Ob Roland Bergers Ruf nach Investitionen in „Zukunftstechnologien“ oder das immer neu beschworene „Aufholen“ gegenüber Japan, den USA, heute China – der wirtschaftspolitische Diskurs greift seit Jahrzehnten auf denselben begrifflichen Bestand zurück, während sich der Befund kontinuierlich verschlechtert. „Aufholen“ ist im Kern eine Rennmetapher: Sie unterstellt eine gemeinsame Skala, einen kalkulierbaren Vorsprung und einen Rückstand, der sich mit mehr Einsatz, mehr Tempo und mehr Mitteln linear verringern lässt – vier Prämissen, die selten geprüft werden. Das ist kein Zufall der Bequemlichkeit, sondern folgt einem Muster, das Jean Starobinski am Begriffspaar Aktion–Reaktion vorgeführt hat: Begriffe wandern aus einem Feld, in dem sie exakte Geltungsbedingungen hatten, in ein anderes, wo sie nur noch deren Autorität mitführen. Schon 1966 diagnostizierte der Spiegel unter dem Titel „Ist das Wirtschaftswunder zu Ende?“ fast wortgleich, was seither in jedem Jahrzehnt neu beklagt wird – ein Fall, den sich mit Reinhart Kosellecks Unterscheidung von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont präzise fassen lässt: Der Erwartungshorizont bleibt an einen Erfahrungsraum gebunden, den es längst nicht mehr gibt. Eine Begriffsgeschichte des „Aufholens“ zeigt, warum die immer gleiche Diagnose bei steigendem Handlungsbedarf so bemerkenswert stabil bleibt.


I. Eine Beobachtung, die zur Frage werden muss

Wer wirtschaftspolitische Debatten der letzten vier Jahrzehnte in Deutschland verfolgt, stößt auf ein auffälliges Muster: Die Diagnose ändert sich kaum, der Befund aber schon – und zwar in eine Richtung. In den 1980er Jahren war von der Herausforderung durch Japan die Rede, in den 1990ern vom Wettbewerbsstandort Deutschland gegenüber den USA, in den 2000ern von der Notwendigkeit, im „Innovationswettlauf“ nicht den Anschluss zu verlieren, heute von China und der Frage, ob Deutschland im Tempo der technologischen Frontverschiebung überhaupt noch mithalten kann. Der Instrumentenkasten der Empfehlungen ist über all diese Zyklen hinweg fast identisch geblieben: mehr Investition in Zukunftstechnologien, mehr Bildung, mehr Innovationsfähigkeit, weniger Subventionierung alter Strukturen, schnellere Reformen.

Bemerkenswert ist nicht, dass diese Empfehlungen falsch wären. Bemerkenswert ist, dass sie über einen so langen Zeitraum praktisch unverändert reproduziert werden, während der Handlungsbedarf, den sie adressieren sollen, nach übereinstimmender Einschätzung kontinuierlich gestiegen ist. Ein System, das über vierzig Jahre dieselbe Diagnose stellt und dabei beobachtet, wie sich der Zustand des Patienten verschlechtert, sollte an einem bestimmten Punkt die Diagnose selbst befragen – nicht nur die Dosis erhöhen. Genau das geschieht im wirtschaftspolitischen Diskurs auffällig selten.

Die naheliegende Erklärung – Trägheit, Bequemlichkeit, mangelnder politischer Wille – ist nicht falsch, aber unterkomplex. Sie erklärt nicht, warum ausgerechnet diese Begriffe und Konzepte über so lange Zeiträume anschlussfähig bleiben, während andere verschwinden. Dafür braucht es einen genaueren Blick auf die Begriffe selbst und ihre Wanderungsgeschichte.

II. Starobinskis Lehrstück: Aktion und Reaktion

Der Genfer Literatur- und Ideenhistoriker Jean Starobinski hat am Beispiel des Begriffspaars Aktion–Reaktion eine Methode vorgeführt, die sich für die Analyse wirtschaftspolitischer Diskurse fruchtbar machen lässt. Sein Befund, verkürzt: Das Begriffspaar entstammt der klassischen Mechanik, wo es eine exakte, quantifizierbare Beziehung bezeichnet – Kraft und Gegenkraft, formalisierbar, unter kontrollierten Bedingungen überprüfbar. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wandert das Begriffspaar in den politischen Diskurs, zunächst zur Beschreibung revolutionärer Dynamiken, später in Ästhetik und Psychologie.

Entscheidend ist, was bei dieser Wanderung geschieht: Die Form der Beziehung – ein Ereignis ruft ein proportionales Gegenereignis hervor – bleibt erhalten. Die Geltungsbedingung, unter der diese Form in der Mechanik überhaupt Sinn ergab (geschlossenes System, exakte Messbarkeit, Reproduzierbarkeit unter Laborbedingungen), geht dabei verloren. Was übrigbleibt, ist eine Suggestion von Gesetzmäßigkeit – der politische Diskurs borgt sich die Autorität der Physik, ohne deren Bedingungen erfüllen zu müssen oder zu können.

Der Begriff wird, mit anderen Worten, nicht deshalb übernommen, weil geprüft wurde, ob er im neuen Feld noch trägt. Er wird übernommen, weil er im Ursprungsfeld getragen hat und diese Tragfähigkeit stillschweigend mitliefert. Genau diese Struktur – Übertragung der Form bei Verlust der Bedingung – lässt sich an der Karriere des Begriffs „Aufholen“ im wirtschaftspolitischen Diskurs nahezu lehrbuchhaft nachzeichnen.

III. Die Herkunft: Gerschenkron und der Spätentwicklervorteil

„Aufholen“ (Catch-up) hat eine relativ genau datierbare Herkunft in der Entwicklungsökonomie der Nachkriegszeit, maßgeblich geprägt durch Alexander Gerschenkrons Arbeiten zur wirtschaftlichen Rückständigkeit. Gerschenkrons Kernthese: Länder, die ökonomisch spät industrialisieren, verfügen unter bestimmten Bedingungen über einen strukturellen Vorteil gegenüber den Vorreitern – sie können bereits entwickelte Technologien und Organisationsformen importieren, ohne die kostspieligen Entwicklungsschritte der Pioniere selbst durchlaufen zu müssen. Der „Spätentwicklervorteil“ ist an spezifische Voraussetzungen gebunden: verfügbare, transferierbare Technologie, institutionelle Absorptionsfähigkeit, häufig eine besondere Rolle des Staates oder d…