch interessantere Befund liegt nicht in der Gesamtsumme, sondern in der strukturellen Logik dahinter. Unternehmen schaffen bewusst Reibung – schwer auffindbare Kündigungsoptionen, verschachtelte Opt-out-Verfahren, automatische Verlängerungsklauseln –, weil diese Reibung Einnahmen sichert, die bei friktionsloser Transparenz nicht entstehen würden. Empirische Belege dafür sind eindeutig: Studien zeigen, dass Kündigunsbarrieren die Umsätze einzelner Abonnementprodukte um mehr als 200 Prozent erhöhen können. Diese Zahl ist für sich genommen ein Beweis, dass der Wert nicht durch das Produkt, sondern durch die Austrittskosten generiert wird – eine klassische Lock-in-Struktur im Sinne von Shapiro und Varian, jedoch im Alltags- und Kleinstvertragsbereich.

Was die Annoyance Economy von herkömmlichen Lock-in-Modellen unterscheidet, ist die Skalierung auf Massenphänomene mit geringem Einzelschadensvolumen. Der individuelle Schaden pro Haushalt bleibt unter der Schwelle bewusster Gegenwehr, die Aggregatgröße auf Systemebene aber ist erheblich. Dies ist kein Zufall, sondern Kalkül: Regulatorische und individuelle Reaktionsschwellen werden systematisch unterschritten. Man könnte hier von einer institutionalisierten Aufmerksamkeitsarbitrage sprechen – Unternehmen nutzen die begrenzte kognitive Kapazität von Konsumenten als dauerhafte Einnahmequelle.

Die Kostentabelle im Überblick

Kategorie Jährliche Kosten (USD)
Junk Fees ca. 90 Mrd.
Telefonscams ca. 25,4 Mrd.
Gesundheitsadministration ca. 21,6 Mrd.
Robocalls ca. 8 Mrd.
Gesamt (Schätzung) ≥ 165 Mrd.

Quelle: Mahoney/Maisel, Groundwork Collaborative (2026)

Parallelen im deutschen Kontext

Die Übertragbarkeit auf den deutschen Markt ist strukturell gegeben, wenn auch institutionell anders eingebettet. DSGVO-Verstöße durch Dark Patterns bei Cookie-Einwilligungen, systemisch schwer kündbare Abonnements im Streaming- und Telekommunikationsbereich sowie überkomplexe Krankenkassenformulare folgen derselben Logik: Reibung als Einnahme. Der Unterschied liegt im regulatorischen Rahmen. Die EU hat mit der Omnibus-Richtlinie und der sich entwickelnden Junk-Fee-Gesetzgebung erste Instrumente gesetzt. Deren praktische Durchsetzung bleibt jedoch hinter dem Regulierungsanspruch zurück – auch dies ist ein bekanntes Muster: Normsetzung und Normvollzug klaffen auseinander, was Luhmann als strukturelles Problem der Rechtsdurchsetzung in ausdifferenzierten Gesellschaften beschrieben hätte.

Besonders im deutschen Gesundheits- und Sozialversicherungssystem zeigt sich eine administrative Reibungsstruktur, die nicht primär durch Gewinnkalkül, sondern durch institutionelle Trägheit und Formalisierungspathologien erzeugt wird. Hier ist die Annoyance Economy keine Unternehmensstrategielage, sondern ein Systemdefizit – was ihre Reform noch schwerer macht, da kein identifizierbarer Akteur von ihrer Abschaffung profitiert.

Theoretische Einordnung

Kahneman und Tversky haben gezeigt, dass Menschen Verluste stärker gewichten als gleichwertige Gewinne – und genau diese Asymmetrie macht Reibungskosten politisch so schwer mobilisierbar. Der individuelle Schaden ist zu diffus, zu regelmäßig und zu klein, um kollektive Gegenmacht zu erzeugen. Aus Public-Choice-Perspektive erklärt dies die regulatorische Lücke: Regulierungsadressaten (Unternehmen) haben konzentrierte Interessen und Ressourcen für Lobbying, Regulierungsbetroffene (Haushalte) haben diffuse Interessen und geringe Organisationskapazität.

Hinzu kommt ein medienstrukturelles Problem: Weil der Einzelfall nicht nachrichtenwürdig ist, fehlt die diskursive Druckfläche für politische Reaktion. Die Annoyance Economy profitiert damit von demselben Mechanismus wie die Finanzmarktrisikoakkumulation vor 2008 – systemische Risiken, die in aggregierten Zahlen sichtbar sind, bleiben im Alltag unsichtbar, bis ein diskontinuierliches Ereignis die Aufmerksamkeitsstruktur kippt.

Einschränkungen des Begriffs

„Annoyance Economy“ ist als Begriff griffig, aber analytisch nicht trennscharf. Er fasst Phänomene zusammen, die unterschiedliche institutionelle Ursachen und damit unterschiedliche Interventionslogiken erfordern: Marktversagen durch asymmetrische Information (Junk Fees), kriminelle Aktivität (Telefonscams), und institutionelle Pfadabhängigkeit (Gesundheitsadministration). Eine Regulierung, die diese Heterogenität ignoriert und auf einen Einheitsmechanismus setzt, wird partiell wirkungslos bleiben. Die politische Attraktivität des Begriffs liegt in seiner Kommunizierbarkeit; seine analytische Schwäche liegt in der Nivellierung strukturell verschiedener Problemlagen.

Ralf Keuper 


Quellen:

New York Times The ‘Annoyance Economy’ Is More Than Just Annoying https://www.nytimes.com/2026/04/12/business/annoyance-economy-costs.html

The Atlantic / Annie Lowrey (via dnyuz.com, Februar 2026) America’s Annoyance Economy Is Growinghttps://dnyuz.com/2026/02/09/americas-annoyance-economy-is-growing/

The New Republic (Februar 2026) How Companies Profit by Annoying the Hell Out of Youhttps://newrepublic.com/article/206370/annoyance-economy-report-costs-companies-profit

Common Dreams (Februar 2026) Meet the $165 Billion ‚Annoyance Economy‘https://www.commondreams.org/news/junk-fees

Marketplace / NPR (Februar 2026) Annoyances cost Americans $165 billion every year (Audio + Transkript)https://www.marketplace.org/story/2026/02/18/annoyances-cost-americans-165-billion-every-year

Yahoo Finance / AP (März 2026) Tired of hold music? Welcome to the ‚annoyance economy.‘https://ca.finance.yahoo.com/news/tired-hold-music-welcome-annoyance-100449613.html


Theoretische Referenzwerke
  • Shapiro, Carl / Varian, Hal R.: Information Rules. A Strategic Guide to the Network Economy. Harvard Business School Press, Boston 1999.
  • Kahneman, Daniel: Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux, New York 2011.
  • Tversky, Amos / Kahneman, Daniel: „Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk.“ Econometrica, 47(2), 1979, S. 263–291.