Der Kapitalstock einer Volkswirtschaft – die Summe aus Bauten, Maschinen, Ausrüstungen, Infrastruktur und immateriellen Anlagegütern – ist keine bloße Bilanzgröße. Er ist die materielle Basis, auf der Arbeitskräfte produktiv werden: Wie viel Kapital je Beschäftigtem zur Verfügung steht und wie modern dieses Kapital ist, wirkt sich auf die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde aus – allerdings über mehrere, unterschiedlich starke Kanäle, nicht über einen einzigen, linearen Zusammenhang. Deutschland zeigt derzeit exemplarisch, was passiert, wenn ein einst großer Kapitalstock zu altern beginnt, während anderswo neue Kapitalstöcke im Eiltempo aufgebaut werden – und liefert zugleich den Anlass, diese Kanäle genauer zu unterscheiden: Wie groß ist der Effekt der Kapitalstock-Erosion auf Deutschlands schwaches Produktivitätswachstum tatsächlich, gemessen an anderen Erklärungen wie Bürokratie, Sektorstruktur oder Digitalisierung?


Der deutsche Befund: groß, aber ausgezehrt

Das preisbereinigte Bruttoanlagevermögen Deutschlands lag 2025 bei 22.154 Mrd. Euro und wuchs nur um 0,7 Prozent – für 2026 wird mit 22.306 Mrd. Euro ein ähnlich geringer Zuwachs erwartet. Entscheidender als die Bruttogröße ist jedoch die Nettobetrachtung: Nach Abzug der Abschreibungen lag die deutsche Nettoanlageninvestitionsquote 2025 bei minus 0,23 Prozent des BIP – erstmals seit der Wiedervereinigung im negativen Bereich. Der Abwärtstrend ist kein Ausreißer, sondern das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung: Die durchschnittliche Nettoanlageninvestitionsquote lag von 1991 bis 1999 noch bei 7,31 Prozent, sank im Zeitraum 2000 bis 2009 auf 2,88 Prozent, zwischen 2010 und 2019 auf 2,29 Prozent und zwischen 2020 und 2025 auf durchschnittlich 1,02 Prozent, bevor sie 2025 erstmals ins Minus rutschte.

Der Ökonom Hubertus Bardt vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft ordnet dies als strukturelles, nicht konjunkturelles Problem ein: Mehr als 80 Prozent der Investitionen stammen aus dem Privatsektor, dem angesichts der schwachen Konjunktur die Zuversicht fehlt – wer investiert, beschränkt sich überwiegend auf Ersatzinvestitionen. Die ersten Mittel aus dem 500-Milliarden-Sondervermögen konnten die reale Reduktion der Bauinvestitionen 2025 nicht ausgleichen.

Diese Gemengelage – großer, aber alternder Kapitalstock, negative Nettoinvestitionen, ein Staat, der lange selbst nur den Substanzerhalt finanzierte – ist die Ausgangslage, vor der sich ein Blick auf aufstrebende Volkswirtschaften lohnt, die sich in einer strukturell anderen Phase des Kapitalstockaufbaus befinden.

Warum der Kapitalstock für Wachstum zentral ist

Wirtschaftswachstum lässt sich zerlegen in einen Beitrag aus mehr Arbeit, einen Beitrag aus mehr Kapital je Arbeitskraft (Kapitalvertiefung) und einen Beitrag aus höherer Gesamtproduktivität – also aus besserer Kombination von Arbeit und Kapital, etwa durch neue Technologien oder effizientere Prozesse. In alternden Gesellschaften mit stagnierendem oder schrumpfendem Arbeitskräfteangebot – wie in Deutschland – muss ein wachsender Anteil des Wachstums aus Kapitalvertiefung und Produktivitätsfortschritt kommen, weil der Arbeitsbeitrag strukturell schwächer wird. Ein Kapitalstock, der kaum noch netto wächst und dessen Modernitätsgrad sinkt, entzieht der Volkswirtschaft damit ausgerechnet jenen Hebel, der die demografische Schwäche kompensieren müsste. Der geschätzte Rückgang des Modernitätsgrads des deutschen Kapitalstocks um rund 12 Prozentpunkte zwischen 1995 und 2018 liegt zeitlich vor der aktuellen Investitionsschwäche und deutet darauf hin, dass es sich nicht um ein neues, sondern um ein sich verschärfendes Phänomen handelt.

China: vom Kapitalaufbau zur Überkapazität

China hat in den vergangenen Jahrzehnten einen der schnellsten Kapitalstockaufbauten der Wirtschaftsgeschichte vollzogen, getragen von Investitionsquoten, die je nach Berechnungsmethode zeitweise 80 Prozent des BIP erreichten. Der private Kapitalstock liegt trotz starken Wachstums nach Einschätzung der KfW Research noch unter dem Niveau etablierter Industrieländer, während der staatliche Kapitalstock den OECD-Bereich bereits erreicht hat – ein Hinweis darauf, dass in China der Staat, nicht die Privatwirtschaft, den Kapitalaufbau treibt. Genau das erzeugt inzwischen ein neues Problem: Überkapazitäten in mehreren Industriezweigen, die durch staatlich gelenkte statt marktgetriebene Investitionen entstanden sind.

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