Wo die Fabrik verschwindet, verschwindet nicht nur Arbeit – sondern ein ganzes Koordinatensystem sozialer Zugehörigkeit. Lutz Raphaels große vergleichende Studie zur Deindustrialisierung Westeuropas zeigt, warum der Strukturwandel sich nie an Landesgrenzen hielt, warum die Region und nicht die Nation die eigentliche Bühne war – und warum der Betrieb selbst, gerade im Niedergang, zur letzten sozialen Sicherheitsinsel wurde.
Wenn heute über Deindustrialisierung gesprochen wird, geschieht das fast immer im nationalen Singular: die deutsche, die britische, die französische Industrie. Lutz Raphael widerspricht dieser Denkfigur mit großer Konsequenz. Sein Buch Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom verfolgt den Umbruch der Industriegesellschaften zwischen den 1970er Jahren und der Jahrtausendwende gerade nicht entlang der Landkarte der Nationalstaaten, sondern entlang der Landkarte der Regionen – und diese Verschiebung des Blicks ist mehr als eine methodische Fußnote. Sie verändert, was man überhaupt als Erklärung gelten lassen kann.
Kapitalanleger, so Raphael, orientierten sich bei ihren Investitionsentscheidungen tatsächlich eher an regionalen als an nationalen Gesichtspunkten. Betriebliche Sozialordnungen wurden eher durch lokale Faktoren geprägt als durch nationale Regulierung. Erst dort, wo es um die rechtlichen Rahmenbedingungen ging – Bildungsabschlüsse, Sozialleistungen, Arbeitsverträge –, setzte der Nationalstaat der lokalen Vielfalt enge Grenzen. Die Konsequenz, die Raphael selbst zieht, ist bemerkenswert offensiv: Es wäre schlicht verfehlt, die Ergebnisse seiner Studie in drei säuberlich getrennten „Nationalkapiteln“ zu präsentieren. Das würde weder dem Gewicht der grenzüberschreitenden Trends noch dem Einfluss regionaler und lokaler Konstellationen gerecht.
Dass die nationale Ebene dennoch – ger…
