Der vollständige Rückzug von Gründer Jonas Andrulis und der Abbau von 15 Prozent der Belegschaft markieren das Ende einer Illusion. Was als souveräne europäische Alternative zu OpenAI begann, endet als Zulieferer eines Handelskonzerns – dessen eigene Plattformambitionen auf wackligen Annahmen ruhen.


Am 13. Januar 2026 informierte Jonas Andrulis die Anteilseigner von Aleph Alpha über seinen vollständigen Rückzug – nicht nur aus der operativen Führung, sondern auch aus dem Beratungsgremium. Parallel bestätigte das Unternehmen den Abbau von rund 50 Stellen, etwa 15 Prozent der Belegschaft. Die neue Doppelspitze aus Reto Spörri und Ilhan Scheer – der eine von der Schwarz-Gruppe, der andere von Accenture – übernimmt ein Unternehmen, das mit seiner ursprünglichen Vision nur noch den Namen teilt.

Die Vermessung der Fallhöhe

Als Andrulis 2019 Aleph Alpha gründete, war die Ambition klar formuliert: Europa in der KI-Entwicklung unabhängig machen, eine deutsche Antwort auf OpenAI schaffen. Die Rhetorik bediente alle Register technologischer Souveränität, die in Berlin und Brüssel gern gehört werden. Die Realität sieht anders aus: Während das französische Mistral inzwischen mit knapp zwölf Milliarden Euro bewertet wird, liegt Aleph Alpha bei etwa einer halben Milliarde. Der Abstand zu OpenAI, gemessen an Bewertung, Rechenkapazität und Marktdurchdringung, ist inkommensurabel.

Diese Diskrepanz zwischen kommunizierter Ambition und operativer Realität lässt sich als PR-Schere beschreiben – ein diagnostisches Werkzeug, das bei deutschen Digitalprojekten verlässlich ausschlägt. Je größer die Kluft zwischen Ankündigung und Substanz, desto wahrscheinlicher der spätere Kollaps. Bei Aleph Alpha war die Schere von Anfang an weit geöffnet.

Das Konsortium frisst seine Kinder

Der eigentliche Wendepunkt kam mit der Großinvestition der Schwarz-Gruppe Ende 2023. Was als Kapitalspritze für europäische KI-Souveränität gefeiert wurde, erwies sich als schrittweise Übernahme. Die Schwarz-Gruppe agiert längst nicht mehr als klassischer Kapitalgeber, sondern nimmt unmittelbaren Einfluss auf Strategie, Geschäftsmodell und Managementbesetzung. Mit Reto Spörri, zuvor Bereichsvorstand bei Schwarz Digits, sitzt nun ein Mann an der Spitze, von dem Insider bezweifeln, ob er sich gegen Konzerninteressen stellen würde.

Das Muster ist bekannt: Deutsche Konsortien und strategische Partnerschaften entwickeln eine Eigendynamik, die ursprüngliche Ziele überlagert. Die Interessen der Teilnehmer divergieren, Governance-Strukturen verkomplizieren Entscheidungen, und am Ende dient das Projekt den Partikularinteressen des stärksten Partners. Bei Aleph Alpha heißt dieser Partner Schwarz Digits – und dessen erklärtes Ziel ist der Aufbau einer Cloud-Infrastruktur, die mit AWS und Azure konkurrieren soll.

Dieser Anspruch wirkt allerdings bereits für sich genommen ein wenig wirklichkeitsfremd. Ein Handelskonzern, dessen Kernkompetenz im Lebensmitteleinzelhandel liegt, will gegen Unternehmen antreten, die seit zwei Jahrzehnten Cloud-Infrastruktur aufbauen, globale Rechenzentren betreiben und Entwickler-Ökosysteme kultivieren. Amazon und Microsoft haben nicht nur technologische Vorsprünge, sondern vor allem Netzwerkeffekte auf ihrer Seite: Millionen von Entwicklern, die ihre Tools beherrschen, Tausende von Partnerunternehmen, die auf ihren Plattformen aufbauen, und eine Integrationstiefe, die sich nicht durch Kapital allein reproduzieren lässt. Hier öffnet sich eine PR-Schere, die jener von Aleph Alpha in nichts nachsteht.

Und genau hier deutet sich eine zweite Ebene des Scheiterns an. Die Schwarz-Gruppe hat Aleph Alpha als differenzierendes Element ihrer Plattformstrategie positioniert: eigene KI-Modelle als Alleinstellungsmerkmal gegenüber den amerikanischen Hyperscalern. Wenn aus dem europäischen KI-Champion nun ein spezialisierter Behördendienstleister wird, der fremde Sprachmodelle integriert, fehlt Schwarz Digits genau jene technologische Substanz, die den Wettbewerb mit AWS und Azure überhaupt erst plausibel machen sollte. Der Handelskonzern hat sich einen KI-Anbieter einverleibt, dessen ursprüngliches Versprechen im Moment der Übernahme bereits erodierte. Was als strategische Investition in technologische Souveränität gedacht war, könnte sich als teurer Umweg erweisen – in einer Gesamtstrategie, die selbst auf fragwürdigen Annahmen ruht.

Der erzwungene Rückzug auf die Nische

Andrulis selbst hat die strategische Kapitulation in Interviews eingeräumt: „Wir können nicht mit OpenAI um die Wette Geld ausgeben. Deswegen rennen wir auch nicht ChatGPT als B2C-Produkt hinterher.“ Die Konsequenz ist eine Spezialisierung auf Behörden und einzelne Industriebereiche – mit der Plattform PhariaAI, die bezeichnenderweise auch fremde Sprachmodelle einbinden kann.

Der Rückzug auf Nischen ist klassisches Symptom gescheiterter Plattformambitionen. Wer die kritische Masse nicht erreicht, wer die Netzwerkeffekte nicht für sich arbeiten lassen kann, dem bleibt nur die Spezialisierung. Das kann ein tragfähiges Geschäftsmodell sein – aber es ist das Gegenteil dessen, was einst versprochen wurde. Die „deutsche Antwort auf OpenAI“ ist zur Softwareschmiede für Verwaltungsdigitalisierung geschrumpft.

Kein Abgesang, aber eine Diagnose

Aleph Alpha ist nicht gescheitert im Sinne einer Insolvenz. Das Unternehmen wird weiterarbeiten, vermutlich profitabel, als spezialisierter Anbieter für den öffentlichen Sektor und als Baustein in der Cloud-Strategie der Schwarz-Gruppe. Aber das ursprüngliche Projekt – europäische KI-Souveränität durch ein unabhängiges deutsches Unternehmen – ist beendet.

Der vollständige Rückzug von Jonas Andrulis, ohne persönliche Stellungnahme, ohne Zitate in der offiziellen Mitteilung, spricht eine deutliche Sprache. Die Formulierung, er werde das Unternehmen „weiterhin aktiv und mit voller Energie unterstützen“, ist die Kommunikation einer Entmachtung, nicht eines geplanten Übergangs.

Was bleibt, ist die Frage, ob deutsche Akteure aus diesem Muster lernen können. Die Antwort erfordert zunächst, das Muster als solches zu erkennen – und nicht jeden neuen Anlauf mit derselben Rhetorik zu begleiten, die schon die vorherigen begleitet hat. Solange die PR-Schere das bevorzugte Instrument deutscher Digitalpolitik bleibt, werden weitere Aleph Alphas folgen.

Ralf Keuper 


Quellen: 

Manager Magazin: Aleph Alpha: Gründer Andrulis zieht sich offenbar aus dem Unternehmen zurück
Link: https://www.manager-magazin.de/unternehmen/tech/aleph-alpha-gruender-andrulis-zieht-sich-offenbar-aus-dem-unternehmen-zurueck-a-…

​WirtschaftsWoche: Einstige KI-Hoffnung: Entlassungswelle bei Aleph Alpha
Link:
https://www.wiwo.de/unternehmen/it/einstige-ki-hoffnung-entlassungswelle-bei-aleph-alpha/100190621.html

Stimme.de: KI-Unternehmen Aleph Alpha baut Stellen ab
Link:
https://www.stimme.de/wirtschaft/baden-wuerttemberg/aleph-alpha-stellen-job-abbau-ki-ai-heidelberg-ipai-art-5130435

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