Ein Fund im eigenen Zeitschriftenarchiv: die Wirtschaftswoche vom 19. Juni 1987 berichtet unter dem Titel „Rallye der Exoten“ über eine Elektroauto-Rallye des Automobil Club der Schweiz, bei der rund 60 teils skurrile Fahrzeuge über die Straßen von Interlaken fuhren. Der Artikel liest sich fast vier Jahrzehnte später wie ein Dokument aus einer Parallelwelt – und ist doch in seinen Grundmustern erstaunlich gegenwärtig. Wer ihn heute liest, findet nicht die erwartete naive Verbrenner-Nostalgie, sondern eine bereits vollständig ausformulierte Debatte über Reichweite, Ladezeit, Kosten-Volumen-Verhältnisse und politische Förderentscheidungen – nur mit anderen Namen und anderem Ausgang.


Die Ausgangslage: zwei deutsche Antworten auf dieselbe Frage

Im Zentrum der Rallye stand der Wettstreit zwischen zwei Batterietechnologien. Die Brown, Boveri & Cie. AG (BBC), das schweizerisch-deutsche Elektrotechnik-Unternehmen, brachte erstmals ihre Natrium-Schwefel-Hochleistungsbatterie in den Wettbewerb ein – bei gleichem Gewicht mit rund dreifacher Leistung gegenüber herkömmlichen Bleibatterien, mit einer für Mittelklassefahrzeuge in Aussicht gestellten Reichweite von bis zu 200 Kilometern. Die Entwicklung reichte, wie sich außerhalb des Artikels rekonstruieren lässt, bereits bis 1973 zurück: ein vom Bundesministerium für Forschung und Technologie gefördertes Projekt gemeinsam mit dem Battelle-Institut Frankfurt – eine öffentlich finanzierte, anderthalb Jahrzehnte lange Forschungsanstrengung.

Als Kontrastfolie erwähnt der Artikel die Accumulatorenwerke Hoppecke Carl Zoellner & Sohn KG aus dem sauerländischen Brilon mit ihrer Faserstruktur-Nickel-Cadmium-Batterie: geringere Energiedichte als die BBC-Lösung, dafür aber mit einem entscheidenden praktischen Vorteil – sie ließ sich innerhalb weniger Minuten weitgehend aufladen, während BBCs Natriumschwefelbatterie bei einer Betriebstemperatur von über 300 Grad Celsius arbeitete und laut Hermann Birnbreier (BBC) bereits nach zwei Wochen Stillstand spürbar an Temperatur verlor. Zwei technologische Wetten, zwei Unternehmenstypen, ein gemeinsamer Ausgangspunkt.

Der eine Weg: Technologieführerschaft, Konzernlogik, vollständiger Verlust

Was der Artikel von 1987 nicht wissen konnte: BBC – nach der Fusion mit der schwedischen ASEA 1988 als ABB firmierend – stellte die Natrium-Schwefel-Entwicklung bis Mitte der 1990er Jahre vollständig ein. Die Technologie ging in der Folge fast lückenlos an japanische Unternehmen über. NGK Insulators aus Nagoya baute ab Anfang der 1990er Jahre, gemeinsam mit dem Energieversorger Tokyo Electric Power (TEPCO) und gezielt vom japanischen Ministerium für Internationalen Handel und Industrie gefördert, die inzwischen nahezu alleinige globale Marktposition für Natrium-Schwefel-Batterien auf – heute allerdings im stationären Speicherbereich statt im Automobil, wo sich andere Zellchemien durchgesetzt haben. Bezeichnend für den vollzogenen Rollentausch: 2019 ging ausgerechnet BASF eine Vertriebs- und später eine gemeinsame Entwicklungspartnerschaft mit NGK ein, um an einer Technologie beteiligt zu bleiben, deren Grundlagenarbeit anderthalb Jahrzehnte zuvor in Deutschland geleistet worden war.

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