Der April-Beitrag zu den Außenhandelszahlen endete mit einer Prognose: Ein im März überraschend stark eingebrochener Auftragseingang – und zwar mit Schwäche aus dem Euro-Raum, nicht primär aus dem US-Zollkontext – werde sich erst mit Verzögerung in Produktion und Exporten niederschlagen; Mai und Juni würden das Bild korrigieren. Die aktuellen Zahlen für das erste Halbjahr bestätigen diese Erwartung, und zwar in der vorhergesagten Reihenfolge: Exporte von 816,6 Milliarden Euro, ein Plus von 3,7 Prozent – auf den ersten Blick ein starkes Bild. Der Blick auf die Zusammensetzung zeigt, dass sich die im April diagnostizierte ungünstige Dynamik nicht nur fortgesetzt, sondern um zwei neue Risikofaktoren erweitert hat.

Das US-Geschäft, im Mai noch mit einem Viertel Zuwachs die tragende Säule der deutschen Exporteure, brach im Juni um gut 14 Prozent ein. Aufgefangen wurde dieser Einbruch durch die EU-Staaten (+1,3 Prozent auf fast 80 Milliarden Euro) und ein kräftiges Plus bei den Ausfuhren nach Großbritannien (+8 Prozent). BGA-Präsident Dirk Jandura wertet dies als Beleg, dass Zuwächse in Europa und anderen Märkten den USA-Einbruch mehr als ausgleichen konnten.

Diese Lesart übergeht eine strukturelle Eigenheit der Kompensation: Die EU-Absatzmärkte hängen selbst an der Konjunktur der Industrie, die sie beliefert. Wird ein Nachfrageausfall im einen Markt durch einen Markt aufgefangen, dessen eigene Nachfrage teilweise von derselben Wertschöpfungskette abhängt, handelt es sich weniger um Diversifizierung des Risikos als um eine Verschiebung innerhalb eines eng verflochtenen Systems. Die Schwankungsbreite des US-Geschäfts selbst – von einem Viertel Zuwachs im Mai zu einem Sechstel Einbruch im Juni – deutet zudem eher auf Vorzieheffekte im Zollkontext hin als auf eine stabile Trendumkehr.

Das andere Ungleichgewicht: China

Auffälliger ist die Entwicklung im Handel mit China. Während die deutschen Ausfuhren dorthin praktisch stagnieren (-0,3 Prozent auf 6,2 Milliarden Euro), kletterten die Einfuhren aus der Volksrepublik allein im Juni um gut neun Prozent auf 16,5 Milliarden Euro. Das ist kein zyklisches Rauschen, sondern fügt sich in ein länger beobachtbares Muster: China verkauft zunehmend fertige Industriegüter – Automobil, Batterietechnik – nach Deutschland, statt in erster Linie deutsche Anlagen und Vorprodukte zu beziehen. DIHK-Außenhandelschef Volker Treier reagiert mit dem Ruf nach neuen Handelsabkommen, etwa mit Thailand, Malaysia oder den Philippinen – ein Versuch, fehlenden Zugang zu neuen Absatzmärkten zu kompensieren, der an der eigentlichen Statik des Problems wenig ändert: Die Konkurrenz trifft deutsche Hersteller nicht nur auf Drittmärkten, sondern zunehmend im eigenen Importgeschäft.

Der Exportüberschuss sinkt entsprechend – von 19,3 Milliarden Euro im Mai auf 15,4 Milliarden Euro im Juni. Diese Zahl allein wäre noch kein Alarmsignal. In Kombination mit der Zusammensetzung – schrumpfender Vorsprung gerade in den Sektoren, in denen deutsche Hersteller traditionell die technologische Führung beanspruchten – liegt die eigentliche Frage nicht in der Höhe des Überschusses, sondern in seiner sich wandelnden Struktur.

Niedrigwasser als unterschätztes Risiko

Die vorsichtig optimistischen Prognosen, die derzeit kursieren – Volkswirte halten ein Wachstum von einem Prozent für das Gesamtjahr für möglich, gestützt auf drei Monate Produktionszuwachs in Folge –, blenden einen Faktor aus, der sich der ökonomischen Steuerung entzieht: das Rekord-Niedrigwasser am Rhein. Chemie- und Stahlindustrie sind in ihrer Vorproduktversorgung unmittelbar auf Wasserstände angewiesen, die aktuell so niedrig sind, dass Transportschiffe deutlich weniger laden können. Eine Prognose, die auf einer gerade erst beendeten „Talfahrt der Industrie“ aufbaut, ohne dieses Infrastrukturrisiko einzupreisen, überschätzt tendenziell die Tragfähigkeit des beobachteten Aufwärtstrends.

Fazit: Der Exportrekord, das wachsende China-Ungleichgewicht und das Rhein-Niedrigwasser ergeben zusammen kein einheitliches Bild von Stärke oder Schwäche, sondern eine Überlagerung gegenläufiger Sondereffekte – Zollzyklen im US-Geschäft, eine sich vertiefende Importabhängigkeit von China in genau jenen Branchen, in denen Deutschland lange die Standards setzte, und ein wetterbedingtes Logistikrisiko, das die Produktionserholung jederzeit unterbrechen kann. Eine belastbare Trendaussage lässt sich daraus nicht ableiten – die Lesart bleibt vorläufig.

Ralf Keuper