Ein knapp viereinhalbminütiger 16mm-Film zeigt Max Grundig 1967 stolz durch sein neues Anwesen in Fürth führend – Schwimmbad, finnische Sauna, „alles elektrisch“. Fünfzig Jahre später existiert von diesem Haus nichts mehr: 2012 wich die Villa einem Wohnbauprojekt. Zwischen diesen beiden Punkten liegt eine Geschichte, die mehr über den Umgang mit unternehmerischem Erbe erzählt als jede Hochglanz-Homestory.


Der Film, der als Quelle für diesen Beitrag dient, ist unspektakulär und gerade deshalb aufschlussreich: Der amerikanische Kameramann Erik C. Durschmied filmt 1967 einen Rundgang durch die neu erbaute Villa des Rundfunk- und Fernsehunternehmers Max Grundig im Fürther Stadtteil Dambach. Grundig selbst führt, sichtlich stolz, durchs Haus – ein Schwimmbad „mit allen möglichen Spielereien“, eine zeitgesteuerte Wasserfunktion, eine finnische Sauna, dazu die wiederholte Betonung, im Haus sei „alles elektrisch“, bis hin zur elektrischen Lautstärkeregelung. Die Tonspur ist an mehreren Stellen kaum verständlich, doch der Grundton ist eindeutig: Hier präsentiert ein Selfmade-Industrieller den technischen und materiellen Ertrag seines Erfolgs.

Komfort als Zeitdiagnose

Was 1967 als Spielerei vorgeführt wird, liest sich aus heutiger Sicht als frühe Form dessen, was man später „Smart Home“ nennen würde: zentrale elektrische Steuerung von Haustechnik, komfortablen Nebenanlagen und Medientechnik in einem Wohnhaus. Bei einem Unternehmer, dessen Firma zu dieser Zeit mit Radio-, Fernseh- und Tonbandgeräten zu den Aushängeschildern der westdeutschen Elektroindustrie zählte, ist das kaum überraschend – die eigene Villa wird zur Referenzanlage der eigenen Produktwelt, auch wenn der Film selbst keine konkreten Grundig-Geräte zeigt, sondern allgemeine Haustechnik.

Die zweite, unsichtbare Schicht: Sicherheit

Was der Film von 1967 naturgemäß nicht zeigt, weil es zu diesem Zeitpunkt noch keinen Anlass dafür gab, ist die sicherheitstechnische Ausstattung, die dem Haus später zugeschrieben wird: Nach übereinstimmenden Angaben ließ Grundig einen Atomschutzbunker und einen Panikraum in die Villa einbauen. Der Hintergrund dafür war die Bedrohungslage durch die Rote Armee Fraktion in den 1970er Jahren – Grundig galt als potenzielles Entführungsziel. Bezeichnend ist, dass ihm diese bauliche Vorsorge am Ende nicht ausreichte: Ab 1977/78 verlegte er seinen tatsächlichen Wohnsitz lieber in die oberen Etagen des eigens errichteten Hotels Forsthaus, wo er sich zusätzlich einen eigenen Fahrstuhl und Überwachungskameras einbauen ließ. Die offizielle Meldeadresse blieb noch bis 1985 die Villa – gelebt hat er dort de facto schon seit Ende der 1970er Jahre nicht mehr.

Diese Verschiebung – vom baulich abgesicherten Wohnsitz zum tatsächlich genutzten Ausweichquartier – lässt sich vorläufig als Indiz dafür lesen, dass bauliche Sicherheitsvorkehrungen ein subjektives Sicherheitsgefühl offenbar nur bedingt herstellen konnten, wenn die Lage (ein abgelegenes Waldgrundstück, wie der Film selbst zeigt) als Grundproblem bestehen blieb.

Vom Wohnsitz zum Kongresszentrum

Nach Grundigs endgültigem Wegzug nach Baden-Baden Ende 1985 endete die Nutzung als Wohnhaus. Rund um 1986 wurde die Villa der Max-Grundig-Stiftung angegliedert und zum „Kongress-Centrum Grundig Park“ umgebaut – das einstige Schwimmbad wurde dabei zu einem Besprechungsraum. Damit vollzog das Gebäude einen für viele Unternehmervillen typischen zweiten Lebensabschnitt: von der privaten Repräsentation zur institutionellen Nutzung im Namen des Stifters.

2012: Der Abriss und eine bemerkenswert unaufgeregte Debatte

Der dritte und letzte Akt ist der Abriss im Jahr 2012, im Zuge des Wohnbauprojekts „Max-Grundig-Park“ des Fürther Immobilienentwicklers P&P. Bemerkenswert ist dabei weniger der Abriss selbst als die Reaktion darauf: Der damalige Fürther Oberbürgermeister Thomas Jung wies Forderungen nach Erhalt des Gebäudes als Denkmal zurück – die Stadt habe mit dem ehemaligen Grundig-Direktionsgebäude (heute Rundfunkmuseum), einer nach Grundig benannten Schule und einem von ihm gestifteten Brunnen bereits genug Erinnerungsorte. Auch der Stadtheimatpfleger sah den Abriss gelassen, mit dem Argument, Grundig habe in der Villa selbst ohnehin nur kurze Zeit gewohnt.

Diese Argumentation ist bemerkenswert, weil sie Erinnerungswürdigkeit an die reine Wohndauer koppelt, nicht an den Symbolwert des Gebäudes für eine bestimmte Phase westdeutscher Industriegeschichte. Ob das die richtige Abwägung war, lässt sich hier nicht abschließend beurteilen – festhalten lässt sich aber, dass ein Gebäude, das medial als „Villa Grundig“ firmierte und in einem Zeitdokument wie dem hier besprochenen Film vorgeführt wurde, ohne größeren öffentlichen Widerstand verschwinden konnte. Erhalten blieb lediglich das frühere Kongresszentrum-Gebäude, nicht die Villa selbst.

Was bleibt

Der Bogen von 1967 bis 2012 – Wohnsitz, Ausweichquartier wegen RAF-Bedrohung, Stiftungs-Kongresszentrum, Abriss für ein Wohnbauprojekt – ist mehr als eine Immobiliengeschichte. Er zeigt, wie schnell die materiellen Zeugnisse einer Unternehmergeneration verschwinden können, sobald ihr unmittelbarer institutioneller Nutzen (hier: als Stiftungsimmobilie) endet, während die immateriellen Zeugnisse – ein privater Amateurfilm, eine Wikipedia-Seite, ein paar Zeitungsartikel – paradoxerweise langlebiger sind als der Stein selbst. Ob sich dieses Muster bei anderen Unternehmervillen der Nachkriegszeit wiederholt, wäre eine eigene, noch offene Untersuchung wert.

Ralf Keuper


Quellen: