Das deutsche Wirtschaftsmodell der Nachkriegszeit ruhte auf einer Prämisse, die so selbstverständlich wirkte, dass sie selten explizit formuliert wurde: Qualitätsführerschaft sichert Preisspielraum. Wer besser ist, darf mehr verlangen. Und wer mehr verlangen darf, kann die damit verbundenen Kosten – hohe Löhne, aufwendige Ausbildungssysteme, sozialpolitische Sicherungsarchitektur, staatlich kofinanzierte Forschung – dauerhaft tragen. Dieses Modell war exportbasiert: Der Heimatmarkt diente als Referenz und Erprobungsfeld, der Weltmarkt als Erlösquelle. Die Logik schloss sich, solange niemand auf vergleichbarem Qualitätsniveau deutlich billiger produzieren konnte.

Diese Bedingung existiert nicht mehr. China hat sie strukturell aufgehoben. Was folgt, ist nicht nur eine Krise einzelner Branchen – es ist die Infragestellung des gesamten institutionellen Gefüges, das auf dieser Prämisse aufgebaut wurde: der Förderlogik, der Industriepolitik und der Forschungsinfrastruktur, die sich als unverzichtbare Stütze des Modells verstanden hat.


Ein Strukturbruch, kein Konjunkturzyklus

ie politische und wirtschaftsjournalistische Debatte in Deutschland neigt dazu, den gegenwärtigen Einbruch als eine Abfolge von Störungen zu interpretieren: Pandemie, Energiepreisschock, schwache Weltkonjunktur, politische Unsicherheit. Diese Faktoren sind real, aber sie sind nicht die Ursache. Sie überlagern und beschleunigen einen Strukturbruch, der unabhängig von ihnen stattfindet.

China hat in der letzten Dekade in mehreren Schlüsselsektoren den Übergang vom Imitator zum vollwertigen Qualitätsproduzenten vollzogen – bei Photovoltaik, Batterietechnologie, Elektrofahrzeugen und zunehmend im Maschinenbau und in der Haushaltstechnik. Dieser Übergang war kein Marktereignis, sondern das Ergebnis gezielter Industriepolitik: staatliche Subventionierung, Skaleneffekte durch den Binnenmarkt, Technologietransfer und eine strategische Bereitschaft, kurzfristig Verluste in Kauf zu nehmen, um langfristig Marktanteile zu gewinnen.

Das Ergebnis ist eine Wettbewerbskonfiguration, auf die das deutsche Modell strukturell keine Antwort hat: ein Konkurrent, der gleichzeitig Qualitätsparität anstrebt und Kostenstruktur eines staatlich gestützten Systems besitzt. Dieser Konkurrent kann Produkte zu einem Drittel oder einem Viertel des deutschen Preises anbieten – nicht weil er schlechter ist, sondern weil er anders kalkuliert.

Das Wärmepumpen-Paradox als Lehrstück

Das Beispiel der Wärmepumpenbranche illustriert die innere Logik des Problems mit ungewöhnlicher Deutlichkeit, weshalb es hier stellvertretend stehen soll – nicht als Randsektor, sondern als Modellfall.

Die Bundesrepublik hat erhebliche öffentliche Mittel in die Förderung energetischer Modernisierung investiert. Die Wärmepumpe sollte zum Kern der Energiewende werden: technologisch anspruchsvoll, klimapolitisch geboten, wirtschaftlich vielversprechend. Deutsche Hersteller wie Viessmann, Bosch und Wolf verfügen über Jahrzehnte Erfahrung, Qualitätsstandards und Handwerkernetze. Dennoch sieht sich die Branche 2025 mit chinesischen Anbietern konfrontiert, die Geräte zu Preisen anbieten, die 30 bis 50 Prozent unter dem deutschen Niveau liegen – und dabei nicht mehr substanziell schlechter sind.

Hier zeigt sich das eigentliche Paradox: Der Staat fördert die Nachfrage, um einen Heimatmarkt zu schaffen, der deutschen Herstellern Skalierung und Lernkurveneffekte ermöglicht. Aber wenn chinesische Wettbewerber denselben Markt betreten und dabei von einer Kostenbasis profitieren, die staatliche Intervention in Deutschland nicht annähernd kompensieren kann, dann subventioniert die Fördermaßnahme im Ergebnis die chinesische Konkurrenz. Die Nachfrage wird stimuliert, die Erlöse fließen woanders hin.

Dieses Muster ist nicht auf die Wärmepumpe beschränkt. Es hat sich bei der Photovoltaik vollständig verwirklicht: Neunzig Prozent der in Deutschland installierten Module stammen heute aus China. Der Heimatmarkt existiert, die deutschen Hersteller nicht mehr.

Der Irrtum der strategischen Förderlogik

Der wirtschaftspolitische Reflex auf diese Situation ist verständlich, aber strukturell verfehlt. Er lautet: Fördermaßnahmen ausbauen, Subventionen erhöhen, Standards schärfen, Handwerkernetze stärken. Das soll deutschen Herstellern Zeit kaufen, bis sie wettbewerbsfähig genug sind, das Modell zu exportieren und die Kosten zu refinanzieren.

Dieser Ansatz setzt voraus, dass der Qualitätsvorsprung noch vorhanden ist oder wiederhergestellt werden kann, und dass der Weltmarkt bereit ist, diesen Vorsprung zu honorieren. Beides ist zweifelhaft. Qualitätsparität ist kein statischer Zustand, sondern ein bewegliches Ziel. Chinesische Hersteller entwickeln sich weiter. Der Rückstand, den sie aufzuholen hatten, wird kleiner. Der verbleibende Vorsprung – bei Kältemitteln, Systemintegration, Effizienz unter extremen Bedingungen – ist real, aber er ist nicht preisrechtfertigend in einem Markt, in dem die Alternative für viele Abnehmer schlicht gut genug ist.

Hinzu kommt das Refinanzierungsproblem. Das deutsche Modell benötigte immer einen Weltmarkt, der Premium akzeptiert. Dieser Markt existiert, aber er schrumpft relativ. Schwellenländer kaufen zunehmend chinesische Technologie. Westliche Märkte sind teilweise durch eigene Schutzmaßnahmen geprägt, die deutschen Herstellern nicht zwingend nützen. Der Exportpfad, der das Modell schließen sollte, wird schmaler.

Systemische Konsequenzen

Die Folgen sind nicht auf einzelne Branchen begrenzt. Das Wirtschaftsmodell war ein integriertes System: Exporterlöse finanzierten Löhne, Löhne finanzierten Sozialversicherung, Sozialversicherung stabilisierte den Binnenkonsum, Binnenkonsum und staatliche Investitionen ergänzten das Exportmodell. Wenn die Erlösseite unter Druck gerät, gerät das gesamte System unter Druck.

Konkret bedeutet das: Gewerbesteuereinnahmen sinken, wenn Industriebetriebe schrumpfen oder abwandern. Rentensysteme geraten unter Druck, wenn die Beschäftigungsbasis in der Industrie abnimmt. Forschungsinstitutionen verlieren ihre industrielle Verankerung, wenn die Unternehmen, die ihre Ergebnisse verwerten sollten, nicht mehr in ausreichender Zahl existieren. Der Mittelstand, der als Rückgrat des Modells galt, verliert seinen Referenzmarkt.

Das sind keine kurzfristigen Friktionen. Es handelt sich um strukturelle Anpassungsdrücke, die sich über einen mittleren Zeithorizont – die nächsten fünf bis zehn Jahre – entfalten werden und deren politische Verarbeitungskapazität gegenwärtig schwer einzuschätzen ist.

Was folgt

Es wäre analytisch unredlich, an dieser Stelle eine Liste von Lösungen anzufügen, die das Problem beheben. Strukturbrüche dieser Art haben keine einfachen Antworten, und das Diagnostizieren einer Lage ist etwas anderes als das Entwerfen von Therapien.

Was sich sagen lässt: Das Modell in seiner bestehenden Form ist nicht mehr reproduzierbar. Die Annahme, auf der es ruhte – dass Qualitätsvorsprung dauerhaft Preisspielraum sichert –, gilt nicht mehr uneingeschränkt. Welche Anpassungen daraus folgen, ist eine offene Frage. Sie reicht von einer Neuverhandlung des Verhältnisses zwischen Industrie und Staat über eine Spezialisierung auf Nischenmärkte mit echten Eintrittsbarrieren bis hin zu einer schmerzhaften Verkleinerung des industriellen Sektors bei gleichzeitiger Expansion des Dienstleistungsbereichs – mit allen Implikationen für Löhne und Sozialsysteme.

Was nicht funktionieren wird: das Modell durch Fördermaßnahmen zu konservieren, die seinen Grundwiderspruch nicht auflösen, sondern nur zeitlich verschieben.

Fraunhofer & Co. und die Frage nach dem Transferziel

Wenn das Modell durch Fördermaßnahmen nicht mehr zu stabilisieren ist, ergibt sich eine Folgefrage, die in der gegenwärtigen Debatte auffällig gemieden wird: Wozu dient die industrienahe Forschungsinfrastruktur noch – Fraunhofer, Helmholtz, die angewandten Wissenschaftszentren insgesamt?

Ihre institutionelle Legitimation war von Anfang an eine funktionale, keine akademische. Sie produzierten nicht Wissen um des Wissens willen, sondern Technologietransfer: Forschungsergebnisse sollten in marktfähige Produkte überführt werden, von einer Industrie, die am Ende der Transferkette stand und die damit verbundenen Erlöse generierte. Dieser Kreislauf schloss sich, solange die Industrie existierte, die ihn schließen sollte.

Wenn diese Industrie schrumpft, abwandert oder durch Wettbewerber ersetzt wird, die ihre eigene Forschungsinfrastruktur besitzen, hängt die Fraunhofer-Logik in der Luft. Man produziert Technologievorsprünge, die entweder nicht mehr monetarisierbar sind – weil der Preisabstand zu klein für die deutsche Kostenbasis ist – oder die über Lizenzierungen und Kooperationen letztlich Abnehmern zugutekommen, die außerhalb des deutschen Wirtschaftsraums operieren. Im schlechteren Fall finanziert der deutsche Steuerzahler Vorleistungen für globale Wertschöpfungsketten, deren Mehrwert anderswo anfällt.

Damit ist jedoch nur die Zukunftsfrage gestellt. Die schwerere Frage betrifft die Vergangenheit. Fraunhofer und vergleichbare Einrichtungen existieren seit Jahrzehnten, verfügen über erhebliche öffentliche Mittel, und ihre erklärte Funktion war es, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie durch Technologietransfer zu sichern. Wenn diese Industrie heute in den Sektoren, in denen diese Einrichtungen tätig waren, systematisch an Wettbewerbsfähigkeit verliert, dann ist das entweder ein Versagen dieser Institutionen – oder ihre Funktion war nie so zentral wie behauptet. Beides ist keine Entlastung. Wären sie so leistungsfähig, wie ihre Selbstdarstellung nahelegt, müsste die Lage der deutschen Industrie eine andere sein.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem institutioneller Natur. Einrichtungen wie Fraunhofer haben ein inhärentes Interesse daran, das Problem, das sie lösen sollen, als lösbar darzustellen – und sich selbst als unentbehrlichen Teil der Lösung. Das erzeugt eine systemische Tendenz zur Selbstbestätigung: Man produziert Berichte über Innovationspotenziale, Transformationschancen und technologische Vorsprünge, die den Eindruck erwecken, die Lage sei beherrschbar, wenn man nur die richtigen Forschungsfelder besetze. Diese Narrative haben eine politische Funktion: Sie legitimieren Mittelzuflüsse und entlasten die politische Klasse davon, härtere strukturelle Fragen zu stellen. Die Innovationsrhetorik, die aus diesen Institutionen kommt, ist deshalb nicht neutral – sie ist Teil des Problems, das sie vorgibt zu analysieren.

Es gibt eine aktuelle Variante dieser Rhetorik, die gegenwärtig institutionell dominiert: Fraunhofer und vergleichbare Einrichtungen rechtfertigen sich zunehmend über Transformationsnarrative – Klimatechnologie, künstliche Intelligenz, Quantencomputing. Das ist nicht ohne Substanz. Aber es verschiebt das Problem auf eine höhere Abstraktionsebene, ohne es aufzulösen. Denn wenn das Grundproblem nicht in fehlender Forschung liegt, sondern in einer Wirtschaftsstruktur, die Forschungsergebnisse nicht mehr wettbewerbsfähig in Produkte überführen kann, dann produziert mehr Forschungsförderung lediglich mehr unverwertete Ergebnisse – oder Ergebnisse, die anderswo verwertet werden.

Ralf Keuper