86 Milliarden Euro, ein Plus von 50 Prozent – die Meldung des IW Köln zu den ausländischen Direktinvestitionen 2025 klingt nach einer Erfolgsgeschichte für den Standort Deutschland. Doch der spektakuläre britische Zuwachs erklärt sich vor allem durch einen einzigen PE-Weiterverkauf (STADA an CapVest), dieselbe Kategorie verzeichnet auch den Verkauf des Weltmarktführers ebm-papst an einen US-Konzern und eine Reihe zeitgleich zurückgezogener Investitionen – und der ökonomisch bedeutsamste Fall des Jahres, die Übernahmeschlacht um die Commerzbank, taucht in keiner der Statistiken überhaupt auf. Ein Blick auf das, was die Zahl zusammenfasst – und was sie ganz übersieht.


Die Meldung liest sich zunächst eindeutig: Ausländische Unternehmen investierten 2025 rund 86 Milliarden Euro in Deutschland, ein Anstieg von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. IW-Ökonomin Samina Sultan spricht von einer Stabilisierung nach dem Einbruch 2024. Die Herkunftsländer haben sich deutlich verschoben: Das Vereinigte Königreich legt um 284 Prozent zu und liegt mit knapp einem Drittel aller Investitionen klar vor den USA, deren Anteil von über 36 auf rund 14 Prozent einbricht. Mehr als 80 Prozent des Kapitals kommt inzwischen aus Europa.

Eine Zahl, die weicher ist als ihre Schlagzeile

Das IW liefert die Relativierung selbst mit, ohne sie in den Vordergrund zu stellen: Direktinvestitionsflüsse schwanken von Jahr zu Jahr stark und werden durch einzelne Großtransaktionen verzerrt. Verglichen mit dem Median der Jahre 2015 bis 2024 bleibt statt 50 Prozent nur ein Anstieg von knapp 11 Prozent. Dass die dramatischere Jahresvergleichszahl trotzdem die Überschrift bildet, obwohl das Institut ihre Schwäche kennt und benennt, ist selbst eine Beobachtung wert – ein Institut mit Nähe zur Arbeitgeberseite hat ein strukturelles Interesse an der wohlwollenderen Standort-Erzählung. Das macht die Zahl nicht falsch, aber die Rahmung verdient eine zweite Lesart, bevor man sie übernimmt.

Auffällig ist auch der britische Sprung: ein Zuwachs von 284 Prozent innerhalb eines Jahres lässt sich kaum mit allgemein engeren Wirtschaftsbeziehungen erklären – und tatsächlich liefert der Markt selbst die Erklärung. Die mit Abstand größte Übernahme eines deutschen Unternehmens durch einen britischen Käufer im Jahr 2025 war die Mehrheitsübernahme des Arzneimittelherstellers STADA (Bad Vilbel) durch den britischen Finanzinvestor CapVest Partners: Bain Capital und Cinven, die STADA 2017 von der Börse genommen hatten, verkauften am 1. September 2025 rund 70 Prozent der Anteile an CapVest, bei einem Dealwert von rund 7 Milliarden Euro und einem Unternehmenswert von geschätzt 10 Milliarden Euro – der Abschluss erfolgte am 31. März 2026. Es handelt sich um einen reinen „Secondary“-Deal, den Weiterverkauf eines Unternehmens von einem Finanzinvestor an einen anderen, ohne dass produktive Kapazität hinzukommt oder deutsches Eigentum im engeren Sinne verloren ginge (STADA gehörte zuvor bereits einem US-amerikanischen und einem britischen Private-Equity-Haus). Eine einzelne Transaktion dieser Größenordnung erklärt einen erheblichen Teil des britischen Zuwachses – ein Umstand, der die Volatilitäts-Warnung des IW selbst bestätigt, aber in der Pressemitteilung nicht konkretisiert wird.

Was „Direktinvestition“ verdeckt

Der Artikel nennt selbst, was zu den Direktinvestitionen zählt: Fusionen, Übernahmen, Beteiligungen. Das ist ein entscheidender Unterschied zu Neuansiedlungen oder echtem Kapazitätsaufbau. Der Kauf eines bestehenden deutschen Unternehmens durch einen ausländischen Investor zählt statistisch genauso als „Investition“ wie der Bau eines neuen Werks – ökonomisch handelt es sich aber um sehr unterschiedliche Vorgänge: Eigentümerwechsel versus zusätzliche Wertschöpfung.

Diese Doppeldeutigkeit lässt sich an einem aktuellen Fall konkret zeigen. Am 17. August 2026 einigten sich die Gesellschafterfamilien von ebm-papst, dem württembergischen Weltmarktführer für Ventilator- und Lufttechnik, auf den Verkauf an den US-Konzern Madison Air – zu einem Unternehmenswert von 5,1 Milliarden Euro. Es ist, nach der Heiztechniksparte von Viessmann (an Carrier, für zwölf Milliarden Euro) und der historischen Übernahme von Boehringer Mannheim durch Roche 1997, einer der größten Verkäufe eines deutschen Familienunternehmens ins Ausland der vergangenen Jahre.

Sobald diese Transaktion Ende 2026 vollzogen ist, wird sie in der nächsten Auflage der IW-Statistik vermutlich als steigende US-Investition auftauchen – während ihre eigentliche ökonomische Bedeutung der Verlust deutscher Eigentümerkontrolle über einen Weltmarktführer ist. Dieselbe Zahl trägt damit zwei gegensätzliche Erzählungen gleichzeitig: „Vertrauen in den Standort“ und „Ausverkauf deutscher Substanz“. Welche davon die Pressemitteilung wählt, ist keine Frage der Statistik, sondern der Interessenlage der Institution, die sie kommentiert.

Bezeichnend ist, dass die Gegenposition nicht von außen kommt, sondern aus demselben Haus: In der Berichterstattung zum ebm-papst-Verkauf wird der IW-Ökonom Jürgen Matthes mit deutlicher Skepsis zitiert. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht und aus Sicht der Eigentümer sei die Übernahme nachvollziehbar – aus volkswirtschaftlicher Sicht drohe jedoch ein Verlust von Arbeitsplätzen und Standortsubstanz. Die „Stabilisierungs“-Lesart der Investitionsstudie ist damit nicht einmal institutsintern unstrittig, sondern eine von mehreren möglichen Deutungen derselben Datenbasis.

Zeitlich kommt eine weitere Unschärfe hinzu: Der ebm-papst-Deal steckt noch gar nicht in den 2025er-Zahlen, auf die sich die Studie bezieht. Der hier beschriebene Ausverkauf-Trend läuft also parallel zur Untersuchung und unabhängig von ihr – und wird der Statistik erst mit Verzögerung zugerechnet, meist mit einem positiven Vorzeichen versehen.

Der STADA-Fall steht zudem nicht allein: Nach der jährlichen PwC-Analyse „Destination Deutschland“ stieg das M&A-Transaktionsvolumen ausländischer Investoren 2025 auf rund 118 Milliarden Euro (2024: rund 101 Milliarden), bei nahezu gleichbleibender Dealzahl – Private-Equity-Investoren waren dabei erstmals an mehr als der Hälfte aller Transaktionen beteiligt, ein Höchststand. Käufer aus der EU und der Eurozone weiteten ihre Aktivität besonders deutlich aus (2025: 712 Deals, 55 Milliarden Euro; 2024: 641 Deals, 34 Milliarden Euro). Die drei größten Einzeltransaktionen des Jahres nach PwC waren: der Tennet-TSO-Anteil (9,5 Milliarden Euro, niederländisch-singapurisch-norwegisches Konsortium), die Mehrheitsübernahme von BASF Coatings, der Lacksparte von BASF, durch den US-Finanzinvestor Carlyle und den katarischen Staatsfonds QIA (7,7 Milliarden Euro), und erst an dritter Stelle STADA/CapVest (7 Milliarden Euro). Bei Tennet bleibt der niederländische Staat zunächst mit 54 Prozent Mehrheitseigentümer; parallel plant der deutsche Bund über die KfW den Einstieg mit rund 25,1 Prozent ab Sommer 2026 – auch hier verbirgt die Kennzahl „ausländische Direktinvestition“ also eine komplexere, teils wieder rückverstaatlichende Eigentumsstruktur. Schon diese drei Fälle zeigen: Unter der einen Sammelkennzahl verbergen sich mindestens drei kategorial verschiedene Vorgänge – Infrastrukturbeteiligung, PE-Sekundärverkauf einer Industriesparte und PE-Weiterverkauf eines Pharmaunternehmens –, die eine Jahresstatistik nicht auseinanderhält.

Der eigentlich größte und ökonomisch bedeutsamste Fall des Jahres taucht in dieser Deal-Rangliste allerdings gar nicht auf: die Übernahmeschlacht der italienischen UniCredit um die Commerzbank. Weil es sich nicht um eine einzelne verhandelte Transaktion, sondern um einen schrittweisen, öffentlichen Erwerb von Streubesitzaktien und ein noch laufendes, von der Commerzbank-Führung abgelehntes Übernahmeangebot handelt, wird der Vorgang von M&A-Statistiken wie der PwC-Analyse nicht als „Deal“ erfasst – obwohl UniCredit ihren Anteil bis Mitte 2026 auf über 44 Prozent (mit Optionen auf bis zu 47,6 Prozent) ausgebaut hat und die Transaktion je nach Zeitpunkt mit 35 bis 45 Milliarden Euro bewertet wird, also die drei genannten PwC-Top-Deals zusammen deutlich übertrifft. Der Fall zeigt eine weitere blinde Stelle der Statistik: Gerade die volkswirtschaftlich brisanteste Form ausländischer Übernahme – der schrittweise, kontrollstrebende Einstieg in eine systemrelevante, börsennotierte deutsche Bank gegen den erklärten Willen ihres Managements – fällt durch das Raster sowohl der IW-Zahlungsbilanzstatistik als auch der M&A-Deal-Rankings.

Die Kehrseite in Zahlen: Wenn im selben Zeitraum Kapital abwandert

Der ebm-papst-Fall steht nicht isoliert. Im selben Zeitraum, in dem die IW-Studie einen Kapitalzufluss von 86 Milliarden Euro feiert, häufen sich Meldungen über zurückgezogenes oder storniertes Kapital – teils desselben Instituts:

  • Dow Chemical hatte bereits im April 2025 angekündigt, europäische Anlagen auf den Prüfstand zu stellen; im Juli 2025 bestätigte der Konzern die endgültige Schließung des Ethylen-Crackers in Böhlen und der Chlor-Alkali-Vinyl-Anlage in Schkopau (rund 550 Arbeitsplätze in Deutschland), mit Verweis auf Energiekosten, schwache Nachfrage und Importdruck aus Asien.
  • Eli Lilly kündigte im Juni 2026 an, seine ursprünglich mit 2,3 bis 2,5 Milliarden Euro geplante Investition in das neue Werk im rheinland-pfälzischen Alzey zu halbieren – als Reaktion auf das geplante Spargesetz von Gesundheitsministerin Nina Warken. Nahezu zeitgleich strich Boehringer Ingelheim für 2027 bis 2030 vorgesehene Investitionen von 900 Millionen Euro. Eine IW-eigene Pharmaexpertin, Jasmina Kirchhoff, bezeichnete beide Fälle gegenüber der dpa als „deutliche Warnschüsse“.
  • Eine Auswertung der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY kam für 2025 auf nur noch 548 neu angekündigte ausländische Investitionsprojekte in Deutschland – ein Rückgang von rund 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der achte Rückgang in Folge und der niedrigste Wert seit 2009. Diese Projektzahl misst etwas anderes als das Investitionsvolumen der IW-Studie, zeigt aber in die entgegengesetzte Richtung: Weniger neue Vorhaben, auch wenn einzelne Großtransaktionen das Gesamtvolumen nach oben ziehen.
  • Bereits 2024 war die geplante Intel-Chipfabrik in Magdeburg – seinerzeit als eine der größten Auslandsinvestitionen in der deutschen Industriegeschichte angekündigt – von Intel auf unbestimmte Zeit verschoben und später endgültig aufgegeben worden.
  • Im Juli 2026 wurde bekannt, dass Gespräche zwischen OpenAI und der Bundesregierung (Bundeskanzler Merz, Vizekanzler Klingbeil) über ein bis zu einem Gigawatt großes Rechenzentrum in Deutschland ohne konkretes Ergebnis blieben. Als zentrales Hindernis gelten die Energiekosten: OpenAI habe einen Standort nahe der französischen Grenze bevorzugt, um auf günstigen Atomstrom zugreifen zu können – eine Option, die sich in Deutschland seit der Abschaltung der letzten Kernkraftwerke 2023 nicht bietet. Sam Altman selbst hat öffentlich weiterhin Interesse an deutschen Rechenzentren bekundet, ohne dass daraus bislang eine verbindliche Zusage geworden wäre.

Ein weiterer, anders gelagerter Fall betrifft Stripe – allerdings nicht als Zurückhaltung des Unternehmens selbst (Stripe hat 2025/26 sein Berliner Büro ausgebaut), sondern als Bühne für eine Standortkritik mit internationaler Reichweite: Stripe-Mitgründer Patrick Collison schilderte kürzlich auf X die Erfahrung eines deutschen Gründers, dessen 90-seitiger Investmentvertrag – nach § 13 BeurkG notariell vorzulesen – einen vollen Tag in Anspruch nahm und 30.000 Euro kostete; seine zweite Firma habe der Gründer daraufhin nicht mehr in Deutschland eingetragen. Elon Musk griff den Beitrag mit einem knappen „Wow“ auf und trug ihn damit vor sein Publikum von rund 241 Millionen Followern. Ob ein einzelner Notarvorgang repräsentativ für den gesamten Gründungsstandort ist, bleibt offen – bemerkenswert ist, dass gerade eine solche Einzelanekdote, verstärkt durch prominente Multiplikatoren, das Bild des Investitionsstandorts international stärker prägen kann als eine Fachstudie mit Bundesbank-Daten. Das ist selbst ein Beleg dafür, wie unterschiedlich „Standortattraktivität“ wahrgenommen wird, je nachdem, ob man auf aggregierte Kapitalflüsse oder auf die Erfahrung einzelner Gründer und Investoren blickt.

Keiner dieser Fälle widerlegt die IW-Zahl als solche – sie beruht auf anderen Kategorien (Bestandsinvestitionen versus neu angekündigte Projekte, Zu- versus Abflüsse, Industrie versus Pharma/Tech). Aber sie zeigen, dass im selben Berichtszeitraum eine mindestens ebenso gut belegte Gegenerzählung existiert, die in der Pressemitteilung zur 50-Prozent-Zahl keine Erwähnung findet.

Die übersehene geopolitische Lesart

Auch der US-Einbruch – ein Rückgang der amerikanischen Investitionen in Deutschland um fast 44 Prozent – bleibt ohne den naheliegenden Kontext: 2025 fällt in eine Phase protektionistischer US-Handels- und Investitionspolitik, mit Zollerhöhungen und Anreizen zur Rückverlagerung von Kapital in den Heimatmarkt. Eine parallele IW-Auswertung zu deutschen Investitionen in den USA verweist im Übrigen in dieselbe Richtung: Sie sanken 2025 gegenüber dem Vorjahr um 65 Prozent, gegenüber dem Jahr vor Trumps Wiedereinzug ins Weiße Haus sogar um fast 80 Prozent – ein Hinweis darauf, dass es sich eher um eine allgemeine transatlantische Investitionszurückhaltung als um eine spezifisch auf Deutschland gerichtete Bewegung handeln könnte. Dass dieser Zusammenhang in der Pressemitteilung zu den Auslandsinvestitionen in Deutschland nicht hergestellt wird, schwächt die Aussagekraft der isolierten Prozentzahl.

Was die Europa-Konzentration eigentlich zeigt

Dass mehr als 80 Prozent der Investitionen aus Europa kommen, wird als Beleg für besonders enge wirtschaftliche Beziehungen präsentiert. Das ist jedoch weitgehend die Normalität internationaler Investitionsmuster – geografische Nähe, Binnenmarkt und gemeinsame Regulierung begünstigen grenzüberschreitendes Kapital ohnehin. Als Bestätigung einer bereits erwartbaren Struktur ist die Zahl weniger aussagekräftig, als die Formulierung suggeriert.

Vorläufiges Fazit

Die zugrundeliegenden Bundesbank-Daten sind vermutlich korrekt erhoben. Fragwürdig ist die Erzählung darüber: Sie beruht auf einem einzelnen, volatilen Jahreswert, stammt von einem Institut mit erkennbarem Interesse an einer positiven Standort-Geschichte, und lässt offen, welcher Anteil der gemeldeten Investitionen tatsächlichem Kapazitätsaufbau entspricht und welcher Anteil schlicht den Eigentümerwechsel bestehender deutscher Substanz beschreibt. Der Fall ebm-papst zeigt, dass beides in derselben Kennzahl verschwindet – und dass selbst innerhalb des IW keine einheitliche Lesart existiert, welche der beiden Geschichten die richtige ist.

Ralf Keuper


Quellen: