Kaum ein Wirtschaftszweig wird derzeit so zuverlässig mit dem Etikett „Zukunftsmarkt“ versehen wie die Kreislaufwirtschaft. Zweistellige globale Wachstumsraten, ein Bundeskabinett, das im Juni 2026 ein eigenes Aktionsprogramm beschließt, eine Beratungsstudie, die der deutschen Industrie ein Wertschöpfungspotenzial von 880 Milliarden Euro bis 2045 verspricht – die Erzählung ist geschlossen. Ein Blick auf die operative Wirklichkeit der Branche in Deutschland ergibt ein deutlich vorsichtigeres Bild: eine hoch technisierte, systemrelevante, aber unter Kosten- und Regulierungsdruck stehende Infrastrukturbranche mit moderatem statt exponentiellem Wachstum. Zwischen beiden Bildern liegt keine einfache Übertreibung, sondern eine strukturelle Frage: Wer profitiert von welcher Version der Erzählung, und was verdeckt jede der beiden?
Globale Zahlen, die wenig tragen
Die international kursierenden Marktgrößen für die Kreislaufwirtschaft schwanken zwischen rund 166 Milliarden und 578 Milliarden US-Dollar – je nachdem, ob Marktforschungsinstitute Recycling im engeren Sinn, den gesamten Abfallsektor oder ein breites „Circular Economy Solutions“-Konzept mit Wiederverwendung, Reparatur und Sharing-Modellen zugrunde legen. Zweistellige CAGR-Werte lassen sich mit fast jeder dieser Abgrenzungen produzieren, weil die Definitionsbreite selbst der Haupttreiber der Zahl ist, nicht die zugrunde liegende Marktdynamik. Solche Zahlen taugen als Indikator dafür, dass etwas in Bewegung ist – nicht als Beleg für ein bestimmtes Wachstumstempo, und schon gar nicht als direkte Übertragung auf einen einzelnen Länder- oder Teilmarkt.
Zwei Diagnosen für Deutschland – und wer sie stellt
Für die deutsche Kreislaufwirtschaft existieren im Kern zwei belastbare, aber unterschiedlich gerahmte Einschätzungen. Die Deutsche Bank verweist auf eine Prognose von Bundesumweltministerium und Roland Berger, wonach das deutsche Marktvolumen von 24 auf 32 Milliarden Euro bis 2030 wachsen könnte – ausdrücklich langsamer als andere Umwelttechnik-Märkte, wegen langer Innovationszyklen insbesondere beim Kunststoff- und Batterierecycling. Der Prognos-Statusbericht 2026, getragen von 15 Branchenverbänden und der IFAT, beschreibt eine Branche mit rund 322.000 Beschäftigten und 13.500 Behandlungsanlagen, die „leistungsfähig, hoch technisiert und operativ belastbar“ ist, zugleich aber feststellt, dass sich die politischen Erwartungen an eine Circular Economy zunehmend von den wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen entfernen – eine bemerkenswert offene Formulierung für ein von der Branche selbst mitgetragenes Dokument.<…
