Der Pulitzer-Preisträger Liaquat Ahamed warnt in Fortune vor einer KI-Blase und verweist auf den amerikanischen Eisenbahnboom der 1870er Jahre als historisches Warnbild. Der Vergleich ist plausibel – aber er bleibt an der Oberfläche. Was Ahamed als dramatisches Geschichtsbild präsentiert, hat Carlota Perez vor mehr als zwei Jahrzehnten als Strukturgesetz des kapitalistischen Innovationszyklus beschrieben. Wer Perez kennt, liest Ahamed anders: nicht als Warnung vor dem Crash, sondern als Dokument der Phase, in der wir uns befinden.
I. Ahamed und die Eisenbahn
Liaquat Ahamed, Autor von Lords of Finance und Pulitzer-Preisträger für Geschichte, hat ein Buch über die Finanzkrise von 1873 geschrieben – und zum Erscheinungstermin Anfang Juni 2026 in Fortune einen Meinungsbeitrag veröffentlicht, dessen Titel das Programm ist: „The AI spending boom terrifies me.“ Das Argument ist kompakt: Der gegenwärtige KI-Infrastrukturinvestitionsboom erreiche mit 800 Milliarden bis einer Billion Dollar pro Jahr eine Größenordnung von 2 bis 3 Prozent des BIP – exakt der Anteil, den der amerikanische Eisenbahnbau in den 1870er und 1880er Jahren am damaligen Sozialprodukt ausmachte. Damals folgte auf die Boomphase 1873 ein Crash, der US-Eisenbahnaktien zwischen 1873 und 1877 um die Hälfte entwertete und ein Drittel aller Eisenbahnanleihen in die Insolvenz trieb. Ahamed fragt: Warum sollte es diesmal anders sein?
Der Vergleich hat Substanz. Ahamed kennt seine historischen Quellen, und die Parallelstruktur – transformative Technologie, Massenadoption, spekulativer Kapitalzufluss, Überinvestition vor gesicherter Monetarisierung – ist nicht konstruiert. Auch sein Hinweis auf die Finanzierungsstruktur als eigentliche Schwachstelle verdient Aufmerksamkeit: Nicht die Hyperscaler mit ihren Gewinnen sind das fragile Glied, sondern die Startups wie OpenAI oder Anthropic, die mit vergleichsweise bescheidenen Umsätzen auf externes Kapital angewiesen bleiben – wie Jay Cooke, der bestvernetzte Banker seiner Zeit, 1873 scheiterte, als die europäischen Refinanzierungsquellen versiegten.
Soweit Ahamed. Das Problem ist nicht, was er sagt. Es ist, was er nicht sagt.
II. Was Perez bereits wusste
Carlota Perez hat in Technological Revolutions and Financial Capital (2002) das beschrieben, was Ahamed als historische Warnung neu entdeckt: nicht als Kuriosität, sondern als Strukturgesetz. Ihr Modell unterscheidet fünf große technologische Revolutionen seit der industriellen Dampfmaschine und zeigt, dass jede von ihnen denselben Phasenverlauf durchläuft – Irruption, Frenzy, Turning Point, Synergy, Maturity. Der Crash ist dabei kein Betriebsunfall. Er ist funktionaler Bestandteil des Zyklus: Er bereinigt die Akkumulation von Finanzkapital gegenüber Produktivkapital und schafft die Voraussetzungen für das, was Perez das Golden Age nennt – die eigentliche Diffusionsphase, in der die Technologie gesellschaftliche Produktivität entfaltet.
Ahameds Railroad-Analogie ist bei Perez nicht Metapher, sondern Fallbeispiel. Die dritte technologische Revolution in ihrem Schema – Age of Steel, Electricity and Heavy Engineering – umfasst genau jenen Eisenbahnboom der 1870er und 1880er, den Ahamed beschreibt. Der Crash von 1873 ist bei Perez ein Turning Point: Er beendet die Installationsphase und erzwingt – durch Regulierung, institutionelle Neuordnung, veränderte Spielregeln zwischen Finanz- und Produktionskapital – den Übergang in die Deployment-Phase. Was danach folgte, war nicht das Ende der Eisenbahn, sondern ihre eigentliche wirtschaftliche Entfaltung.
Ahamed ahnt das. Er schreibt, die KI-Infrastruktur werde bleiben, wie die Eisenbahn geblieben ist. Aber er zieht daraus keine analytischen Konsequenzen. Bei Perez ist das nicht Trost, sondern Ausgangspunkt einer anderen Frage.
XING: Niedergang mit Ansage
