1880 fragt Emil Rathenau Werner Siemens nach dem elektrischen Licht, und Siemens schickt ihn zu seinem Chefingenieur. Der kennt die Technik, hat selbst eine Lampe gebaut und miterlebt, wie die Gasbranche ein elektrisches Probeprojekt ausstach. Seine Skepsis war keine Unkenntnis, sondern Erfahrung. Der Beitrag überträgt dieses Muster auf das E-Auto: Neueinsteiger wie Tesla und BYD, zurückgenommene Frühwetten bei BMW, Mercedes und Volkswagen und die offene Frage, ob in zehn Jahren deutlich mehr als die Hälfte der Neuwagen elektrisch sein wird.


Im Jahr 1878 sind sich die führenden Ingenieure der Kaiserzeit einig: Elektrizität wird das Gaslicht niemals verdrängen. So schildert es Alexander Bartl in seinem Buch „Der elektrische Traum. Fortschrittsjahre oder eine Gesellschaft unter Strom“ (HarperCollins, Hamburg 2023). Leuchtgas werde unentbehrlich bleiben, meint dort unter anderem Werner Siemens, der Gründer von Siemens & Halske und einer der besten Kenner der Elektrotechnik seiner Zeit. Wie dieses Urteil im Alltag der Firma aussah, schildert Bartl an einer Begegnung mit Emil Rathenau, einem Ingenieur und Unternehmer, der später die AEG gründen sollte. Anlass dieses Beitrags ist die Frage, ob heutige Prognosen zum E-Auto den Wechsel unterschätzen, weil sie den bisherigen Verlauf linear fortschreiben.

Die These dieses Beitrags: Das Urteil der Fachleute am Bestehenden unterschätzt einen Technikwechsel nicht aus Unkenntnis, sondern aus Erfahrung mit dem Gegenangriff der Etablierten. Neueinsteiger setzen den Takt, die Etablierten beteiligen sich, ohne umzubauen, und die eigentliche Verzögerung liegt im Umbau der Organisation. Das lässt sich an der Glühlampe zeigen und in der Autoindustrie wiederfinden. Daraus folgt eine Annahme zum Anteil elektrischer Autos, die vorläufig korroboriert, aber nicht bewiesen ist.

Ein Gespräch in Graubünden

1880 trafen sich Siemens und Rathenau bei einem Urlaub in Graubünden zum Mittagessen. Rathenau beklagte die Rückständigkeit Berlins in der elektrischen Beleuchtung. Siemens verwies auf seinen Chefingenieur Friedrich von Hefner-Alteneck, der bereits eine verfeinerte Lichtbogenlampe entwickelt hatte, und lud Rathenau in die Berliner Firmenzentrale zu einem Gespräch mit ihm ein. Siemens selbst traute dem elektrischen Licht einiges zu, aber längst nicht so viel wie Rathenau. In Vorträgen hatte er die Hoffnungen auf das große Wunder mehrfach gedämpft, sein Engagement galt vor allem dem Elektromotor, die Lampe war für ihn eine Nebensächlichkeit. Beim Chefingenieur weckte sie, so Bartl, nur negative Erinnerungen.

Das Urteil aus Erfahrung

Aufschlussreich ist, woher diese Skepsis kam. Hefner-Alteneck kannte die Technik und hatte selbst eine Lampe gebaut. Er hatte außerdem versucht, den Berliner Pariser Platz probeweise elektrisch zu beleuchten. Die Anlage kam nicht zur Ausführung, weil die Gasfachleute das neue Licht wirksam zu übertrumpfen vermochten. Hefner-Alteneck bemerkte damals mit bitterer Selbstironie, zu den guten Eigenschaften des elektrischen Lichts gehöre es, dass es die Gasbeleuchtung überall dort zu einer mächtigen Antwort herausfordere, wo es sich auch nur von ferne zeige. Bartl zitiert dafür den Rathenau-Biografen Felix Pinner.

Das Fachurteil kam also nicht aus Unkenntnis, sondern aus Erfahrung: Der Herausforderer weckt beim Etablierten den Gegenangriff. Das ist ein genaueres Muster als bloße Beharrung, und es lässt sich auf die Gegenwart übertragen.

Der Neueinsteiger und die Absicherung der Etablierten

Rathenau ließ sich nicht abweisen. Ein Jahr nach dem Gespräch in Graubünden sah er 1881 auf der Internationalen Elektrizitäts-Ausstellung in Paris Edisons Glühlampe, erwarb 1882 die deutschen Rechte an Edisons Patenten und gründete am 19. April 1883 in Berlin die Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektricität. Siemens & Halske band er dabei in die Gründung ein. 1887 wurde die Gesellschaft in Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) umbenannt, nun mit Deutsche Bank und Siemens als Beteiligten.

Siemens blieb also nicht draußen, sondern sicherte sich ab. Der Neueinsteiger setzt den Takt, die Etablierten steigen ein, sobald sich der Wechsel nicht mehr ignorieren lässt. Dasselbe Muster zeigt die Geschichte der Glühlampe selbst. Im November 1918 gliederte die Deutsche Gasglühlicht AG, die Auergesellschaft, ihre Lampenfertigung aus und gründete die Osram Werke. Im Februar 1920 traten AEG und Siemens & Halske bei und brachten ihre Glühlampenfabriken ein. Der Name der Firma, d…