Am 13. Februar 1949 kommt ein 27-jähriger Flüchtling mit Frau und Kleinkind am Hamburger Hauptbahnhof an, nachdem er wenige Tage zuvor bei Nacht und Kälte einen Grenzfluss durchschwommen hat. Anderthalb Jahre später erwirbt Hermann Schnabel für 3.000 Mark den Namen einer ausgebombten Import-Export-Firma. Sechzig Jahre später steht dort ein Handelshaus mit weltweit über 80 Niederlassungen und einem Jahresumsatz im mehrstelligen Milliardenbereich. Die Erzählung, die Schnabel selbst in seiner Autobiografie und in Interviews propagiert hat, ist die des Selfmade-Kaufmanns, der mit Mumm und Fleiß aus dem Nichts ein Weltunternehmen formte.
Interessanter als diese Gründungserzählung ist, was danach kommt – und das ist der Teil, den die zeitgenössische Berichterstattung typischerweise ausblendet, weil er weniger erzählbar ist.
Die zweite Generation: Übersetzung statt Wiederholung
1984 übernimmt Sohn Dieter Schnabel den Vorstandsvorsitz. Bemerkenswert ist nicht der Wechsel als solcher, sondern seine Richtung: Dieter Schnabel führt das Unternehmen nicht als verwaltende Fortsetzung des väterlichen Handelsgeschäfts fort, sondern treibt den Wandel vom klassischen Handelshaus zur international operierenden Marketingorganisation voran. Das ist die Aufgabe, an der Familienunternehmen in der zweiten Generation typischerweise scheitern oder reüssieren: nicht das Bewahren, sondern das Übersetzen des Gründungsgeschäfts in eine Organisationsform, die dessen Grundlage nicht mehr voraussetzt. Die Mitarbeiterzahl verdoppelt sich in den 1980er-Jahren, der Umsatz steigt auf über eine halbe Milliarde Euro.
Die dritte Generation: der Härtetest
2020, nach acht Jahren Amtszeit des Managers Hans-Christian Sievers (2012–2020) als Übergangslösung nach 35 Jahren Dieter Schnabel an der Spitze, übernimmt mit Stephan Schnabel die dritte Generation den Vorstandsvorsitz. Genau hier setzt die strukturelle Frage an, die in der öffentlich verfügbaren Statistik zu Familienunternehmen eine hohe Ausfallrate markiert: Nur ein kleiner Teil der Familienunternehmen übersteht den Übergang in die dritte Generation als eigenständiges, familiengeführtes Unternehmen.
Die Helm AG liefert dafür ein Testfeld, dessen Ausgang noch offen ist. Bereits ein Jahr nach Amtsantritt der dritten Generation wird 2021 bekannt, dass das Unternehmen Verluste schreibt und eine Restrukturierung mit Personalabbau einleitet – 180 Stellen wurden seither gestrichen. Gleichzeitig legt der Umsatz 2021 um fast 50 Prozent auf 6,1 Milliarden Euro zu. Diese Gleichzeitigkeit von Verlustmeldung und Umsatzsprung ist selbst aufschlussreich: Sie deutet auf eine Marge hin, die trotz oder wegen des Wachstums unter Druck steht – ein Muster, das sich von einer reinen Nachfrageschwäche unterscheidet.
Diversifikation als Antwort
Die Reaktion darauf ist keine Rückbesinnung auf das Kerngeschäft, sondern eine weitere Diversifikation: Im Januar 2022 gründet Helm mit dem britischen Unternehmen Leverton Lithium ein Joint Venture zur Rückgewinnung von Lithium aus gebrauchten Elektroauto-Batterien. Für ein Chemikalienhandelshaus, das seine Existenz einer Gründungsentscheidung von 1950 verdankt – dem Wechsel vom allgemeinen Warenhandel zum spezialisierten Chemiehandel –, ist das eine strukturell konsistente Bewegung: nicht Bewahrung des Bestehenden, sondern eine dritte grundlegende Neuausrichtung des Geschäftsmodells innerhalb von drei Generationen.
Ob das ausreicht, um die dritte Generation dauerhaft zu sichern, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ablesen. Was sich beobachten lässt, ist ein Unternehmen, das in jeder seiner drei Führungsgenerationen sein Geschäftsmodell grundlegend neu definiert hat, statt es zu verwalten – vom Warenhandel zum Chemiehandel, vom Handelshaus zur Marketingorganisation, und nun, unter Verlustdruck, zur Rohstoff-Recycling-Beteiligung. Diese Kontinuität der Selbstneuerfindung ist möglicherweise der eigentliche Befund hinter der Gründungslegende vom Geld, das auf der Straße liegt.
Ralf Keuper
Quellen:
Hermann Schnabel: Das Geld liegt auf der Straße https://www.abendblatt.de/hamburg/article107696035/Hermann-Schnabel-Das-Geld-liegt-auf-der-Strasse.html
Helm AG https://de.wikipedia.org/wiki/Helm_AG
