Jahrelang stand vor einem unscheinbaren Bürogebäude im Silicon Valley der Name Inspur – einer der wichtigsten chinesischen Technologiekonzerne. Im März 2023 setzten die USA Inspur auf die Entity List, jene Sperrliste für Unternehmen, die als Sicherheitsrisiko gelten und mit denen amerikanische Firmen keine Geschäfte mehr machen dürfen. Kurz danach wurde aus dem Schild „Inspur“ das Schild „Aivres“ – benannt nach der neu gegründeten US-Tochter. Das operative Geschäft lief unverändert weiter. Eine Recherche der New York Times, gestützt auf Handelsdaten, Unternehmensunterlagen und Lieferverträge, zeigt, wie aus diesem Namenswechsel ein funktionierendes Netzwerk wurde, über das amerikanische KI-Hochleistungstechnik – darunter Systeme mit Nvidias aktuellstem Blackwell-Chip – an Rechenzentren in Südostasien und von dort weiter an chinesische Großkonzerne wie Alibaba und ByteDance sowie an chinesische Universitäten und Staatsunternehmen gelangt sein soll.
Der Mechanismus: Umbenennung statt Umbau
Der auffälligste Befund liest sich zunächst wie ein Fall der PR-Schere – Etikettenwechsel bei unveränderter Substanz. Das trifft die Sache aber nur oberflächlich. Es geht hier nicht um eine Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und Realität, sondern um eine Diskrepanz zwischen Rechtsform und wirtschaftlicher Kontinuität, die vom Regelwerk selbst nicht erfasst wird. Die Entity List sperrt eine benannte juristische Person. Sie folgt nicht automatisch der wirtschaftlichen Substanz, wenn diese Substanz unter neuem Namen als eigenständige US-Gesellschaft fortgeführt wird. Der Namenswechsel ist damit kein Täuschungsmanöver im umgangssprachlichen Sinn, sondern die Ausnutzung einer Lücke, die im Design der Sanktion selbst angelegt ist: Sie zielt auf die Identität des Adressaten, nicht auf die Kontinuität des Geschäfts.
Die eigentliche Lücke: Eigentum versus Zugriff
Der zweite, strukturell interessantere Punkt liegt tiefer. US-Exportrecht verbietet den Verkauf und die Weitergabe kontrollierter Güter an gelistete Unternehmen – es regelt den Eigentumsübergang an physischer Technik. Es enthält dagegen kaum Beschränkungen dafür, dass Firmen in China per Fernzugriff auf KI-Rechenzentren in Drittländern zugreifen, ohne selbst Eigentümer der Hardware zu werden. Genau diese Lücke macht laut der Recherche zwei parallele Wege möglich: Zum einen exportierte Aivres zwischen April 2024 und Februar 2026 nach Handelsdaten der Firma ImportGenius Technik im Wert von mindestens 5,6 Milliarden Dollar aus den USA nach Südostasien, darunter Systeme mit Blackwell-Chips im Wert von über 3 Milliarden Dollar – Empfänger waren unter anderem Rechenzentren, die Cloud-Kapazität an Alibaba und ByteDance vermieten, sowie an die bereits wegen mutmaßlichen Chip-Schmuggels untersuchte Firma Megaspeed. Zum anderen soll Technik aus dem globalen Inspur-Firmenverbund über einen malaysischen Elektronikfertiger an eine neue chinesische Firma namens Maginfra gelangt sein, die damit wiederum Hochleistungsrechner an chinesische Universitäten, Banken und Staatsunternehmen ausliefert.
Beide Wege funktionieren nach demselben Prinzip: Kontrolle über Eigentum reicht nicht, wenn der eigentlich knappe Faktor – Rechenzugriff – sich vom physischen Standort der Hardware entkoppeln lässt. Das Regelwerk ist auf eine Ökonomie zugeschnitten, in der Besitz und Nutzung zusammenfallen. Cloud-Computing hebt diese Kopplung gezielt auf.
Was die Beteiligten dazu sagen
Inspur, Aivres, Maginfra, Alibaba und ByteDance äußerten sich auf Anfrage nicht, Megaspeed ebenfalls nicht. Ein Nvidia-Sprecher erklärte, das Unternehmen unterstütze keine umgeleiteten Produkte und verkaufe an bekannte Partner, die sich zur Einhaltung der Exportregeln verpflichteten. US-Behörden sollen dem Bericht zufolge Ermittlungen gegen die Silicon-Valley-Niederlassung aufgenommen haben, deren Stand nach Angaben mehrerer anonym zitierter Beamter derzeit unklar ist.
Quellenkritische Einordnung
Die Faktenbasis stammt aus einer einzelnen investigativen Recherche, die sich auf Handelsdatenanalyse, Unternehmensdokumente und anonyme Quellen stützt – keine der genannten Firmen hat die Darstellung bestätigt, und der Ausgang der behördlichen Prüfung ist offen. Das schließt Fehler oder Lücken in der Rekonstruktion der Lieferkette nicht aus, insbesondere bei den mehrstufigen Wegen über Malaysia und Indonesien, die naturgemäß schwerer zu verifizieren sind als der direkte US-Export. Die These, dass hier ein struktureller Konstruktionsfehler der Exportkontrolle sichtbar wird und nicht nur ein Einzelfall handwerklich schlechter Durchsetzung, ist entsprechend vorläufig korroboriert: Ein einzelner, wenn auch gut dokumentierter Fall trägt noch keine Aussage über die Verbreitung des Musters bei anderen gelisteten Unternehmen.
Eine andere Art von Kontrollverlust
In der Chokepoint-Logik der Halbleiterindustrie sitzt Kontrolle meist an einer physisch konzentrierten Komponente – der EUV-Optik von Zeiss, dem Laser von Trumpf, der Fertigungsarchitektur einer Fab. Der Fall Inspur/Aivres zeigt eine andere Art von Kontrollverlust: nicht den Verlust einer Komponente, sondern den Verlust der Reichweite eines Verbots, sobald sich Eigentum und Nutzung eines Guts auf verschiedene Rechtsräume verteilen lassen. Die Sanktion trifft die Ware, aber nicht mehr das, wofür die Ware eigentlich steht – Rechenleistung. Ob und wie dieses Konstruktionsproblem behoben wird, ob es sich auf andere gelistete Unternehmen übertragen lässt und ob die laufenden Ermittlungen zu Konsequenzen führen, bleibt offen.
Ralf Keuper
Quellenliste:
- New York Times: How a Blacklisted Chinese Tech Giant Kept Buying America’s Best A.I. Chips
- Al Jazeera: „US tech firms grapple with latest curbs on China’s Inspur“ (7.3.2023) – https://www.aljazeera.com/economy/2023/3/7/us-tech-firms-grapple-with-latest-curbs-on-chinas-inspur
